Nr. 24, 4. Oktober 2002
Gedanken zu einem zunehmend
belasteten Verhältnis
Europa und Amerika
Von Richard Anderegg, Washington
Die Menschenrechte, insbesondere die in den Vereinigten Staaten hoch im Kurs stehenden individuellen Freiheiten, sind nach dem 11. September 2001 vereinzelt eingeschränkt worden.
Aus Europa, das gleichzeitig den amerikanischen Druck auf seine Wirtschaft und Aussenpolitik spürt, klingen hässliche Töne über den Atlantik, als ob Amerika daran sei, sich in ein «postfaschistoides» Monstrum zu verwandeln. Wer die Entwicklung in den USA indessen genauer betrachtet, erkennt ein Amerika, das eine sich ständig entwickelnde Demokratie ist, die leidenschaftlich Selbstanalyse betreibt, dabei immer wieder leidenschaftlich über die Stränge schlägt und sich danach ebenso leiden- schaftlich um Schadensbegrenzung bemüht.
Einzigartige
Verfassung
Der Grundstein wurde Ende des 18. Jahrhunderts gelegt, als eine herausragende
Gruppe von meist ländlichen Notabeln, Juristen, Beamten und Pfarrherren,
die eine bessere Staatsform als die einer Kolonie der britischen Majestät
suchten, eine einzigartige Verfassung praktisch aus dem Nichts schu- fen.
In einer völlig modernen Form warben drei von ihnen - Alexander Hamilton,
der erster Finanzminister des neuen Staates werden sollte, James Madison,
später der vierte Präsident der USA, und John Jay, dereinst erster
Vorsitzender des Obersten Bundesgerichtshofes - in einer Serie von fünfundachtzig
handgeschriebenen Artikeln in der New Yorker Presse für die Annahme dieser
Verfassung, die einer jungen Republik die erforderliche Struktur geben und
dennoch die individuellen Freiheiten garantieren würde. Diese «Federalist
Papers», später in Buchform erschienen, sind ein Schlüssel
zum Verständnis einer Verfassung, die Richtlinien gibt, an denen ständig,
so lange die amerikanische Republik lebt, weitergearbeitet werden muss - und
die auch heute im politischen Diskurs regelmässig zitiert werden.
Ihre Absicht war «to build a better union», eine bessere Union zu bauen, und die Amerikaner sind heute weiterhin daran, etwas Besseres zu bauen.
Intensiv
gelebte Geschichte
Dadurch ist die US-Verfassung etwas Lebendiges, und die Diskussion um ihren
Sinn und ihre Absicht ist nie abgeschlossen. Die «bloss» zwei
Jahrhunderte alte Republik lebt ihre Geschichte viel intensiver als die sechs
Jahrhunderte alte Schweiz. Es wäre in den USA nie vorgekommen, dass völlig
haltlose Anklagen wie diejenigen gegen die Schweizer Regierung aufgrund ihrer
im Zweiten Weltkrieg erfolgreich verfolgten Politik der Selbstbehauptung von
Parlamentsmitgliedern und vom Aussenminister aus lauter Ignoranz der eigenen
Geschichte winselnd geschluckt worden wären. Amerikaner mögen nicht
viel von der Welt wissen, aber Ablauf und politische Kämpfe ihrer eigenen
Geschichte werden durch die stän- dige Neubestimmung ihres Selbstverständnisses
immer wach gehalten. Nicht nur der Bürgerkrieg 1861 - 1865, sondern auch
die Beitrittsdaten der Teilstaaten zur Union, saftige Skandale wie der «Teapot
Dome» 1929 und Debatten, die im Kongress Narben hinterlassen haben,
gehören zum Standardwissen der heutigen US-Politiker.
Im Gegensatz dazu: Wer in der Schweiz weiss noch viel über die Bundesverfassung von 1874 oder über die bewegten 1860er Jahre, als der Sozialkampf, der das Überhandnehmen der Maschinen in der Produktion begleitete, die Kantone zerriss? Wem ist noch bewusst, dass seinerzeit die Verluste der Privatbahnen zur Gründung der Bundesbahn führten?
Exzesse
werden korrigiert
Während die Presse Europas die ausserordentlichen und nicht immer glücklichen
amerikanischen Sicherheitsmassnahmen seit dem 11. September 2001 losgelöst
vom Geschichtsablauf als längst vermutete Hinwendung Amerikas zum Polizeistaat
bejammert, ist die Debatte in den USA der Wirk- lichkeit viel näher.
Sie ist auch viel intensiver. Man wirft einander vor, die falschen Lehren
aus der Geschichte zu ziehen, und ist prompt mit Fakten zur Hand. Es wird
daran erinnert, dass alle Präsi- denten in Krisenzeiten gewisse Grundrechte
einschränkten. Schon der zweite Präsident, John Adams, hatte Pech
mit dem 1798 erlassenen «Aufruhrgesetz», das damals jede Kritik
an der Regierung verbieten wollte das aber rasch wieder aufgehoben werden
musste. Abraham Lincoln hob im Bürger- krieg «Habeas Corpus»
auf, das angelsächsische Grundrecht, das die Behörden zwingt, einen
Fest- genommenen entweder unter Anklage zu stellen oder freizulassen.
Genau dagegen verstösst heute Justizminister Ashcroft, ohne den Grundbegriff offiziell anzutasten, indem er die Kategorie «feindliche Frontkämpfer» schuf für die Al-Kaida-Kämpfer, die abseits vom normalen Rechtsweg in Guantanamo festgehalten werden und kein Recht auf einen Verteidiger und auf einen Prozess haben. Das Beispiel der alsbald korrigierten Notmassnahme Lincolns und die lebendige Erinnerung daran lassen nur den Schluss zu, dass Ashcrofts «Feindkämpfer» früher oder später aus dem Vokabular verschwinden werden, nachdem das daraus entstandene Unrecht und Leid in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist.
Aber so ist Amerika nun einmal: Roosevelt internierte im Zweiten Weltkrieg die japanisch-amerikanische Bevölkerung der Westküste, und es dauerte ein gutes halbes Jahrhundert, bis eine Wiedergutmachung erfolgte - aber sie kam. Senator McCarthys Hexenjagd in den fünfziger Jahren ist heute peinliche Erinnerung, nachdem sie doch zahlreiche Karrieren zerstört hatte. Amerikas Handeln nach den Prin- zipien seiner Verfassung korrigiert die Exzesse immer wieder. Und immer wieder unterlaufen der Regierung Ausrutscher in Krisensituationen, weil hier alles so leidenschaftlich zu- und hergeht.
Selbstsicherheit
durch Geschichtsbewusstsein
Bush hat Ashcroft eine ganze Reihe von prozesstechnischen Massnahmen erlaubt,
wie beispielsweise das Abhören von Privatgesprächen oder die Aufhebung
des öffentlichen Zugangs zu Gerichtsverfahren. Und schon erheben Richter
ihre Stimme gegen diese Massnahmen. In Südkarolina haben sich alle zehn
Richter der im Staate vertretenen Bundesgerichtsbarkeit zu einem Protest gegen
geheime «Deals», die einem Prozess ohne Urteil gleichkommen, zusammengetan.
Etliche Propaganda- und Denunziations- programme der Regierung mussten bereits
rückgängig gemacht werden, so «TIPS», Kürzel für
«Terro- rism Information and Prevention System» - ein Notgesetz,
das alle Berufstätigen mit Zugang zu Privat- häusern verpflichtet
hätte, Auskünfte für die Regierung zu sammeln. Damit waren
Briefträger, Installa- teure, Putzfrauen, Feuerwehr usw. gemeint. Der
darob losgebrochene Sturm in den Medien brachte das Programm zum Verschwinden.
Auf die Frage, wie es mit den Menschenrechten und dem Schutz der Privatsphäre in den USA steht, lautet somit die Antwort: Sie sind ständig bedroht, und es geht ihnen ausgezeichnet. Sie werden ständig mit Füssen getreten, aber sie wehren sich erfolgreich; oft mit grossen Wiedergutmachungen. Laufend werden Fälle von Missachtung der Rechte des Einzelnen veröffentlicht, weil die Medien und sozial, politisch oder ethisch orientierte Gruppen mit Sperberaugen wachen und sich heftig konkurren- zieren. Und dies immer mit Argumenten aus der Geschichte, die in leidenschaftlichen Stellungnahmen durch den politischen Alltag geistert.
Es wäre um die Selbstsicherheit der Schweiz besser bestellt, wenn die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte den Politikern und der Öffentlichkeit ähnlich lebendig bewusst wäre.
Richard Anderegg