Nr. 24, 19. Oktober 2001
Warenhandel und Terrorismus
Osama Bin Ladens Honig
Von Richard Anderegg, Washington
Ein interessanter Aspekt des weltweiten Netzes von Terroristen, das Osama Bin Laden von Afghanistan aus dirigiert, ist die Verquickung mit dem internationalen Honig-Handel.
Saudi-Arabien hat kaum Bienenzucht, in dem reichen Land werden aber pro Haushalt und Monat gut ein Kilogramm Honig konsumiert. Im orientalischen Gebäck ist Honig das, was im Westen Zucker ist. Der hohe Honig-Konsum reicht vom Ostrand des Mittelmeers bis nach Indien. Wer Honig produziert Jemen macht den besten, Pakistan den meisten , der exportiert. Im Orient besteht ein blühender Export- Import-Markt mit Honig, in dem gewaltige Mengen und Summen umgesetzt werden. Im Honig-Markt gibt es ein gut organisiertes Verteilernetz, und zahlreiche Händler sind zu Millionären geworden. Einer der Honig-Grossunternehmer heisst Osama Bin Laden. Seine Familie wurde ursprünglich im internationalen Bau- und Liegenschaftenhandel reich, und auch er verfügt, obwohl sich die Familie von ihm offiziell getrennt hat sie verstiess ihn und veranlasste, dass die Saudi-Regierung ihm die Staatsbürgerschaft entzog , über vielfältige Kontakte zu reichen Kaufleuten und hat Zugriff auf über die ganze Welt verstreute Bankkonten.
Osama Bin Laden mischt auch im Tourismus- und Reisesektor mit. Das macht ihn nicht nur im Orient, sondern praktisch in jedem grösseren Land finanziell autonom. Das feinverästelte, weltweite Bezie- hungsnetz macht es möglich, dass Bin Ladens Terroristen an den verschiedensten Orten, in Reise- und Anwaltsbüros, bei Immobilien-Agenturen, in Bazars und Lebensmittelgeschäften sowie bei Privaten Bargeld beziehen können. So sind auch die Terroristen vom 11. September 2001 über Jahre hinweg mit Geld versorgt worden, von dem sie viel für teure Flugstunden aufwenden mussten.
Die, wenn man so sagen darf, originellste Aktivität Osama Bin Ladens ist der Honig-Handel unter den islamischen Ländern. Das süsse Produkt wird zum Teil tonnenweise in Gläsern, aber auch in andern Behältern, Honig-Waben gar in Tuch verpackt, von Land zu Land verfrachtet. Solche Sendungen sind auch bestens für den Schmuggel von anderen Substanzen geeignet; aufgrund des durchdringenden Geruchs vermögen Spürhunde im Inneren verstecktes Rauschgift nicht zu riechen. Selbst Sprengstoff- pakete und Waffen werden gelegentlich in Honig-Ladungen entdeckt. Im Mittleren Osten kann das Nahrungsmittel Honig ohne Einfuhrbeschränkungen gehandelt werden. Zahlreich sind in den orientali- schen Ländern die Honig-Verkaufsstellen. Auch hier dienen einzelne von ihnen als Geldquellen für Terroristen.
Afghanistan-Veteranen
Zahlreiche alte
Waffenkameraden Osama Bin Ladens aus der Zeit, da die USA islamische Kämpfer
ausbildete und nach Afghanistan schickte, um dort gegen die sowjetischen Besatzer
zu kämpfen, sind nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer in
den Honig-Handel eingestiegen, so auch der Besitzer eines der grössten
international tätigen Honig-Exportgeschäfts in Sanaa in Jemen. Sie
sind meist streng- gläubige Moslems, denen Bin Laden eine Mission gibt.
Wie die ehemaligen Afrika-Söldner aus der Frühzeit der Entkolonialisierung
in Europa ein Geschäftsnetz aufgebaut haben, so sind heute die alten
Afghanistan-Söldner miteinander geschäftlich verbunden.
Der internationale Honig-Handel ist eine der Erklärungen dafür, weshalb Osama Bin Laden in zahlrei- chen Ländern der Welt in der Lage ist, terroristische Aktionen zu planen und auszuführen.
Richard Anderegg