Nr. 24, 20. Oktober 2000

Fakten zur «Kursk»-Katastrophe
Putins Reich der Lüge
Von Hans Graf Huyn

Die Katastrophe der «Kursk» bedeutet für Russland mehr als nur der Untergang seines modernsten Unterseekreuzers. Nach unseliger sowjetischer KGB-Manier hat Putin durch Lügen, Verschweigen und Zögerlichkeit auch im eigenen Land an Glaubwürdigkeit verloren. Sein Zorn richtet sich gegen die Medien, die er nun mit Brachialgewalt gleichschalten will.

Selbst Jelzin konnte es sich nicht verkneifen, seinem Ziehsohnöffentlich grobe Fehler vorzuwerfen. In einem Interview mit der «Welt am Sonntag» vom 8.Oktober antwortete er auf die Frage, ob sich Putin in der kritischen Situation der «Kursk» bewährt habe: «Nicht ganz», und er fügte hinzu: «Er liess einige Fehler zu, die er besser nicht gemacht hätte, und das habe ich ihm auch ganz offen gesagt.»

«Die Welt» urteilt: «Mit der "Kursk" sank nicht nur ein Atom-U-Boot. Untergegangen ist auch ein Potemkinsches Dorf von der Grösse eines Reiches, sprich Russland selbst» Nichts funktioniert in diesem Land. Alles ist morsch und marode: die Staatsgewalt genauso wie die Umwelt, die Wirtschaft genauso wie die Infrastruktur, von der Technik der Hochrüstung einmal abgesehen. Nur eines herrscht wie eh und je: die Lüge. Sie zeigt sich in all ihren Facetten:als Illusion über die militärische Stärke; als Selbstbetrug, mit Amerika gleichauf zu sein, als Hochstapelei zur Täuschung des Westens, um weitere Kredite zu erhalten; als Flunkerei über die Wirtschaftskraft und schliesslich als Lügenreflex gegenüber der eigenen Bevölkerung.» Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» erwartet: «Im Ausland wird man sich (hoffentlich) fragen, ob es nicht voreilig war, auf einen vermeintlichen Reformer zu setzen, der stolz auf seine KGB-Vergangenheit ist.»

Ein Beispiel von vielen
Und dieses «Tschernobyl der Meere» («La Repubblica») geschah ausgerechnet, nachdem Putin einen Ukas erlassen hatte, in dem er forderte, Russland müsse seinen «Status als Meeres-Weltmacht» erhalten. Die Katastrophe der «Kursk» ist nur einer von mindestens acht bekannt gewordenen ernsten Vorfällen bei der Nordflotte. 1984 explodierte bei einer gigantischen Explosion ein Drittel der gesamten Raketenbestände der Nordflotte. Bei der Marine im Norden gibt es eine besonders hohe Selbstmordrate. Morde an Kameraden und Vorgesetzten, Desertion, Meuterei, Unterschlagung, Diebstahl und illegaler Verkauf von Waffen und Gerät sind an der Tagesordnung. Darüber hinaus ist nach amerikanischen Analysen die Küste bei Murmansk «mit den rostenden Rümpfen von ungefähr hundert Atom-U-Booten gesprenkelt», und russische Umweltschützer haben bereits vor zehn Jahren ein Fünftel des Territoriums der früheren Sowjetunion als «radioaktiv verseucht» bezeichnet.

48 Stunden dauerte es, ehe das Sinken der «Kursk» bekanntgegeben wurde. 96 Stunden dauerte es, bis Russland Hilfe annahm, und erst nach 144 Stunden unterbrach Putin, der Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, seinen Urlaub am Schwarzen Meer. Inzwischen belog man die Öffentlichkeit, erst vier Tage nach der Katastrophe habe der Westen Hilfe angeboten, die schliesslich wegen russischer Obstruktion nicht zum Einsatz kam. In der russischen Presse wird daher Putin als herz- und skrupel- loser Apparatschik gescholten. Auch die von Moskau verbreitete Nachricht über angebliche Klopfzei- chen der Besatzung war eine Lüge, da inzwischen deutlich wurde, dass diese sofort tot gewesen sein muss. Die amerikanischen Beobachter - zwei U-Boote im nördlichen Eismeer - haben auch keinerlei Notruf registriert. Strahlenschutz-ingenieur Andrej Solotkow in Murmansk erklärt, dass «der Flottenstab schamlos lügt».

Von Putin kam kein Wort des Bedauerns. Nur die Lüge wurde kolportiert, die «Kursk» sei mit einem ausländischen U-Boot zusammengestossen. Konteradmiral Ilja Koslow sagte bitter: «Bei uns muss ein Ertrinkender sich selber retten!» Die Armeereform hat Putin erneut aufs Eis gelegt; lediglich der Wehr- etat wurde wiederum erhöht.

Nach der Methode «Haltet den Dieb!» empörte sich Putin über die kritischen Medien: «Das Fernsehen? Es lügt, es lügt, es lügt!» Mit erpresserischen Methoden verfolgt er die unabhängigen Medienzaren Gussinski und Beresowski. Medienminister Lesin erklärte vor Pressevertretern: «Wir hätten euch alle schon schliessen können!» Der von einem KGB-Freund Putins geleitete Sicherheitsrat bereitet die Gründung eines operativen Zentrums zur Manipulation der öffentlichen Meinung vor. Zensurgremien und regierungsloyale Kommissare sollen die Informationsdiktatur sowjetischer Machart wiederherstellen. Der Abgeordnete Jawlinskij und die «Iswestija» warnen vor der Wiederkunft eines autoritären, zentralisti- schen Machtstaates. 95% der 2700 Regionalzeitungen sind bereits Regierungssprachrohre. In einem offenen Brief bezichtigt Beresowski Putin der Erpressung und Knebelung der Meinungsfreiheit durch den «Geist der unbegrenzten Macht».

Der französische Russlandexperte Professor Alain Besançon erklärt, die Institutionalisierung der «uni- versellen, metaphysischen, schizophrenen Lüge» habe Russland zu einem «Reich der Lüge» (empire du faux) gemacht. Als nach der «Kursk»-Katastrophe auch noch der Moskauer Fernsehturm in Flam- men aufging, kursierte in Moskau die Frage: «Warum hat es im Moskauer Fernsehturm gebrannt?» - Antwort: «Er ist mit einem ausländischen Fernsehturm zusammengestossen!»

Hans Graf Huyn