Nr. 24, 22. Oktober 2004
Deutliche Quittungen bei deutschen Landtagswahlen
SPD und CDU verlieren
Von Fritz Schenk,
Frankfurt am Main
So unterschiedlich können Wahrnehmungen
sein: Da wurden CDU und SPD fast gleichgewichtig abgestraft, aber die SPD-Führung
scheint Ohrfeigen schon gar nicht mehr zu fühlen.
Rund sieben Prozentpunkte
verloren sowohl SPD wie CDU in Brandenburg. In Sachsen verlor die CDU sogar
fast 16 Prozentpunkte und die absolute Mehrheit. Mit rund 41 Prozent Wählerstimmen
steht ihr Ministerpräsident Milbradt aber immerhin noch um zehn Punkte
besser da als der SPD-Ministerpräsident Platzeck von Brandenburg mit
rund 31 Prozent - trotzdem feiert die SPD die Ergebnisse der Brandenburg-Wahl
als Sieg, so dass die CDU quasi als alleinige Verliererin dasteht. Auch dass
die SPD in Sachsen - ihrem einstigen Gründungsland! - mit nur noch knapp
10 Prozent Wählerstimmen zu einer Splitterpartei verkommen ist, scheint
die Nachfahren August Bebels nicht zu jucken. Sie feierten einen «erfolgreichen
Abend». Die bedenklichste Lektion dieser Wahl wird dabei allerdings
ausgespart: Die anhaltend niedrige Wahlbeteiligung. Fast die Hälfte der
Wahlberechtigten
bleibt den Wahlen fern. Umfragen belegen, dass die Verweigerer dies bewusst
tun. Es ist vor allem ein Misstrauensvotum gegen die beiden grossen Parteien
SPD und CDU. In beiden Ländern konnten diese Parteien ihre vermeintlichen
Stammwähler nicht mobilisieren. Das traf vor allem die sächsische
CDU hart.
Das Minus von rund 16 Prozentpunkten geht auf die Daheimgebliebenen zurück.
Dies ist nicht nur ein Problem der sächsischen CDU oder gar ihres Ministerpräsidenten
Milbradt, sondern der CDU/CSU insgesamt, vor allem aber das von Frau Angela
Merkel. Als Vorsitzende der Unionsfraktion wird sie als
die eigentliche Oppositionsführerin entweder wahrgenommen - oder die
Opposition verliert insgesamt an Reputation und Glaubwürdigkeit. Und
wenn bundespolitische Aspekte so deutlich Landtagswahlen dominieren, wie das
seit Aufbrechen der allgemeinen deutschen Krise der Fall geworden ist, müssen
die entscheidenden Akzente von der Oppositionsfraktion und ihrer Vorsitzenden
gesetzt und der Öffentlichkeit unüberhörbar deutlich gemacht
werden.
Davon war und ist seit geraumer Zeit nichts zu spüren. Mehr noch: Wenn
die Vorsitzende auch noch in der Presse darüber klagt, dass die Union
ein inneres Ordnungsproblem hat, dass konturlos durcheinandergeredet wird,
es kaum noch möglich ist, zu verbindlichen Beschlüssen über
wichtige
Zukunftsaufgaben und Reformprojekte zu kommen, die dann auch in der Öffentlichkeit
einmütig und verständlich vertreten werden, dann wird sie nicht
mehr als mögliche Alternative zur Regierung gesehen, ja nicht einmal
mehr ernst genommen. Auch das hat die SPD geschickt ausgenutzt und sich neuen
Auftrieb verschafft.
«Denkzettel-Wähler»
Die Schwäche der grossen Volksparteien und die niedrige Wahlbeteiligung
bergen aber noch ein anderes Risiko, nämlich die Hinwendung der sogenannten
«Denkzettel-Wähler» zu den Extremparteien von Rechts und
Links. Im Westen wirkt sich das zumeist zugunsten der Rechten aus, im Osten
zugunsten der PDS.
Wäre die Wahlbeteiligung höher gewesen, dann wären DVU und
NPD nicht über die Fünf-Prozent-Hürde gekommen. So aber hat
die aufgebrachte deutsche Political Correctness wieder einen neuen «Nazibuhmann».
Wer aber die unbedarften Vertreter von NPD und DVU bei ihren Auftritten während
der
Wahlberichterstattung im Fernsehen erleben konnte, kann nur den Kopf über
die Aufgebrachtheit der übrigen Parteienvertreter und der deutschen Presse
schütteln. Würden sie sich gegenüber den Agitatoren der PDS
nur halb so konsequent zeigen, gäbe es das Problem PDS wahrscheinlich
nicht mehr. Da die SPD die SED-Nachfolger aber längst salonfähig
gemacht hat, besteht die eigentliche deutsche Gefahr in einem weiteren Ausbrechen
nach links.
Fritz Schenk