Nr. 24, 22. Oktober 2004
Antwort finden auf neue Bedrohungen
Unsere Verwundbarkeiten liegen in der Schweiz
Von Divisionär
aD Hans Bachofner, Uitikon-Waldegg
(Referat an der SVP-Delegiertenversammlung am 16. Oktober 2004 in Schaffhausen)
In ihrem Bericht über die Anschläge
vom 11. September 2001 kommt die Untersuchungskommission des amerikanischen
Kongresses
zu folgenden Schlüssen:
1. Die USA waren wehrlos
und unvorbereitet. Die Verantwortungen waren nicht klar geregelt. Die Regierung
hat in ihrer wichtigsten Aufgabe, das Volk zu schützen, versagt. Das
Parlament hat in seiner Aufsichtspflicht versagt. Nachrichtendienste, Einwanderungs-
und Luftfahrtbehörden und Grenzschutz
versagten.
2. Der Staat mit den stärksten Streitkräften der Weltgeschichte,
mit denen er die Meere, den Luftraum, den Weltraum zu beherrschen glaubte,
war in Wirklichkeit wehrlos.
3. Der Bericht beschreibt in Einzelheiten das Versagen der Politik vor dem
11. September, das Versagen der Führung am 11. September und die fehlenden
Fähigkeiten der verantwortlichen Instanzen. Als Hauptursache aller Fehler
nennt der Bericht das mangelnde Vorstellungsvermögen: Die Verantwortlichen
der USA haben das Ausmass der Bedrohungen, die über die Jahre hinweg
herangewachsen sind, nicht erkannt.
Am Abend des Massakers an Schulkindern in Beslan trat der russische Präsident
Wladimir Putin vor die Kameras und sagte: «Wir haben die drohende Gefahr
nicht richtig erkannt. Auf jeden Fall konnten wir nicht richtig reagieren.
Wir müssen ein viel wirkungsvolleres System schaffen. Unsere Kräfte
müssen der Grössenordnung der neuen Bedrohungen entsprechen. Wir
brauchen eine wirkungsvollere Führung im Krisenfall. Wir zeigten Schwäche,
und der Schwache wird bestraft.»
Wehrlose Schweiz
Wir Schweizer sind nicht weniger wehrlos als die Militärgiganten USA
und Russland. Auch wir verkennen die Gefahr, beschäftigen uns mit Ladenhütern
aus den friedenseuphorischen neunziger Jahren, verzetteln unsere Kräfte.
Auch uns fehlt es an modernen Szenarien und angemessenem
Bedrohungsbewusstsein. Wir haben die Organisation der Gesamtverteidigung zerfallen
lassen. Überall sind einzelne Ämter und Organisationen am Werk,
aber es fehlt die eingespielte Führung auf der entscheidenden obersten
Stufe.
Massaker statt Schlachten
Wir sind eingetreten in eine radikal veränderte Sicherheitslandschaft,
deren Kennzeichen Terrorismus, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und
gescheiterte Staaten sind. Das modische Schlagwort «Asymmetrische Kriegführung»
wird nicht richtig verstanden. Symmetrische Kriege sind Kriege unter Gleichartigen.
Streitkräfte in Uniformen, kaserniert, diszipliniert, durch Kriegsrecht
gebändigt, suchen
die Entscheidungsschlacht. Symmetrische Kriege gleichen dem Duell. Die Chancen,
zu töten und getötet zu werden, sind ähnlich. Diese Kriege
haben ein Ende mit ritualisierten Formen des Waffenstillstandes und Friedensschlusses.
Asymmetrische Kriege, wie sie das 21. Jahrhundert prägen, meinen Gewalt
unter Ungleichen. Nicht David gegen Goliath, nicht unterschiedliche Quantität,
sondern unterschiedliche Qualität sind ihr Merkmal. Die Zivilbevölkerung
ist Angriffsziel. Massaker an Schulkindern, Theaterbesuchern und Hotelgästen
ersetzen die Schlachten. Selbstmordattentate, Entführungen und Enthauptungen
vor laufender Kamera kennen kein Völkerrecht. Der Feind ist unsichtbar,
oft unbekannt, «ein Netz».
Der asymmetrische Krieg
Zeit und Raum, die Grundelemente aller Strategie, haben eine völlig neue
Bedeutung: In den bekannten symmetrischen Kriegen trachtete man danach, die
Kampfhandlungen zeitlich und räumlich zu beschränken. Die neuen
asymmetrischen Kriege kennen keine Grenzen und kein Ende. AI-Kaida schlägt
weltweit zu, die Kriege der Warlords in Afrika finanzieren sich selbst und
können ewig dauern.
Die Folgen für die Weltpolitik sind dramatisch. Die Institutionen sind
ratlos. Die Uno versteht sich als ein System von verantwortlichen Staaten
mit funktionierendem Gewaltmonopol. Dem entstaatlichten Krieg ohne völkerrechtlich
fassbare Akteure begegnet sie hilflos.
Die imperial auftretende Weltmacht USA ist mit ihrer neuen strategischen Doktrin
in Afghanistan wie im Irak gescheitert, vor allem nachrichtendienstlich. Der
Anschluss an die Schutzmacht USA hat seinen
gestrigen Glanz verloren. Die strategischen Atomwaffen sind noch Restposten
aus der Zeit der symmetrischen Kriege. Die Rumsfeld-Doktrin von High-Tech-Streitkräften
mit kleinen Beständen wird korrigiert.
Verwundbarkeiten prüfen
Es gibt keinen Grund, der alten Zeit der symmetrischen Kriege nachzutrauern,
sie brachte unsägliches Leid über die Menschheit. Aber wir haben
allen Grund, unsere eigenen Verwundbarkeiten zu prüfen, Umschau zu halten,
wer uns wo was antun könnte, und eine neue Doktrin auf strategischer,
operativer und taktischer Stufe zu entwickeln und anzuwenden. Hysterie ist
sowenig angebracht wie Vernachlässigung und gemütliche Verwaltung
der Mängel der Armee XXI. Zwei Stichworte müssen genügen: Der
Kleinstaat braucht im asymmetrischen Krieg - im Gegensatz zur Grossmacht -
eine defensive Strategie und eine operativ/taktische Doktrin der Redundanz,
der Überlappung, der
Dezentralisierung. Terroristen schlagen dort zu, wo wir am verwundbarsten
sind, wo wir mit einem Schlag gelähmt werden können. Landesverteidigung
erhält ein neues Gesicht. Wir sind zurzeit auf dem falschen Weg.
Die Schweiz wird nicht am Hindukusch verteidigt
Was in den neunziger Jahren als humanitäre Militärintervention gedacht
war - die Verhinderung von Völkermord z. B. -, hat längst eine Eigendynamik
entwickelt und ist ausser Kontrolle geraten. Mit Militär soll nun «nation
building» betrieben werden. Die Versuche stecken weltweit in der Sackgasse.
Darfur steht für die neue Zurückhaltung, der Irak für das Scheitern,
Afghanistan für die wachsenden Zweifel. Der Aufbau von gescheiterten
Staaten in fremden Kulturen mit Hilfe des Militärs ist kaum zu bewältigen.
Die militärischen und zivilen personellen Mittel fehlen ebenso wie die
finanziellen. Der Wille der Völker
zu Hause erlahmt bald einmal.
Auch die Schweiz hat eher peinliche Erfahrungen mit gut gemeinten Auslandeinsätzen
der Armee: Namibia (Krieg fand nicht statt), Westsahara (Abstimmung fand nicht
statt), Löschhelikopter in Portugal (Feuer war schon gelöscht) und
vor allem bei den März-Unruhen im Kosovo. Regierung, militärische
Führung und Nachrichtendienste haben offensichtlich versagt. Die beteiligten
Wehrmänner sind kaum zu tadeln, wohl aber die Verantwortungsträger.
Die Abrechnung hat in der Schweiz noch nicht stattgefunden. In andern Ländern
ist zu diesem Thema die Rede von hemmenden Einsatzregeln, fehlenden Krisenplänen,
nicht abgestimmter Zusammenarbeit von KFOR und Uno, Unkenntnis der Verantwortlichkeiten,
unzureichenden Fähigkeiten in multinationalen Stäben, fehlenden
Reserven, falschen Kräfteverhältnissen zwischen Kampftruppen und
Unterstützungstruppen, ungenügendem Nachrichtendienst, Defiziten
in der mentalen Einstellung in bezug auf die latente Bedrohung.
Militäreinsätze dürfen nicht zum Ersatz für Politik werden.
Stabilisierung ist kein Selbstzweck: Sie muss politische Lösungen ermöglichen.
Die fehlen zurzeit überall, wo Schweizer Militär in Langzeiteinsätzen
steht. Unabhängige Beobachter vor Ort melden aus Afghanistan wie aus
dem Kosovo, dass die Bevölkerung nichts mehr wünscht als den Abzug
fremder Truppen, also
auch der Schweizer.
Eine deutsche Stimme
«Wir sehen seit dem Jugoslawienkrieg, dass die Dinge, die wir angefangen
haben, sich politisch als unlösbar herausgestellt haben. Das darf nicht
dazu führen, dass wir auf Jahrzehnte immer mehr in militärische
Dinge hineingezogen werden, ohne dass etwas in Bewegung gerät. Die Auslandeinsätze
drohen zu Fässern ohne Boden zu werden. Das ganze deutsche Engagement
droht aus dem Ruder zu laufen.»
Militärisch zu schützende Schweizer Interessen in Afrika, im Nahen
Osten, im Kaukasus, in Zentralasien? Überall sind wir interessiert. Als
Kleinstaat sind wir weder in der Lage noch verpflichtet, weltweit militärisch
für Ordnung zu sorgen. Als Mitläufer anderer, die ihre eigenen Interessen
verfolgen, haben wir keinen Platz. Unsere Verwundbarkeiten liegen in der Schweiz
selbst. Hier sind die neuen asymmetrischen Kriege zu führen. Hier sind
unnötige Schwachpunkte zu vermeiden und nötige zu schützen.
Hier ist eine reibungslose Führung im Ereignisfall einzutrainieren, hier
sind Verantwortungen, Kompetenzen und Dienstwege zu klären. Hier sind
alle Mittel, die intellektuellen, finanziellen und personellen zu konzentrieren.
Der netzartig operierende Feind des 21. Jahrhunderts ist nicht lokalisierbar
im Ausland. Er hat eine neue Qualität. Vielleicht ist er schon da. Auch
in Madrid konnte man sich das Grauen der Anschläge nicht vorstellen.
Divisionär
aD Hans Bachofner