|
Nr.
23, 5. November 1999
Ein Bundesrat verhöhnt
patriotische Schweizer
«Finstere Gesellen vom Rütli»
Auszüge aus einer Rede von Bundesrat Kaspar Villiger
Im Juli dieses
Jahres trat Bundesrat Kaspar Villiger im Telliring Aarau vor Kantons-
schülern als Festredner auf. In der Ansprache verlieh der Landesvater
seiner Besorg-
nis über «finstere Gesellen» Ausdruck, über Politiker,
deren Geisteshaltungen nach
Villigers Auffassung das Zusammenleben in unserem Land erschweren. Die
Rede des
Bundesrats war bemerkenswert, und zwar nicht deshalb, weil sie besonders
originell
oder geistreich gewesen wäre - in einem solchen Fall müsste
man tatsächlich von ei-
ner bemerkenswerten Villiger-Rede sprechen -, sondern wegen der schonungslos
offe-
nen Sprache und der verwendeten ungeschminkten Begriffe. Nachstehend geben
wir
Ausschnitte der Ansprache im Originalwortlaut wieder:
Liebe Mädchen
und Buben, liebe junge Aarauerinnen und Aarauer, Es mag sein, dass viele
von Euch sich genau so wenig für Politik interessieren wie ich vor
40 Jahren. Aber unser schö-
nes Land mit seinen vielen wichtigen Abstimmungen lebt davon, dass sich
die Menschen um
die Politik kümmern. Deshalb gebe ich Euch den Rat, denen gut auf
die Finger zu schauen,
die Politik betreiben. Schliesslich geht es um die Zukunft des Landes,
um Eure Zukunft.
Zur Zeit treiben
sechs finstere Gesellen in der Schweizer Politik ihr Unwesen. Vor denen
muss
ich Euch warnen!
Der erste ist der
Egoist. Er fordert ständig vom Staat neue Leistungen, will höhere
Renten,
mehr Stipendien und mehr Subventionen dort, wo er profitieren kann. Die
Steuern sind ihm zu
hoch. Deshalb will er Steuervergünstigungen. Er behauptet, diese
seien für das Überleben des
ganzen Landes wichtig. Nein, für die Allgemeinheit hat er noch nie
etwas gratis getan. Aber
wehe, wenn nicht sofort alle ihm beistehen, wenn dem Ärmsten ein
kleines Missgeschick pas-
siert.
Der zweite ist der
Vereinfacher. Er hat Mühe mit der Tatsache, dass unsere Welt kompliziert
geworden ist. Er weigert sich zu verstehen, dass es häufig keine
einfachen Lösungen mehr
gibt und dass es keine Lösungen gibt, die nur Vorteile haben. Deshalb
vereinfacht er die Welt
radikal. Was er behauptet, hat manchmal einen wahren Kern.
Aber er simplifiziert
so lange, bis der wahre Kern zur Lüge wird. Er benennt Sündenböcke,
macht Schuldzuweisungen, verkündet einfache Rezepte, mit denen man
kein einziges Prob-
lem lösen kann. Hütet Euch vor ihm, wenn er Euch will! (...)
Der vierte ist der
Intolerante. Man trifft ihn häufig auf dem Rütli, wo er im Bewusstsein
schwelgt,
der Beste zu sein. Und dann zieht er über alle vom Leder, die anders
denken, und über Länder,
die eine andere Kultur haben. Er grenzt aus, und er trennt scharf die
Guten von den Bösen. Er
hat vergessen, dass unser schönes Land von seiner Vielfalt lebt,
vom Zusammenleben seiner
vier Kulturen, von der Achtung seiner Minderheiten, vom Respekt denjenigen
gegenüber, die
anders sind und anders denken. Er glaubt, er sei ein besonders guter Patriot.
(...)
Nach lähmenden
Jahren der Stagnation ist die Schweiz in kurzer Zeit markant weitergekommen.
Wir haben eine neue Verfassung. Wir bereiten eine Renaissance des Föderalismus
vor. Post,
Telekommunikation und SBB werden modernisiert. Die Bundesfinanzen sind
auf dem Weg der
Besserung. Wir wollen Euch keinen Schuldenberg vererben.
Diese Worte aus bundesrätlichem
Mund sind von erstaunlicher Unverblümtheit. Da klopft ein
Bundesrat derbe Sprüche, der sonst als Inkarnation der Profillosigkeit
gilt und der in letzter Zeit
in der Öffentlichkeit höchstens in Zusammenhang mit neuen Abgaben
und Gebühren (Finöv,
Energieabgabe) auf sich aufmerksam gemacht hat.
«Markantes
Weiterkommen»
Mit stolzgeschwängerten
Worten spricht Villiger in seiner Rede an die Jugend von einem «mar-
kanten Weiterkommen» der Schweiz. Als Beispiel führte er die
«neue Verfassung» an. Da fragt
man sich, ob Bundesrat Villiger wirklich stolz über die Art und Weise
ist, in welcher das Projekt
der neuen Bundesverfassung durchgeboxt wurde. Bekanntlich hat die Landesregierung
alles
getan, um eine offene Auseinandersetzung zu vermeiden. In jedem Chüngelizüchterverein
wird
eine Statutenänderung ausgiebig beraten, werden die alten und die
neuen Bestimmungen ein-
ander gegenübergestellt, die Vor- und allenfalls die Nachteile eingehend
erörtert. Nicht so, als
sich die Schweiz im vergangenen Frühling eine neue Verfassung gab.
Keine Spur einer Gegen-
überstellung der geltenden mit den neu einzuführenden Verfassungsartikeln
im Bundesbüchlein.
Dafür die frühestmögliche Ansetzung des Abstimmungstermins
und damit verbunden ein Zeit-
druck, der den Gegnern ein Ausbreiten ihrer Argumente verunmöglichte.
Schulden in Rekordhöhe
Als weiteres positives
Beispiel nennt Villiger die Bundesfinanzen. Worin besteht denn hier das
«markante Weiterkommen?» Etwa in der Tatsache, dass die eidgenössische
Finanzrechnung
im Jahr 2000 gemäss Voranschlag mit einem Minus von 1,7 Milliarden
Franken und im laufen-
den Jahr sogar mit einem Ausgabenüberschuss von 3,9 Milliarden Franken
abschliessen wird?
Oder im Umstand, dass die Ausgaben auch im nächsten Jahr voraussichtlich
nochmals um
2,3 Prozent bzw. um mehr als eine Milliarde Franken ansteigen werden?
Geradezu als Hohn
muss man Villigers Anbiederung empfinden, er wolle den Jungen «keinen
Schuldenberg vererben», wenn man bedenkt, dass die Schulden des
Bundes unter Villiger als
Finanzminister die unvorstellbare Höhe von 100 Milliarden Franken
überstiegen haben.
Inakzeptable Entgleisung
Da macht ein Finanzminister,
der Jahr für Jahr mehr Geld ausgegeben, die Bundeskasse ge-
plündert und sich vor allem durch die Einführung neuer Gebühren
und Abgaben hervorgetan hat,
besorgte Bürger, die tiefere Steuern verlangen, verächtlich
als «Egoisten» nieder. Da verhöhnt
ein Bundesrat, der gemeinsam mit seinen Regierungskollegen durch eine
Haltung des Nichts-
tuns und die Hände-in-den-Schoss-Legens das Asylchaos in unserem
Land verursacht hat,
patriotisch gesinnte Schweizer, die sich über die unkontrolliert
wachsenden Ausländer- und
Asylzahlen Sorgen machen und das Rütli als Symbol einer unabhängigen
und freien Schweiz
hochhalten, als «intolerante» und als «finstere Gesellen».
Diese bundesrätlichen
Entgleisungen sind nicht hinnehmbar. Treffender hätte es Villiger
selber
in seiner Rede an die Aarauer Jugend nicht sagen können: «Hütet
Euch vor einem solchen Po-
litiker!»
tm
**Zurück
zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 23 vom 5. November 1999**
|