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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 20. Oktober 2000
Gewaltspirale
im Nahen Osten
Selbst-Inszenierer
Er sucht den glanzvollen Abgang. Und inszenierte deshalb eine Gipfelkonferenz. Um vor tausendfach anwesenden Medien der ganzen Welt seine versöhnend-ausgleichende Ver- handlungskunst zu demonstrieren. Nur: Der Gipfel war - abgesehen von der minutiös geplanten Apotheose des US-Präsidenten - liederlich vorbereitet. Er scheiterte. Statt Triumph löste er Enttäuschung aus.
Was nicht ohne Folgen blieb. Die Enttäuschten begannen Steine zu werfen. Sie mobilisierten die Strasse. Massenunruhen erforderten Polizei- und Militäraufgebote. Es wird geschossen. Jugendliche verbluten. Soldaten werden gelyncht. Alles vor laufenden Fernsehkameras. Das blutige Chaos ist Tatsache, die Welt ist perplex, das Geschehen gerät ausser Kontrolle. Über den Zauberlehrling, dessen eitler Durst nach einer Stellung in den Geschichtsbüchern diese Eskalation provoziert hat, schweigt man höflich. Um nicht ungerecht zu sein: US-Präsident Bill Clinton ist längst nicht der einzige Zauber- lehrling. Das temporäre EU-Oberhaupt Jacques Chirac steht ihm nicht nach. Hat dieser nicht - vor wenigen Wochen - Yassir Arafat grossmäulig-theatralisch den Rat erteilt, nichts zu unterzeichnen, das auf Ausgleich mit Israel hinauslaufen könnte? Bezüglich der Folgen dieser um Schlagzeilen buhlenden Aufwiegelung wäscht Chirac seine Hände selbstredend in Unschuld - und demonstriert vor laufenden Kameras zusammen mit seinen ebenso machtlosen Kollegen aus dem EU-Ministerrat erschreckte Betroffenheit ob der Gewaltausbrüche.
Mag sein, dass die am Öl aus dem Mittleren Osten brennend interessierten USA - mit der Uno als vorgeschicktem Verhandlungstrabanten - irgendeinen schliesslich notdürftig als Ausgleich zu etiket- tierenden papierenen Kompromiss noch zustande bringen - die Emotionen, die Gewalttätigkeit, die Unversöhnlichkeit, den Hass, welche das ebenso egozentrische wie dilettantische Spektakel zu Camp David Anfang Sommer dieses Jahres ausgelöst hat, können papierene Erklärungen auf Dauer kaum mehr besänftigen. Die Geister, die man fahrlässig rief, dürfte man kaum so rasch wieder loswerden...
Wie kommentierte doch unser schweizerischer Bundespräsident, als er sich kürzlich - am Rande seines Auftritts als ungefähr fünfundneunzigster Fünf-Minuten-Redner vor der Uno-Vollversammlung - zu New York in die lange Reihe der Clinton-Händeschüttler einreihen durfte: Er habe anlässlich dieses Händedrucks «die Welt erlebt». Eine herrliche Welt, in die uns in den eigenen Ruhm verliebte Selbst- Inszenierer da zu verstricken im Begriffe sind.
Ulrich Schlüer