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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 5. Oktober 2001
Nach dem Amoklauf
in Zug
Nährboden
Wenn Gewalt jenes unfassbare Ausmass annimmt, wie es im Ratssaal von Zug tragische Wirklichkeit wurde, dann fehlt es an Sprache, das Unfassbare zu kommentieren, zu erklären, zu bereden. Stumme Verneigung vor den Opfern und ihren Angehörigen ist als einzige Haltung angemessen.
Zwei Beobachtungen scheinen immerhin angebracht: Wer tagsüber, im frühen oder im späten Abend- programm Unterhaltendes am Bildschirm sucht, wird tagtäglich regelrecht eingedeckt mit spektakulä- ren, oft geradezu bombastischen Gewaltszenen. Die Lust an der Gewalt, an der orgiastischen Vernich- tung von Leben dominiert angeblich Einschaltquoten sichernd das Programm allzu vieler TV-Statio- nen. Ob mit diesen Gewaltorgien nicht ein Klima gezüchtet wird, das labile, streitsüchtige, querulatori- sche Menschen dazu verführen kann, sich selbst in die Rolle des unermessliche Gewalt anwendenden «Rächers» zu verlieren?
Ob es nicht zielgerichteter wäre, gegen solch zur Schau gestelltes, gewaltverherrlichendes, brutales Töten zwecks angeblicher Unterhaltung von Zuschauern gesetzgeberisch vorzugehen, statt die Zuger Ereignisse jetzt oberflächlich-vorschnell zu Verbotskampagnen gegen alle verantwortungsbewussten Schützen in unserem Land zu instrumentalisieren?
Zweite Beobachtung: Wohl nur solche Menschen, die jeglicher Mitmenschlichkeit verlorengegangen sind, können Gewalttaten jenes Ausmasses begehen, wie es in Zug tragische Tatsache wurde. Halt vermittelnde Treue im menschlichen Miteinander, vor allen im familiären Miteinander ist gerade auch in den Medien zu einer offen belächelten, nicht selten gar verachteten Lebensform geworden. «Patch- work-Familien», auswechselbare «Lebensabschnitts-Partner», Partnerschaft als zeitlich begrenztes Konsumgut: Das sind Lebensformen, die den Applaus der Medienschaffenden finden, die als «zeitge- mäss», als «modern» gepriesen werden.
Vor allem kommen diese als «modern» etikettierten Lebensformen dem Egoismus entgegen. Jenem Egoismus, der Wärme im menschlichen Miteinander nicht entstehen lässt, der von besonderer Trag- weite den Kindern die Nestwärme verweigert, wo sie sich wohlfühlen, wo sie Halt finden, wo sie sich entwickeln können. Wo, besonders wichtig, Gewalt nicht dominiert. Ob das Verächtlich-Machen dieser Nestwärme nicht jene Kälte begünstigt, aus der die Lust an der Gewalt, die Lust am Zerstören von Leben wuchert?
Ulrich Schlüer