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Nr.
23, 5. November 1999
Siebzig Jahre nach
dem Börsenkrach
Amerikas Banken im Aufwind
Von Richard Anderegg, Washington
Das seit 1933 geltende
«Glass-Steagall-Gesetz» soll endlich abgeschafft werden. Wall-
street reagiert mit einem Feuerwerk. Gerüchte über bevorstehende
Mega-Fusionen
zwischen Banken, Brokern und Versicherungen kursieren in der Finanzwelt.
Nicht nur der amerikanische
Finanzsektor wittert Morgenluft. Auch politische Auswirkungen
sind zu erwarten.
Das Glass-Steagall-Gesetz
Was beinhaltet das
seit 1933 bestehende «Glass-Steagall-Gesetz» überhaupt?
Geschaffen
auf dem Höhepunkt der Krise der dreissiger Jahre, sollte es die Amerikaner
für alle Zeit vor
Börsenzusammenbrüchen schützen. Dies wurde zwar nie erreicht,
aber die Amerikaner glaub-
ten jahrzehntelang an dieses Gesetz, das heute kurz vor seinem Ende steht.
Zur Erinnerung:
Dem Börsenkrach von 1929 fielen innert drei Jahren ein Drittel der
Banken Amerikas zum Op-
fer. Ein Viertel der arbeitswilligen Amerikaner verloren ihre Stelle.
Das Brutto-Inlandprodukt der
USA erlebte eine Einbusse von dreissig Prozent. Als «Schuldige»
wurden damals die Banken
identifiziert. Sie hätten den Investoren faule Wertpapiere angedreht
und den Banken anvertrau-
te Spargelder missbraucht. Auf diesem Nährboden gedieh das Glass-Steagall-Gesetz.
Es ver-
bot den Banken, sich an Börsengeschäften zu beteiligen. Und
Börsenhändler dürfen seither
nicht gleichzeitig auch Bankiers sein. Damit der mit der Verwaltung der
Spargelder betraute
Bankier seinen Kunden nicht schlechte Wertpapiere aufschwatzen kann, Kundengelder
nicht
für eigene spekulative Operationen eingesetzt werden können.
Unterstellungen, die
bis heute von Konsumentenvertretern und Gewerkschaftsfunktionären
aufrechterhalten werden. Am 31. Oktober konnte man sie im Wirtschaftsteil
der «Washington
Post» wieder einmal lesen: «Stellen Sie sich vor, ein Makler
bietet Ihnen per E-Mail ein Porte-
feuille an, das er zusammengestellt hat, weil er Bescheid weiss über
Ihr Bankkonto. Oder ein
Bankangestellter offeriert einem guten Kunden Rabatte auf Versicherungspolicen.
Ohne sau-
bere Trennung zwischen Bank-, Börsen- und Versicherungsgeschäften
könnten solche Offerten
so alltäglich werden wie Produkte- und Zeitschriftenwerbung per Kreditkarte.»
Behindernde Fesseln
In Wahrheit hatten
die Banken 1929 viel zu leichtfertig Kredite gewährt und selber falsch
inves-
tiert. Fehler, die vom Glass-Steagall-Gesetz gar nicht erfasst werden.
Doch dieses Glass-Stea-
gall-Gesetz behinderte die Geschäfte der Banken entscheidend. Bewilligungsinstanz
für Bank-
geschäfte sind in den USA die Einzelstaaten. Die Chase Manhattan-Bank
unterhielt deshalb
Filialen in der ganzen Welt, konnte bis vor wenigen Jahren ausserhalb
des Staates New York
in den USA aber nicht tätig sein. Die Bankenaufsicht teilt alle Finanztransaktionen
in kleinste,
strikt voneinander getrennte Schächtelchen ein. Auslandbanken, besonders
die europäischen
Universalbanken, mussten sich dieser US-Gesetzgebung zwar unterstellen,
wenn sie Filialen
in den USA eröffneten.
Erfolgreiche Auslandbanken
Von ihrem Mutterhaus
aus konnten sie aber weltweite Dienstleistungen anbieten. Dies erklärt
den Erfolg der Auslandbanken in den USA, die den US-Banken bezüglich
Dienstleistungsan-
gebot bis heute weit voraus sind. Die US-Banken haben zwar aufgeholt,
konnten den Anstrich
des Provinziellen bis heute aber nicht ganz abstreifen. Oberflächlich
verkehren US- und Aus-
landbanken freundlich miteinander. Unter der Oberfläche grassiert
allerdings Neid. Ein Neid,
den auch die Schweiz zu spüren bekam, als der Erpressungsfeldzug
bezüglich Holocaust-Gel-
der entfesselt wurde.
Umgehungen
Seit Jahren sucht
Amerikas Finanzwelt der Zwangsjacke ihrer Heimgesetzgebung zu entkom-
men. Banken, die einem gesetzlichen «Heiratsverbot» unterliegen,
gründeten gemeinsam ge-
führte Holding-Gesellschaften. 1956 versuchte der Kongress, die «Nichtbank-Aktivitäten»
sol-
cher Holding-Gesellschaften mit allerlei Schikanen einzuschränken.
Weil sich die Holdings
Versicherungen anzugliedern suchten, durften ab 1970 Holding-Gesell-
schaften, denen Banken angehörten, im Versicherungsbereich nur eingeschränkt
aktiv sein.
Der Markt erwies sich indessen als stärker. So wurde den Banken Anlageberatung
in be-
schränktem Umfang zugunsten ihrer Kunden erlaubt. Nur in Einzelstaaten
tätige Banken konn-
ten sich in Einzelstaaten-übergreifenden Gruppen zusammenschliessen.
Andere Banken schu-
fen sich im Ausland, etwa auf den Bermudas, gemeinsame «uneheliche
Kinder», die als Uni-
versalbanken tätig waren und ihre Gewinne in die USA schickten.
Die Banken-Gesetzgebung
verkam zunehmend zur Komödie. Bis der Kongress ein Konzept
schuf, das das Zusammengehen von Banken, Börsenhandelsfirmen und
Versicherungsgesell-
schaften offiziell akzeptierte. Nur: Der Vorsitzende des Bankenausschusses
im Senat, Sena-
tor Phil Gramm, erhob Einspruch. Der Datenschutz sei noch ungenügend,
die Privatsphäre der
Bankkunden zuwenig geschützt. Dies verursacht Verzögerung, wird
aber das Glass-Steagall-
Gesetz nicht retten.
Die Reform der US-Bankengesetzgebung
hat eine eminent politische Dimension. Jene Kräfte,
welche die USA in veralteten Verteidigungsstellungen vor der global operierenden
Weltfinanz
abzuschotten suchten, mussten der modernen, global orientierten Finanzwelt
weichen.
Politische Auswirkungen
Dies dürfte Amerikas
Banken bedeutenden Auftrieb verleihen. Die Attraktivität des Finanzplat-
zes USA für ausländische Anleger wird zunehmen. Doch gleichzeitig
schwindet Amerikas Nim-
bus, als einzig siegreiche Supermacht aus dem Kalten Krieg hervorgegangen
zu sein. Washing-
ton bekundet mit seiner Führungsrolle zunehmend Mühe. Machtpolitisch
gelingt es nicht, Russ-
land wirklich an die Kandare zu nehmen. Energiepolitisch und handelspolitisch
sind die Ameri-
kaner, besonders im Blick auf die unmittelbar bevorstehende neue Verhandlungsrunde
in der
Welthandelsorganisation WTO, in die Defensive geraten. Und immer mehr
Kritiker nehmen un-
verhohlen Anstoss an den weiterhin ausbleibenden Mitgliederbeiträgen
der USA an die in chro-
nischer Finanznot steckende Uno. Dies verstärkt in den USA die Lust
zu grobem Dreinfahren,
zum Drohen mit Sanktionen, zur Erhebung erpresserischer Forderungen oder
zum Einsatz an-
derer Druckmittel. Ist das Glass-Steagall-Gesetz erst abgeschafft, dürfte
Amerikas Bankenwelt
Muskeln zulegen und Interessen zu vertreten beginnen, die durchaus nicht
mit jenen überein-
stimmen, welche heute von Uno, Welthandelsorganisation WTO, Währungsfonds
und Asean
ausgehen, die bis heute den Einfluss des Finanzplatzes USA weltweit eher
eingedämmt als
gefördert haben.
Richard Anderegg
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