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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 19. Oktober 2001

Ruf nach Bundesgeldern für die Swissair
Staatsaufgabe?

Die British Airways als grösste europäische Fluggesellschaft betreibt mit 62'200 Mitarbeitern 268 Flugzeuge und erzielt damit einen Jahresumsatz von 22,7 Milliarden Franken. Die Luft- hansa weist ähnliche Zahlen aus. Beide Gesellschaften sind heute rentabel. Die skandinavi- sche SAS betreibt mit lediglich 8'000 Mitarbeitern 188 Flugzeuge. Ihr Jahresumsatz: 12,95 Milliarden Franken. Sie ist wirtschaftlich gesund. Im Gegensatz dazu die Swissair. Vor ihrem Kollaps war sie mit 72'700 Mitarbeitern Spitzenreiterin in Europa. Sie betreibt damit allerdings nur gerade 76 Flugzeuge und erzielt einen Jahresumsatz von 16,35 Milliarden Franken. Zahlen, die einer gründlichen Recherche des deutschen Nachrichtenmagazins «Focus» zu entnehmen sind.

Es lässt sich daraus eine Rangliste erstellen: Die SAS als Spitzenreiterin erzielt pro Mitarbeiter einen Jahresumsatz von 1'619'000 Franken. British Airways folgt mit grossem Abstand: 365'000 Franken Jahresumsatz pro Mitarbeiter. Die Lufthansa erreicht Fr. 322'500. Die Swissair, abgeschlagen, nur gerade Fr. 225'000 pro Mitarbeiter. Dafür besetzt die Swissair bezüglich Verschuldung einen einsamen Spitzenplatz in Europa.

Die Zahlen zeigen die Ursache des Swissair-Kollapses: Niemand wagte, die unsinnige Kostenstruktur der Swissair ernsthaft anzutasten. Womit die nationale Airline regelrecht ins Elend geritten wurde. Nur lächerlich macht sich, wer als Ursache des Swissair-Kollapses das EWR-Nein von 1992 bemüht. Wer Kosten nicht in den Griff bekommt, also unproduktiv arbeitet, zerstört jede Firma. Mit oder ohne EWR. Und wer behauptet, die Swissair habe eben «mehr gemacht» als andere, täuscht sich selbst: Weil er das miserable Umsatz-Resultat übersieht.

Es ist dies das Leistungsresultat des Zürcher Edelfreisinn-Filzes, der jahrzehntelang den Verwaltungs- rat als Pfründe statt als Verantwortungsgremium verwendete. Und wer jetzt nach Staatsmilliarden ruft, versagt noch einmal: Wenn die verhängnisvollen Kostenstrukturen der Schweizer Luftfahrt nicht endlich radikal korrigiert werden, wird bloss das nächste Desaster vorbereitet. Mit Funktionärsfilz anstelle des in der Versenkung verschwundenen Edelfreisinn-Filzes, einfach Steuermilliarden statt Aktionärsvermögen verbratend.

Genau deshalb sind Rufe, jetzt «im nationalen Interesse» mit Milliarden-Spritzen aus Steuergeldern den Neustart zu finanzieren, deplaziert. Der Filz, der die für die Swissair tödliche Kostenstruktur nie aufzu- brechen wagte, muss weg! Radikal! In welcher Form auch immer! Die Crossair, dem Grössenwahn der Swissair-Zauberlehrlinge nie erlegen, bietet echte Chancen. Aber nur, solange man ihr ­ alte Fehler mit Bundesmilliarden unter den Teppich kehrend ­ nicht die Swissair-Kostenstrukturen aufzwingt. Dies allein ist die Schicksalsfrage für die Zukunft der Schweizer Luftfahrt.

Wer sie nicht stellt, wer nicht endlich die überfälligen Konsequenzen verlangt, bevor irgendwelche Steu- ermilliarden fliessen, macht sich schuldig an den kommenden Generationen, die kommende Desaster auszubaden hätten. Das muss sich jeder vor Augen führen, der heute blindlings in den Ruf nach Staats- milliarden einstimmt.

Ulrich Schlüer

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