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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 6. Oktober 2006

Markus Rauh und die Liebe zur Wahrheit
"In eigener Sache"

Es geschah am 28. August dieses Jahres. In Appenzell. Markus Rauh, von den Medien in den Himmel gehobener Edelfechter gegen das angeblich herzlose Asylgesetz bestritt einen seiner gross inszenierten Auftritte. Er wähnte sich in der Rolle des Predigers. Alle andern sollten zuhören, seine erhabenen Worte verinnerlichen. Auf kritische Fragen, erst recht auf offene Kritik, reagierte er demonstrativ unwirsch: Er sei, herrschte er Fragesteller an, nicht gekommen, um sich anfeinden zu lassen. Sie möchten gefälligst zuhören. Und schweigen. Sonst gehe er.

Dennoch blieben einige Fragesteller hartnäckig: Wie er, Markus Rauh, denn solche "Asylsuchende" beurteile, die mittels offensichtlicher Lügen zu Asyl gelangen wollten? Genau wissend, dass sie, wenn es mit rechten Dingen zuginge, niemals Asyl erhalten würden. Weil sie in keiner Weise persönlich verfolgt sind.

Markus Rauh formulierte zur Antwort einen Satz, der schon damals in Appenzell viele empörte. Die wirkliche Substanz der Rauhschen Antwort wurde allerdings erst nach der Asylabstimmung wirklich sichtbar. Rauhs Antwort auf die ihm gestellte Frage lautete nämlich, dass Lügen "in eigener Sache" nicht strafbar sei. Wer sich mittels Lügen Asyl ergattere, sei - so sah es Rauh - letztlich im Recht. Asylbetrug sei also gerechtfertigter Betrug. Eine Aussage, mit der Rauh seine über jedes Alltags-Gezänk erhabene Menschlichkeit demonstrieren wollte. Nachdem er andern, die seine Meinung nicht teilen wollten, zuvor recht hemmungslos "Lügner" ausgeteilt hatte.

Dann kam der Abstimmungstag mit seinem so ausserordentlich eindrücklichen Doppel-Ja zu Asyl- und Ausländergesetz. Und es kam der "Tag danach": Plötzlich stand der von Ringier zur Lichtgestalt gekürte Rauh völlig entblösst vor der Öffentlichkeit. Als Verdächtigter in einem Insider-Verfahren. Und als Lügner, weil er das gegen ihn angestrengte Verfahren (angeblich um seine Rolle im Abstimmungskampf nicht zu beeinträchtigen) wochenlang abgeleugnet hatte. Rauh wurde zum Lügner "in eigener Sache". Wobei nicht Menschlichkeit, nicht Humanität zu verteidigen ist. Es geht bloss um Herrn Rauhs Geldschatulle. Es geht um Raffgier, ganz und gar "in eigener Sache".

Zu was allem selbst Riniger-gekürte Edelmenschen doch fähig sind, wenn sie urplötzlich "in eigener Sache" zu handeln sich anschicken.

Ulrich Schlüer

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