Nr. 23, 15. August 2008

Glossen von Arthur Häny
Der Schläfer auf der Sitzbank


Als ich im Juni einmal der Regensdorfer-Strasse entlang zur Migros-Filiale Zürich-Höngg ging, lag da ein Mann lang ausgestreckt auf der Sitzbank am Weg und schien zu schlafen. Der breitet sich recht ungehörig aus, dachte ich; sonst nehmen jeweils zwei, drei ältere Leute Platz auf dieser Bank, um auszuruhen oder zu plaudern. Und der Kerl da legt sich einfach über die ganze Bank hin! Es gibt ungenierte Leute auf dieser Welt!

Als ich meinen Einkauf in der Migros beendet hatte und den Heimweg antrat, lag er noch immer längelang da. Ein ängstliches weisshaariges Frauchen machte sich Sorgen um ihn, es redete mich an und fragte, ob es mit diesem Mann wohl seine Richtigkeit habe… er rege sich schon so lange nicht mehr! Und in der Tat, beim Anblick eines still Schlafenden kann man zuzeiten jenen leisen Schauer empfinden, den gewiss schon die alten Griechen empfunden haben, als sie den Schlaf den Bruder des Todes nannten. – Ich teilte aber die Besorgnis des Frauchens nicht. Ein so rüstiger, ungehobelter Kerl pflegt mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder aufzuwachen!

Ein älterer Herr trat herzu und meinte beschwichtigend, der Schläfer da habe es wohl einfach nötig, so lange zu schlafen! Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte mir, der Vorfall erinnere ihn an seine Jugend, da sei es ihm oft ähnlich ergangen. Er habe nämlich als Junge unheimlich früh aufstehen müssen, um den weiten Weg zur Schule zurückzulegen. Und da sei er denn oftmals mitten in der Schulstunde eingeschlafen. – Die Mitschüler hätten ihn dann wecken wollen, aber der Lehrer habe jeweils gesagt: «Lasst ihn nur schlafen, er hat es wohl nötig!» Er denke heute noch jeden Tag mit Dankbarkeit an diesen gütigen Lehrer zurück, sagte er mir, und ich bewunderte seine lebenslängliche Dankbarkeit. Solche Schüler wünschen sich wohl die meisten Lehrer vergebens!

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Sein weiter Schulweg erinnerte mich an meinen eigenen, wenn ich jeweils in aller Herrgottsfrühe auf dem Velo vom ‹Kappelerhof› zum Bahnhof Baden radelte, um von dort mit der Bahn nach Zürich zu fahren und dann ans Gymnasium und später an die Universität zu gehen. Das geschah grösstenteils noch während des Zweiten Weltkriegs, einer Zeit voller Entbehrungen, Aufregungen und Ängste. Und ich weiss noch gut, dass auch ich damals in der Vorlesung eines altehrwürdigen Linguisten manch wechselvollen Kampf mit dem Schlaf ausfocht. Auch ich war damals stets übermüdet. Nein, sie war nicht lustig, jene Zeit, als man immer wieder das dumpfe Brummen der Bomber hörte, die da irgendwo hoch oben ihre verhängnisvolle Bahn durch den Himmel zogen. Jene Zeit, als in der Nacht vollständige Verdunkelung herrschte und bei Tag und Nacht immer wieder die Sirenen von den Dächern heulten. Als man Eimer voll Wasser und Sandsäcke in den Dachraum schleppte, um sich gegen ausbrechende Brände zu wappnen. Als man in allen Blumengärten Kartoffeln pflanzte… Nein, es war nicht lustig! Und kein halbwegs vernünftiger Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, wir Schweizer seien ein Volk von Schiebern und Kriegsgewinnlern…

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Ich erwähnte jene harten Erfahrungen gegenüber dem Mann, mit dem ich mich unterhielt. Er erwiderte, wir hätten, trotz allem, im Verhältnis zu den umliegenden Ländern, noch halb im Paradies gelebt. Da draussen aber, da sei es die Hölle gewesen! Und er erzählte mir, wie er selber einst, noch lange nach dem Krieg, die Schrecken des Zwanzigsten Jahrhunderts empfunden habe. Auf einer organisierten Touristen-Tour sei er nach Norilsk in Nordsibirien gekommen, und dort habe es eines jener berüchtigten Todeslager Stalins gegeben. Zehntausende von Häftlingen seien an der unmenschlichen Zwangsarbeit zugrunde gegangen. Ich pflichtete ihm bei: jene satanischen Lager, die gab es ja nicht nur in Auschwitz und Buchenwald, die gab es von Workuta im höchsten Norden Russlands bis nach Magadan im fernsten Osten Sibiriens! Da wurden die Leute zwar nicht vergast, aber zu Tode geschunden. Was für satanische Kräfte der Vernichtung waren im letzten Jahrhundert entfesselt! Ein Menschenleben galt da überhaupt nichts.

Und mit Hitler und Stalin nahm der Schrecken noch lange kein Ende, denn da schloss sich später noch Maos blutrünstige «Kulturrevolution» an, da ereigneten sich all die Kämpfe und Massaker in Korea, Vietnam und Kambodscha, in Afghanistan und Sri Lanka, in Angola, Burundi und Darfur, auf dem Balkan, im Nahen Osten und anderswo. Einige dieser Kriege wüten ja auch heute noch.

Manchmal denke ich, wir sollten die ganze Welt verschlafen können, wie der Mann auf der Bank dort den Nachmittag verschlafen hat. Man wird all die sinnlosen Repetitionen des Schreckens mit den Jahren so satt, so übersatt! Und ich frage mich ernstlich, ob die Menschheit jemals aus all den Katastrophen etwas lernt. Die schwelenden Brände, die heute noch immer die halbe Welt verätzen, stimmen bedenklich. Das Böse ist eine nicht wegzuleugnende Grossmacht auf dieser Erde. Es entspringt aber nicht irgendeinem finsteren, vorbestimmten Schicksal, sondern ganz einfach der Macht- und Besitzgier, dem Neid und der Lieblosigkeit der Menschen.

Wie soll man sich nun zu den Schrecken der Vergangenheit verhalten? Die Parole «Niemals vergessen!» scheint mir tödlich, denn sie hindert uns daran, in der Gegenwart zu leben – und Leben lässt es sich nur in der Gegenwart. Alles zu vergessen und die Vergangenheit gleichsam auszuwischen, geht aber auch nicht an. Wir müssen zwischen dem Erinnern und dem Vergessen eine Balance finden – wie ja auch die Natur eine Balance gefunden hat zwischen dem Wachen und dem Schlaf. Wir müssen versuchen, während all der Tage, die uns vergönnt sind, unser Bestes zu tun. Aber dann dürfen wir uns auch wieder der Gnade des Schlafs überlassen, der uns verjüngt und erneuert. Und wir wollen dankbar sein, wenn wir in einem bequemen Zuhause schlafen können – und nicht im Freien draussen auf einer harten Sitzbank.