Nr. 24, 19. September 2003
Ein
Politiker mit Weitsicht
Zum Abschied von Sigi Widmer
Von Nationalrat Luzi Stamm, Baden AG
Noch am 1. August 2003
erschien die Broschüre «Die Schweiz ein
eigenwilliges Land» aus der Feder von Dr. Sigmund Widmer. Wenige
Tage später verstarb er. Sein grosses Werk (nebst all seinen Büchern
und Broschüren mehr als tausend Artikel) wird ihn lange überleben.
Der Öffentlichkeit
ist «Sigi» Widmer in erster Linie als Stadtpräsident von
Zürich bekannt. Sechzehn Jahre lang bekleidete er dieses Amt. Aber das
war
nur ein Teil seiner enorm vielfältigen Tätigkeit.
Geboren wurde er am 30. Juli 1919. Nachdem er in Zürich die Schulen
absolviert hatte und Primarlehrer geworden war, studierte er in Zürich,
Genf
und Paris Geschichte und Germanistik. Seine politische Karriere begann 1950
mit der Wahl in das Zürcher Stadtparlament als LdU-Vertreter. Vier Jahre
später wurde er in den Stadtrat gewählt, wo er bis 1966 Hochbauvorstand
war.
Eine Kampfwahl machte ihn als Nachfolger von Stadtpräsident Emil Landolt
zum
Stadtpräsidenten.
Von 1963 bis 1966 und von 1974 bis 1991 war Sigi Widmer Mitglied des
Nationalrats. Während mehrerer Jahre präsidierte er die LdU/EVP-Fraktion.
Grossen Einsatz leistete er bei der Jurafrage. Er präsidierte die
Jura-Konsultativ-Kommission des Bundesrats, die einen Bericht zur
Vermittlung im Jurakonflikt ausarbeitete. Während Jahren präsidierte
er die
Kulturstiftung «Pro Helvetia». Im Militär wurde er Oberst
und
Regimentskommandant.
Einen hervorragenden Namen verschaffte sich Sigi Widmer als Historiker. Eine
ganze Anzahl von historischen und kulturgeschichtlichen Büchern verfasste
er, bis hin zur fünfbändigen Familiengeschichte unter dem Titel
«Familie
Frey». Seine bekanntesten Werke sind die «Illustrierte Kulturgeschichte
der
Schweiz» und die zwölfbändige «Kulturgeschichte von
Zürich». Kontakt pflegte
er zu unzähligen Persönlichkeiten im In- und Ausland. Bekannt wurde
vor
allem seine Freundschaft zu Alexander Solschenizyn, die er zusammen mit
seiner Frau pflegte.
Beeindruckend war seine politische Weitsicht. Ein Bundeshausjournalist
erklärte mir vor einigen Jahren: «Wenn ich eine Person nennen müsste,
die
mit ihren Prognosen richtig lag, welche Probleme auf unsere Gesellschaft
zukommen, so würde ich Dr. Sigmund Widmer nennen. Er hatte zwar nur
beschränkten Einfluss, weil er in einer kleinen Partei tätig war,
aber er
hat in all den Jahren kaum je einen Artikel geschrieben, bei dem man
rückblickend sagen muss, er habe falsch gelegen.» Diese Aussage
kommt einem
grossen Kompliment gleich.
Die Weitsicht begleitete ihn auch in den letzten Jahren seines Lebens. Er
wurde Präsident der Vereinigung «Interessengemeinschaft Schweiz
Zweiter
Weltkrieg». Mit grossem Engagement half er mit, ein Gegengewicht zu
setzen
gegen den Trend, die Schweiz und ihre Kriegsgeneration zu verunglimpfen. Mit
grosser Weisheit vertrat er die folgende Meinung: «Es hat nur beschränkte
Wirkung, gegen den Zeitgeist und gegen die heutige Propagandawalze zu
kämpfen, mit der die Schweiz negativ dargestellt wird. Aber die Zeit
wird
kommen, in dem sich die kommende Generation und junge Historiker einen Spass
daraus machen werden, die unhaltbaren Angriffe gegen die Schweiz und die
tendenziösen Aussagen der Bergier-Experten zu demontieren und zu
korrigieren.» Die Zukunft wird ihm auch hier recht geben...
Danke, Sigi Widmer, was Du uns, unserer Organisation und vor allem unserem
Land als Ganzes gegeben hast. Wir werden Dich in ewiger Erinnerung behalten.
Luzi Stamm
Nachfolger von Sigi Widmer als
Präsident der Interessengemeinschaft Schweiz Zweiter Weltkrieg