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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 15. Oktober 2004

Unruhe im Bundesrat

«Staatskrise» verschoben

Die vom «Blick» so schaumschlägerisch - weil vermeintlich auflagesteigernd - herbeigeschwatzte «Staatskrise» ruht unvermittelt. Denn drei der Hauptprotagonisten sind Richtung Asien entschwunden. Einzeln. Die Aussenministerin im bundesrätlichen Sonder-Jet. Das sei billiger, meint sie. Denn der Pilot «sei ohnehin angestellt». Er koste also nichts, wenn sie sich nach Sri Lanka tragen lasse, um sich dort - vor allem für schweizerische Medien - als Friedensschwätzerin in Szene zu setzen.

Die Bundesräte Deiss und Couchepin, jeder mit unübersehbarem Tross, bewundern derweil in Japan und China den Leistungswillen der Asiaten. Um später, zurück in der Schweiz, wirtschaftliche Mediokrität hierzulande wortreich zu beklagen. Als würden uns die Chinesen vom lähmenden Verbandsbeschwerderecht befreien. Als würden die Japaner den sämtliche Unternehmer in der Schweiz
aufs widerwärtigste schikanierenden, allein Bürokratenfutter liefernden neuen Lohnausweis dorthin verfrachten, wo er hingehört: In die Verbrennung!

Als würden Asiaten all unsere Gleichstellungsbüros und anderen nutzlosen Einrichtungen beseitigen, in denen unzählige Funktionäre vor allem mit einem Ziel vor Augen sitzen: Aus längst geleerter Bundeskasse auch noch einen Happen herauszuholen. Wenn die ins ferne Asien ausgeflogenen Herren Minister nur wollten, sie könnten sehr rasch den die Wirtschaft lähmenden Staatsapparat von tödlichen Kletten befreien. Aber es ist angenehmer, nach langen Reisen über die Schweiz zu klagen, als hier die Entschlackung anzupacken.

Einer - glücklicherweise nicht der einzige - arbeitet derweil in Bern. Zufälligerweise der gleiche, der - er wurde damit Auslöser der von Ringier beschworenen «Staatskrise» - dem Souverän nach Volksabstimmungen keine Zensuren austeilen mag. Er sagt es offen: Ständige Herumreiserei löst keine
Probleme. Jene weitsichtigen Bundesräte, die, im Schengen-Taumel, kurzsichtig unsere Grenzen einreissen, tragen weder in Sri Lanka noch in Japan, noch in China zur Sicherheit von Volk und Land bei. Das kann nur der, der hier, im eigenen Land, Verantwortung wahrnimmt vor Wählern und Stimmbürgern.

Schwadronierer dort - Schaffer hier: Zwischen diesen beiden Polen verläuft jene Grenzlinie, welche geschwätzige Windbeutel aus Grossverlagen zur Staatskrise aufgeblasen haben. Welchen Typus Bundesrat die Öffentlichkeit vorzieht, den Schaffer hier oder den Schwadronierer am andern Ende der Welt - darüber geben hiesige Medienschwätzer wohlweislich keine Meinungsumfrage in Auftrag. Denn sie kennen das Ergebnis.


Ulrich Schlüer


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