Nr. 23, 15. Oktober 2004
Europa ohne Grenzkontrolle
Schengen - ein weiterer Schritt zum EU-Beitritt
Von Nationalrat
Christoph Mörgeli, Uerikon ZH
«Die Binnengrenzen dürfen an
jeder Stelle ohne Personenkontrolle überschritten werden.» So lautet
Artikel 2 des Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985.
Es gibt keinen einzigen
Schengen-Mitgliedstaat, der diesen Satz nicht als «Kernsatz» anerkennen
würde! Praktisch alle restlichen Artikel des Abkommens betreffen sogenannte
«Ausgleichsmassnahmen», die den Verlust an Sicherheit durch offene
Grenzen irgendwie auffangen sollen. Es ist mir aber kein einziger ausländischer
Politiker oder Staatsrechtler bekannt, der nicht
zugibt, dass das Hauptziel von Schengen der Abbau der Grenzkontrollen zwischen
den Vertragsstaaten ist.
Abbau der Grenzkontrollen
Ein EU-Politologe hält begeistert und unmissverständlich fest: «Der
Name Schengen steht heute europaweit für ein Europa ohne Grenzen.»
Und weiter: «Eine wichtige Auswirkung der Schengener Abkommen liegt
sicher in ihrer europapolitischen Bedeutung.» Und so ist es auch: Die
Europäische Union will mit Schengen zeigen, dass sie eine grosse, harmonische
Familie ist. Ich wiederhole den bei allen Unterzeichnerstaaten anerkannten
zentralen Satz des Schengen-Vertrags: «Die Binnengrenzen dürfen
an jeder Stelle ohne Personenkontrolle überschritten werden.» Nun
konnte dieses Ziel nicht innerhalb des rechtlichen Rahmens der EU erreicht
werden, denn ein EU-Mitglied wie Grossbritannien hätte sich entrüstet
gegen den damit verbundenen Sicherheitsverlust gewehrt und ist Schengen denn
auch bis heute nicht beigetreten. Nein, Schengen ist bis heute kein EU-Abkommen,
sondern beruht einzig auf einem zwischenstaatlichen Abkommen.
Kein Sicherheitsprojekt
Nun gibt es allerdings ein kleines Alpenland inmitten Europas, dessen Politiker
und Beamte allein auf weiter Flur so tun, als handle es sich beim Schengen-Vertrag
in erster Linie um ein Sicherheitsprojekt: «Schengen bringt mehr Sicherheit»,
behaupten hierzulande Bundesräte und Bundesangestellte unentwegt - und
die Medien plappern es ihnen begeistert nach. Welch unglaubliche Umkehr zur
Realität, in der es in der Hauptsache um die Aufhebung der Grenzen geht
und man sich nachher etwas ratlos überlegt, wie man die dadurch entstehenden
Sicherheitslücken einigermassen stopfen könnte.
Schengen bedeutet freie Fahrt für alle, die in den Schengen-Raum eingedrungen
sind - leider auch für Kriminelle, Waffenschieber, organisierte Verbrecher,
Illegale, Schlepper und Asylmissbraucher. Den Höhepunkt der marktschreierischen
Verkaufsbemühungen von Schengen habe ich aus Bern vernommen: Unsere Landesgrenzen
seien ein Sicherheitsrisiko, weil sie ein
Hindernis für die Ermittlungs- und Strafbehörden darstellten. Selbstverständlich
war vorauszusehen, dass die Schengen-Freunde bei uns bürgerlichen Skeptikern
in geradezu absurder Umkehr der Tatsachen versuchen würden, mit dem Sicherheitsargument
zu hantieren. Die damalige SP-Nationalrätin Regine Aeppli hat den Braten
schon vor zweieinhalb Jahren gerochen und geschrieben, «der Bundesrat
stellt einseitig die Sicherheitsaspekte in den Vordergrund, um sich bei den
Bürgerlichen beliebt zu machen». («Die Wochenzeitung»,
31. 1. 2002)
Immerhin gibt es in unserem Land auch noch ehrliche Praktiker, die Klartext
über Schengen sprechen. So sagte Thomas Hug, der erste Staatsanwalt des
Grenzkantons Basel-Stadt gegenüber der «Weltwoche»: «Sie
müssen sehen, dass das Übereinkommen nicht geschlossen wurde, um
für mehr Sicherheit zu sorgen, sondern um die Grenzen zwischen den Staaten
der Europäischen Union zu
öffnen. Die Abschaffung der Grenzkontrollen ist der Sicherheit aber zwangsläufig
abträglich. Deshalb mussten die Schengen-Staaten ersatzweise flankierende
Massnahmen treffen, um die Sicherheit wieder zu erhöhen.» («Die
Weltwoche», 15. 4. 2004)
Dublin: Herumschieben von Asylbewerbern
Auch das viel gerühmte Abkommen von Dublin betreffend Asylbewerber sollte
mit grösster Skepsis beurteilt werden. Zum Wesen der Europäische
Union gehört es leider, dass die ihr angehörenden Nationalstaaten
sämtliche Probleme, die sie nicht lösen können, einfach auf
die höhere supranationale Ebene abschieben, wo sie erst recht nicht gelöst
werden. Der grosse europäische Denker Ralph Dahrendorf hält fest,
dass die Reformer der linken Mitte (er nennt sie Neo-Sozialdemokraten) Europa
als Utopie entdeckt hatten, ohne genau zu wissen, wo dieses Europa liegt und
was es bedeuten solle. Klar sei diesen Internationalisten, Zentralisten und
Wettbewerbsverhinderern nur die täuschende Devise: «Im eigenen
Land werden wir mit den Problemen nicht fertig, darum sollten wir sie auf
europäischer Ebene anpacken.» («Der Wiederbeginn der Geschichte»,
2004, S. 195). Dies betrifft insbesondere die Sicherheit, den Asylmissbrauch
und die Kriminalität. Die hochgejubelten grenzüberschreitenden Informationssysteme
sind eben nur so gut wie die Summe der Systeme der einzelnen Staaten, deren
Qualität durchaus unterschiedlich ist.
Was auf den ersten Blick gut tönt - dass Asylbewerber nur noch in einem
Land ein Gesuch stellen können und eine Ablehnung überall Gültigkeit
hat -, erweist sich bei näherem Hinsehen als problematisch. Wenn sie
ein gemeinsames Gesetz über verschiedene Länder mit ganz unterschiedlicher
Kultur und Rechtstradition stülpen, zeigt sich der Kulturunterschied
eben darin, wie die einzelnen Länder dieses Gesetz auslegen. Erstaunlicherweise
nehmen die Staaten Südeuropas wie Griechenland, Italien und Spanien viel
weniger Asylsuchende zurück als die Staaten Nordeuropas, die möglicherweise
mit der Identifizierung und Registrierung etwas exakter verfahren. Dabei erscheint
es doch eher als unwahrscheinlich, dass die übers Mittelmeer und auf
der Balkanroute zuströmenden Menschen als erstes nordeuropäischen
Boden betreten und das südeuropäische Territorium gewissermassen
überhüpfen.
Jedenfalls betreiben die Staaten mit Dublin letztlich ein Nullsummenspiel,
indem sie die Asylbewerber einfach herumschieben. Und ich kann Ihnen heute
schon garantieren, dass wir gründlichen und pflichtbewussten Schweizer
viel mehr Asylsuchende zurücknehmen müssen, als wir abschieben könnten.
EU-Beitritt als Ziel
Warum aber verkaufen Bundesrat und Verwaltung Schengen und Dublin seit Jahren
wider besseres Wissen als Sicherheitsprojekt? Warum hat der Bundesrat trotz
schwerster Nachteile für die innere Sicherheit unseres Landes von sich
aus im Rahmen der Bilateralen Verträge in Brüssel förmlich
um Aufnahme in den Schengen-Raum gebettelt? Warum sagt heute der Vertreter
des Integrationsbüros, Schengen bringe keinen Souveränitätsverlust.
Dasselbe Integrationsbüro, das ja unsere Regierung berät, liess
den Bundesrat noch 1999 unwidersprochen verkünden, Schengen mache «Souveränitätsübetragungen
an supranationale Instanzen unerlässlich»? (Botschaft des Bundesrates
zu den Bilateralen Verträgen l, 23. 6. 1999) Warum ist Bundesbern nicht
in der Lage, wenigstens über ein paar Jahre lang einigermassen berechenbar
und diszipliniert zu denken? Der Grund ist klar: Mit Schengen und den Bilateralen
Verträgen will der Bundesrat den EU-Beitritt weiter vorantreiben.
Entlarvende Bekenntnisse
Und der Grund wird noch klarer, wenn man zur Kenntnis nimmt, welches Duo dem
Integrationsbüro politisch vorsteht. Da ist erstens Volkswirtschaftsminister
Joseph Deiss, der einen Tag nach Annahme der Bilateralen Verträge l verkündet
hat, nun sei der EU-Beitritt der Schweiz «ein in Arbeit befindliches
Projekt». Zum zweiten untersteht das Integrationsbüro der Aussenministerin
Micheline Calmy-Rey, die letztes Jahr vor der Presse wörtlich verkündete,
die Bilateralen Verträge seien dazu, «den Boden zu
bereiten» für einen raschen EU-Beitritt (Pressekonferenz, 24. 4.
2003).
So deutliche Aussagen sind allerdings eine Ausnahme, meistens spricht der
Bundesrat europapolitisch viel schlauer und wolkiger, ganz im Sinne des früheren
FDP-Präsidenten Franz Steinegger, der 1998 von der «SonntagsZeitung»
gefragt wurde: «Sie bleiben bei der Salamitaktik: Rädchen um Rädchen,
Schritt für Schritt in die EU?» Steineggers Antwort lautete: «Ganz
klar. In der direkten Demokratie sind
konkrete Schritte der einzige Weg, um weiterzukommen.» («SonntagsZeitung»,
25. 10. 1998). Schengen ist nun also eine weitere, ziemlich dicke Scheibe
dieser Salami. Weil die ursprünglich eher misstrauische Linke gemerkt
hat, dass es mit Schengen in grossen Schritten Richtung EU-Beitritt geht,
hat man die einstigen Kritiker kalt- oder doch wenigstens ruhiggestellt. Der
Zürcher SP-Justizdirektor Markus Notter, der einst mit scharfen Worten
gegen Schengen zu Felde zog, schwärmt heute nur noch vom EU-Beitritt.
Der Basler SP-Nationalrat Remo Gysin hat der Aussenpolitischen Kommission
vor noch nicht allzu langer Zeit beantragt, mit der EU keinesfalls über
eine Schengen-Kooperation zu verhandeln, denn diese bringe «nichts für
die Bekämpfung von Terrorismus oder organisierter Kriminalität».
«Es darf doch nicht sein» - so hat sich Gysin in Sachen Schengen
gegenüber der «Wochenzeitung» geärgert -, «dass
die SVP die einzige Opposition ist.» («Die Wochenzeitung»,
31. 1. 2002). Haben Sie seither in dieser Sache wieder etwas von Herrn Gysin
gehört? Nein, denn in der SP hat sich Regine Aeppli durchgesetzt, die
ihrer Fraktion bereits im August 2000 begeistert über die
«Schengen-Idee» geschrieben hat, deren Kern sei der «Öffnungsgedanke»:
Die Aufhebung der Kontrolle an der Grenze «zu unseren Nachbarländern
wäre ein starker symbolischer Akt». Und weiter im Originaltext
Aeppli: Nach der verlorenen EU-Abstimmung kämen bilaterale Verhandlungen
über Schengen gerade recht, um die Debatte über das Verhältnis
Schweiz-EU «zu vertiefen». Und die Grünen? Ärgerte sich
Cecile Bühlmann unlängst in einem parlamentarischen Vorstoss noch
grün und blau über die Vorstellung, dass nach einem Schengen-Beitritt
vor allem braune und schwarze Mitmenschen kontrolliert würden, so kann
man heute im «Greenfo», dem offiziellen Organ der Grünen
Partei, die fröhlichen Worte lesen: «Diese Kröte müssen
wir schlucken.» Warum? «Weil ein EU-Beitritt ohne Schengen nicht
zu haben ist.» Und: «Weil eine soziale und grüne Schweiz
nur im Rahmen
der EU zu haben ist.»
Die Antwort
Der Inhalt des seit 1985 bestehenden Schengen-Vertrags ist seit langem bekannt.
Auch der Kernsatz: «Die Binnengrenzen dürfen an jeder Stelle ohne
Personenkontrolle überschritten werden.» Diese Vereinbarung steht
in diametralem Gegensatz zum Sicherheitsbedürfnis der Öffentlichkeit.
Deshalb
kommt ein Beitritt zum Schengen-Vertrag nicht in Frage.
Christoph Mörgeli, Nationalrat