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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 20. September 2002
Welch
nettes Geschenk
Uno-Beitritt und Affentheater
Die Schweiz ist also in den Kreis der Uno-Staaten aufgenommen worden. Zur Beitritts-Zere- monie am 10. September in New York hatte die Schweizer Delegation ein Geschenk mitge- bracht. Das sei Tradition.
Wer vermutet, der Bundesrat würde aus Anlass der Aufnahme der Schweiz in die «Völkergemeinschaft» als Geschenk einem armen Land ein Spital oder einer verarmten Gegend zum Beispiel die Wasserver- sorgung bezahlen, der irrt allerdings gründlich. Die Schweizer Uno-Pilger überbrachten vielmehr eine waschechte Funktionärsgabe. Sie schenkten der Uno nämlich einen Raum - genauer: die Renovation jenes «repräsentativen Raumes» im Uno-Hauptquartier, in dem die Redner jeweilen auf ihren Auftritt vor der Vollversammlung warten müssen. Zweieinhalb Millionen Franken will der Bund für dessen luxuriöse Ausstattung aufwenden - auf dass mit dem Schweizer Geschenk den Rednern zu New York das Warten auf ihren «grossen Auftritt» etwas angenehmer gemacht werden kann.
Zugegeben: Für dieses Geschenk an die Uno waren noch andere Ideen in Umlauf. Nachdem den Schweizern von allen Medien in geschlossen einstimmiger Eintönigkeit weisgemacht wurde, das von der Expo dem Schweizervolk am 1. August zum Geschenk gemachte Affentheater sei ein überaus grosser, origineller, epochemachender Wurf, gab es Schweizer, welche die Uno mit gleicher Originalität beglücken wollten. Man hätte - meinten diese Expo-Fans - dieses die Kopulation in den Mittelpunkt stellende Affentheater, uraufgeführt an der Expo, doch auch den Funktionären aus aller Welt, versam- melt im Uno-Palast zu New York, zugänglich machen sollen. - Wer solches vorschlug, erntete indessen helle Entrüstung. Man könne den Grossen dieser Welt doch nicht ein Affentheater zumuten, so hallte die Empörung durchs Bundeshaus. Interessant: Von denen, die auf diese Geschenk-Idee so gehar- nischt reagierten, war auch nicht ein Hauch von Empörung zu vernehmen, als selbiges Expo-Affen- theater am 1. August der Schweizer Bevölkerung zugemutet wurde...
So kommt es, wenn man den Souverän Schritt für Schritt zu blossem Zahlvieh erniedrigt - das schran- kenlos geschröpft werden kann, wenn es der hiesigen Classe politique gefällt, der Classe politique zu New York unter Einsatz von zweieinhalb Millionen Steuergeldern das Warten aufs Reden mit etwas Luxus zu verbrämen.
Ulrich Schlüer