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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 22. Oktober 2004

Frau Ellen Ringier und die Demokratie
Den «Blick» verbieten?

Verlegersgattin Ellen Ringier ist eine einflussreiche Frau. Schliesslich haben die Ringier-Blätter mit dem «Blick» als Flaggschiff einiges Gewicht im Land. Frau Ellen Ringier fordert jetzt, die Doppelabstimmung über die erleichterte beziehungsweise automatische Einbürgerung vom 26. September sei zu annullieren. Weil das doppelte Nein, so deutlich es auch war, Frucht
einer «Hetzkampagne» gewesen sei. Im Vorfeld seien nämlich Inserate verbreitet worden mit der ungehörigen Frage «Muslime bald in der Mehrheit?». Das sei Hetze. Wer derart Übles frage, gehöre vor den Richter, gehöre abgeurteilt. Und die Abstimmung, zu welcher diese Frage gestellt wurde,
gehöre annulliert. Meint Frau Ellen Ringier.

Frau Ellen Ringier ist nicht bloss eine einflussreiche Frau. Sie ist auch eine reiche Frau. Monat für Monat schwemmt auch der «Blick» ein gar hübsches Sümmchen in ihre Kasse. Denn der «Blick» versteht es meisterhaft, den Kampagnen-Journalismus in klingende Münze zu verwandeln. Wählerisch ist er dabei übrigens nicht, der «Blick». Mal erfindet er eine «Staatskrise», auch wenn er eine solche ganz allein verspürt. Mitunter versteht er sich aber auch trefflich aufs Unappetitliche. Etwa dann, wenn er eine gar trübe Suppe vermeintlich gewinnbringend meint über Thomas Borer ausschütten zu können.
Pech, dass sich das Ganze schliesslich als erstunken und erlogen entpuppte. Aber Geld dürfte die widerwärtige Brühe trotzdem eingebracht haben. Ob sich Frau Ellen Ringier noch an den «Blick» vom 20. März 2004 erinnert? Damals ging's im «Blick» ums Muslim-Thema. Und der «Blick» brauchte deutliche Worte: «Schweiz - Bald mehr Muslime als Christen!». Sagte der «Blick». Ohne Fragezeichen. Dafür mit Ausrufezeichen. Und weiter: «Muslime stellen ihre Religion über unser Gesetz.» Wohlgemerkt: Der «Blick» sprach von «Muslimen» ganz allgemein. Nicht etwa von Islamisten.
Von Frau Ellen Ringier ist dazu - weder damals noch heute - nichts zu vernehmen.

Möchte Frau Ellen Ringier auch nur einigermassen glaubwürdig bleiben, könnte sie doch nicht bloss die Annullierung einer Volksabstimmung verlangen. Sie müsste zugleich auch ihren «Blick» verbieten lassen. Der das genau gleiche gesagt hat, was, als Frage formuliert, in der Sicht Frau Ellen Ringiers vor
einer Volksabstimmung «Hetze» sein soll. Warum nur bemüht sich Frau Ellen Ringier so gar nicht um Glaubwürdigkeit? Hängt das etwa mit ihrer persönlichen Kasse zusammen?


Ulrich Schlüer


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