Nr. 23, 15. Oktober 2004
Die Schweiz 1940 und 1996 bis 2002
Die Massenmedien - damals und heute
Von Prof. Dr.
Thomas Marthaler, Zürich
Ab Ende 1996 wurde in den USA ein übles
Bild der Schweiz verbreitet. Es hagelte Vorwürfe zur Haltung der Schweiz
während des Zweiten Weltkrieges. Im Buch «Der Kniefall der Schweiz»
(Luzi Stamm, 1999) sind auf Seite 21 folgende Aussagen von einflussreichen
US-Bürgern zitiert:
Die Angriffe gegen die
Schweiz wurden durch die Spitze des Jüdischen Weltkongresses in Gang
gesetzt. Persönlich wurde ich damit zum ersten Mal am 20. Februar 1996
anlässlich des Auftritts des Generalsekretärs des Jüdischen
Weltkongresses, Israel Singer, in Bern konfrontiert. Ich konnte nur staunen,
in welchem Ton dieser die Schweiz angriff und von ihr forderte, ihre angeblich
verlorene nationale Würde wiederherzustellen.
Aggressive Töne
Bald wurden die Töne aggressiver. Singer bezeichnete die Schweizer Regierung
und die Banken später als <Gauner>. Der Direktor des Jüdischen
Weltkongresses, Elan Steinberg, sprach von einer <Kollektivverantwortung
der Schweiz>, sie habe mit Nazideutschland <voll kooperiert>. Der
Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, bezeichnete
die Schweiz als <sogenannt neutrales Land, das die Geldgier zur Kollaboration
mit den Nazis trieb> und als <freiwillige Verbündete der Nazis>,
welche <mit der Asche des Holocaust Geld verdient> haben. Bronfman zog
für seine Angriffe den New Yorker Senator Alfonse D'Amato bei, der als
Sprachrohr für die Attacken gegen die Schweiz eingesetzt wurde und sich
mit Aussagen wie der folgenden profilierte: <Die Schweizer stahlen Milliarden
Dollar in Gold von den Wehrlosen und Armen und halfen dieser üblen Mordmaschine.>
Der für das Simon Wiesenthal Center arbeitende Historiker Alan Schom
schrieb: <Es war bekannt, dass die Schweizer Regierung sehr nazifreundlich
eingestellt war. Schweizer Zeitungen waren antiamerikanisch. Sie unterstützten
Hitler. (...) Die Schweizer erlebten es als schrecklichen Schock, dass die
Deutschen ab 1943 den Krieg verloren. (...) Die schweizerische Geschichte
ist noch nicht geschrieben worden. Was publiziert ist, ist ein Korb voll Lügen.>
Ungeheuerliche Vorwürfe
Die Vorwürfe wurden von massgebenden Medien übernommen. In Wort
und Bild wurde die Schweiz Hitlerdeutschland gleichgestellt (in den USA, aber
auch in England und Israel).» Die Ungeheuerlichkeit dieser Unterstellungen
lässt sich quasi als «Nebenprodukt» aus dem Bericht über
Pilet-Golaz, 2. Folge, in der «Weltwoche» Nr. 32 vom 5. August
2004 entnehmen. Stark antinazistische Stimmungen herrschten in der Bevölkerung
vor. Nach dem «rasend schnellen Zusammenbruch Frankreichs» («Weltwoche»,
S. 51) war dies schlagartig eine akute Gefahr für das Land: «Freitag,
21. Juni (1940, wie auch die weiteren Juni-Daten) eingekreist! Wir sind es
virtuell. Ausser, vielleicht, durch eine enge Türe, die sich gegen Savoyen
öffnet» (Barbey, WW, S. 50). Fast über Nacht gab es eine Unzahl
Zweifler am Überleben unserer Demokratie, unseres Landes - verständlicherweise.
«Die Presse ihrerseits steht unter dem Schock des französischen
Zusammenbruchs und ist ziemlich ratlos, wie dem <Neuen Europa>, von
dem jetzt Hitler redet, zu begegnen ist: Muss man sich nicht vielleicht doch
irgendwie arrangieren?» (WW, S. 55). Die unter dem Armeekommando stehende
Gruppe von Psychologen schreibt zur Woche vom 16. bis 22. Juni: «...
dass auf weite Sicht bei <vorwiegend wirtschaftlich orientierten Typen>
die Bereitwilligkeit zur Anpassung an den <neuen Wirtschaftsraum> eine
erhebliche Rolle spielt». Aber die breite Bevölkerung, besonders
auf dem Lande, blieb überwiegend nazifeindlich. «Anderseits gab
es Demonstrationen, die alles andere als freundlich für das (Nazi-) Reich
waren. Sie fielen natürlich nicht auf taube Ohren: Wir hatten damals
fast 100 000 Deutsche in der Schweiz.» Frölicher, der Schweizer
Gesandte in Berlin, schrieb an Pilet: «Leider haben wir uns hier in
weiten Kreisen durch die einseitig eingestellte Volksmeinung und durch die
unfreundliche und parteiische (antinazi-eingestellte) Presse viele Feinde
geschaffen» (WW, S. 52).
1940: Die Schweiz hielt stand
General Guisan verlangte am 21. Juni zur Verhinderung der «Ausfälle
und Exzesse [gegen Nazideutschland] unserer Presse und der Zwischenfälle,
die sich daraus ergeben können», die Einführung der Vorzensur
(WW, S. 52). Zahlreiche Protestnoten trafen aus Berlin ein, oft versteckte
Kriegsdrohungen enthaltend. Ja, so war es: Die Presse, beinahe unisono antinazi
eingestellt, stellte
sich trotz fast aussichtsloser Lage gegen die Drohungen aus dem Norden. Nicht
zuletzt darum gelang es Regierung und Militär, die Schweiz trotz der
militärisch und volkswirtschaftlich absolut hoffnungslosen Lage als -
zugegebenermassen relativ - selbständige Nation zu erhalten und jegliche
Beteiligung am Krieg zu vermeiden. Heute beurteilen Historiker dies mehr und
mehr als Meisterleistung zum Wohle der Schweizer Bevölkerung, inklusive
der jüdischen.
Und 1996?
Und wie war das im Falle der Pressionen, die ab 1996 ursprünglich vom
Wiesenthal-Zentrum, vom Jüdischen Weltkongress und anderen Organisationen
ausgingen? Nicht nur Jean Ziegler, dessen Hang zum Heruntermachen der Schweiz
bekannt ist, sondern auch andere bekannte Persönlichkeiten und namhafte
Literaten nahmen gegen die Schweiz Stellung (Luzi Stamm, S. 121): «Wir
waren eine Fötzelgesellschaft, wir waren Feiglinge» (so Gottfried
Honegger); «Unsere Armee verteidigte keine Grenze, sondern einen randvoll
gefüllten Tresor» (Thomas Hürlimann); zudem Adolf Muschg,
der die Schweizer pauschal beschuldigte, an der Tötung der Juden mitgewirkt
und daran verdient zu haben
(Luzi Stamm, S. 137). Die «Eidgenössische Kommission gegen Rassismus»
stellte im Dezember Plakate eines Wettbewerbs aus (Fotos in Luzi Stamm, S.
129). Was stand darauf?
SCHWEIZER SIND FEIGE
SCHWEIZER STINKEN
SCHWEIZER SIND FAUL
Von allen guten Geistern
verlassen? Sauschweizer «Lieber Tot als Schweizer-Rot»: So lautete
das Motto der Antirassismus-Ausstellung vom 4. bis 6. Dezember 1996. Dies
und ähnliches haben vor allem die grossen Schweizer Massenmedien Ende
der neunziger Jahre breitgeschlagen. Mitunter haben sie die Schweiz auch des
Judenmordes und der Bereicherung bezichtigt. Vor allem in den USA hat man
die falsche Berichterstattung - besonders in Finanzkreisen - übernommen
und verbreitet und die Schweiz als Verbündete der Nazis heruntergemacht.
Dies in einem Ausmass, dass amerikanische Historiker als Reaktion schon im
Jahre 2000 Bücher veröffentlichten, die die Anwürfe gegen die
Schweiz als haltlos entlarvten (Halbrook 1999, Codevilla 2000).
Das Blatt wendet sich
Mittlerweile hat sich das Blatt zu wenden begonnen. Man darf jetzt wieder
Leibchen mit Schweizerkreuzen tragen, was noch 2002 von einem Lehrer auf dem
Schulareal beanstandet wurde. Das Blatt wird sich hoffentlich noch weiter
wenden. Eine schwierige Aufgabe steht noch bevor: Die Beurteilung des Schadens,
den unsere Medien, Behörden und einflussreiche Persönlichkeiten
aus allen Schichten unserem Land zugefügt haben. Zumindest sind weite
Teile des Bergier-Berichts durch Luzi Stamms Schrift «Die 10 Todsünden
des Bergier-Berichts» disqualifiziert worden.
Wenn die führenden Persönlichkeiten der Schweiz im Verbund mit den
Massenmedien - damals Zeitungen und Radio - von 1939 bis 1941 in so hinterhältiger
Art unser Land untergraben hätten, wie das von 1996 bis etwa 2000 der
Fall war, wären wir wahrscheinlich - wie etwa ein Dutzend andere
europäische Länder auch - unter das Diktat der Nazi-Diktatur geraten.
Die Schweiz ging 1996 bis 2002 nicht zugrunde, aber unser guter Ruf ist teils
aus Unkenntnis, teils böswillig schwer beschädigt worden. Zudem
haben wir einige Milliarden Schweizerfranken als «Lösegeld»
bezahlt, das in den USA
herumliegt und den bedauernswerten Opfern des Holocaust nur zu einem geringen
Teil zugute kommt.
Prof. Dr. Thomas Marthaler