Nr. 24, 20. Oktober 2000

Luftbetankung: Nato-Forderung erfüllt
Zum Luftkampf in Algerien bereit
Von Thomas Meier, Zürich

Die Ausbildung von Schweizer Kampfpiloten in der Luftbetankung und die Durchführung von entsprechenden praktischen Übungen mit schweizerischen F/A-18-Jägern und französischen Tankflugzeugen sind ein Beispiel dafür, wie die Schweizer Armee gezielt auf Kampfeinsätze im Ausland vorbereitet wird.

Wer die Berichte in Flieger-Zeitschriften über die spektakulären Luftbetankungs-Manöver las, die vom 9. bis 26. Mai dieses Jahres mit Schweizer F/A-18-Kampfjets und französischen Tankflugzeugen in Südfrankreich durchgeführt wurden, mochte sich vielleicht fragen, wozu solche Übungen überhaupt nötig sind. Die F/A-18 C/D der Schweizer Armee haben eine Reichweite von 1540 Kilometern, was es ermöglicht, nach einem Start in Dübendorf ohne Auftanken dreimal an den Genfersee und zurück zu fliegen.

«Interoperabilität»
Die Antwort auf die Frage liegt in der Anbindung der Schweiz an die Nato. Mit dem Beitritt zum Nato- Programm «Partnerschaft für den Frieden» (PfP) und mit der am 11. Dezember 1996 erfolgten Unter- zeichnung des entsprechenden Brüsseler Rahmenabkommens durch Bundesrat Flavio Cotti hat sich die Schweiz unter anderem mit der Zielsetzung der Partnerschaft einverstanden erklärt, «auf längere Sicht Streitkräfte zu entwickeln, die mit denen der Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz besser gemeinsam operieren können» 1. Des weiteren wurde im Rahmen des anlässlich des Nato-Gipfel- treffens vom 8./9. Juli 1997 (an dem unter andern auch Verteidigungsminister Adolf Ogi teilgenommen hat) lancierten Programms für eine erweiterte Partnerschaft («enhanced PfP») 2 unter anderem der Schwerpunkt definiert, die gemeinsame Streitkräfte-Planung zu erweitern, «um einen hohen Grad an Interoperabilität zwischen der Nato und den Partnerstaaten zu erlangen» 3.

Nato-Standard erforderlich
Damit die Absicht der Nato, die PfP-Partner zur «Interoperabilität» 4 mit Nato-Streitkräften zu führen, realisiert werden kann, müssen die Armeen der Mitgliedstaaten gezielt auf Nato-Standard ausgerichtet werden. Zum Standard von Nato-Kampfflugzeugen gehört deren Fähigkeit, in der Luft aufgetankt zu werden. Nur so ist die Verwendung von Flugzeugen in einem Nato-Einsatz fern von der Heimbasis möglich.

Technisch waren die Schweizer F/A18-Jagdflugzeuge von Anfang an «interoperabel»; bei allen Modellen sind Einfüllstutzen angebracht, die eine Luftbetankung durch Nato-Tankflugzeuge ermöglichen. Es fehlte jedoch an der entsprechenden Ausbildung der Piloten. Zu diesem Zweck wurde im vergangenen Mai ein dreiwöchiges umfangreiches Ausbildungsprogramm mit praktischen Betankungsmanövern durchgeführt. Bei den Übungen hoben die Schweizer Kampfjets, in der Regel mit einem französischen Fluglehrer auf dem Rücksitz, jeweils auf dem Militärflugplatz Payerne ab, nahmen südwestlichen Kurs ein, über- querten die Landesgrenze, um sich im Raum zwischen Carcassonne und Perpignan einem französi- schen Tankflugzeug vom Typ Boeing C-135 zu nähern, das in seinem Bauch 70000 Liter Flugbenzin mitführt. Im Flug dockt dann der Schweizer Jet an den Tankarm des Grossflugzeuges an, durch den innert weniger als zwei Minuten rund 2000 Liter Kerosin in die Tanks der F/A18 fliessen. Nach dem Manöver fliegen die Jagdflugzeuge dann wieder nach Payerne zurück. Mit dem Abschluss der drei- wöchigen französisch-schweizerischen Betankungs-Übung sind die entsprechend ausgebildeten Schweizer Piloten nun in der Lage, im Rahmen einer Nato-Aktion mit ihren F/A18-Kampfflugzeugen an einem beliebigen Ort der Welt eingesetzt zu werden. Das im Titel verwendete Beispiel eines afrikani- schen Landes ist nicht völlig aus der Luft gegriffen; sechs der im Rüstungsprogramm 1998 beantragten Transport-Helikopter sind mit «polyvalenten Lufteinlässen» ausgerüstet, die speziell für einen Einsatz in sandigen Wüstengebieten vorgesehen sind.

Es ist erstaunlich, wie wenig Beachtung die aufwendigen Betankungsübungen mit Schweizer Kampf- flugzeugen und französischen Tankern in der Öffentlichkeit gefunden haben. Das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), den Medien gegenüber sonst stets sehr aufge- schlossen, veröffentlichte bloss ein dürres, achtzeiliges Communiqué. Es scheint, dass der Bundesrat und die militärpolitische Classe politique an einer grösseren Publizität gar nicht interessiert sind; die systematische Ausrichtung der Schweizer Armee auf Nato-Standard soll offensichtlich möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit realisiert werden.

Thomas Meier

1 Partnership for Peace, Framework Document, in Nato-Handbuch, Seite 287ff.

2 Vergleiche dazu Sergio Balanzino: Deepening partnership: The key to long-term stability in Europe, in Nato Review 4/1997, S. 10ff.

3 Andreas Wenger, Christoph Breitenmoser und Patrick Lehmann: Die Partnerschaft für den Frieden - eine Chance für die Schweiz, in Bulletin zur schweizerischen Sicherheitspolitik 1997/98, Zürich 1998.

4 Die Nato-Doktrin differenziert Interoperabilität nach den Kriterien «Equipment Compatibility», «Proce- dural Compatibility» und «Performance Compatibility».