Nr. 23, 5. Oktober 2001
Meinungskonformismus
Nach Manhattan, nach Zug, nach Schawinski
Die terroristischen Verbrechen von Washington und Manhattan haben eine neue Kategorie mörderischer Aktion in die Geschichte eingeführt. In Zug massakriert ein Amoktäter vor sei- nem Selbstmord Mitglieder der Kantonsregierung und des Parlaments. Kurze Zeit zuvor war in der Schweiz Roger Schawinskis kleines Medienreich versunken. Die Ereignisse lassen sich nicht vergleichen. Aber es gibt Bezüge zwischen in ihrer Art nie erlebten Gewaltverbrechen und dem Medienwesen.
Und wären es nur geradezu banale. Als schon unmittelbar nach den Terror-Attacken in den USA am Fernsehen gezeigt wurde, wie die deutsche Polizei in der Marienstrasse in Hamburg-Harburg die verlas- sene Wohnung arabischer Studenten darunter einer der Selbstmord-Attentäter durchsuchte, wurde auch ein kurzes Interview mit einer schräg gegenüber wohnenden Hausfrau gesendet.
Die Dame konnte noch gar nichts davon wissen, welche Leute die Wohnung frequentiert hatten und welcher Zusammenhang mit dem Ereignis des Tages bestand. Aber sie berichtete, wie sie beobachtet habe, dass sich jeweils junge Leute in einem Zimmer versammelten und wie einer den andern auf einer an die Wand gehängten Fläche etwas erklärte. Bis sie einmal ertappt wurden, worauf die Fremden den Rolladen senkten. «Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht.»
Selbstverständlich nicht. Erstens, weil man selber ein schlechtes Gewissen hat, wenn man in anderer Leute Fenster schaut, und zweitens, weil einem Medien und Politiker eintrichtern, «unsere ausländi- schen Mitbürger» seien in ihrer Gesamtheit gute Menschen, und Misstrauen einem solchen gegenüber sei pfui. Soziale Kontrolle, lehrt die «Political Correctness», ist vonnöten bei Verwaltungsräten und andern des Parasitentums Verdächtigen, aber doch nicht dort, wo die guten Menschen sind.
Natürlich haben nicht Politiker und Medien das Böse in die Welt gebracht und gar noch gehegt und gepflegt. Aber sie hindern mit ihren publizistischen Benimm-Regeln die natürliche Wahrnehmung von Gefahr durch die Öffentlichkeit. Und stellen sich dabei selber Fallen: In einem der ersten Kommentare von Radio DRS zu Manhattan wurde das Verbrechen Rechtsextremisten zugeschrieben. Noch gilt in der politischen Korrektheit die Gleichung politische Gewalt = Rechtsextremismus, allen zeithistorischen Erkenntnissen zum Trotz. Die ideologisch bedingte, künstliche Wahrnehmung und Interpretation der Dinge durch Massenmedien hat das Ihre zum Zustand der Welt beigetragen.
Hier nun tritt der viel beachtete Misserfolg von Schawinskis Mediengruppe in Bezug zum grossen Thema des Umgangs mit dem Terrorismus. Schawinskis sprachregionales Tele 24 hätte die Möglichkeit gehabt, nach dem gescheiterten Ogi-Experiment mit einem SRG-internen alternativen TV-Programm einen unabhängigen Gegenpart zur meinungskonformen DRS-Information aufzubauen und so der Öffentlichkeit wirkliche Hilfe zur Beurteilung von Ereignissen zu bieten.
Die Möglichkeit wurde nur in Ansätzen genutzt. Mit Schawinskis Scheitern ist die Aussicht auf über- regionalen TV-Pluralismus in der Schweiz für lange Zeit dahin.
Man hat nun also in einer von bisher unvorstellbaren Gewaltkatastrophen aufgewühlten Zeit weiter mit schablonisierter Medieninformation zu leben. Die Fragwürdigkeit dieser Information ist jetzt endlich auch aus der Medienbranche selber bestätigt worden. Eric Hoesli, Chefredaktor des Genfer «Le Temps», hat zusammen mit dem Westschweizer SRG-Fernsehen von einem Meinungsforschungsinstitut «die Berufsrealität» von 200 repräsentativ ausgewählten welschen und Deutschschweizer Journalisten unter- suchen lassen und das Ergebnis soeben vorgestellt. Vor der Jahrestagung der Presse in Montreux fasste er es vorsichtig formuliert zusammen. Journalisten seien in Gefahr, ihr berufliches Umfeld mit der Leserschaft zu verwechseln. Unter ihnen gebe es 60 Prozent linke Wähler, 43 Prozent deklarierte SP-Wähler. Hoesli sieht die Gefahr, dass man sich in einem Mitte-links-Konformismus einrichtet, und er plädiert für Quereinsteiger in den Redaktionen und für deren bessere Durchmischung.
So etwas hätte Schawinski, auch wenn er wirklich eine qualitative Alternative zur TV-Information DRS hätte bringen wollen, nicht geschafft. Er kam ja selber von der Farm DRS und hat deren Linkslastigkeit stets bestritten wie all die andern, die sie höchstens nach ihrer Pensionierung eingestanden haben. Und sein Tele 24 hatte sich durchaus auch im «bequemen Mainstream» eingerichtet, wie Eric Hoesli ihn vor der Tagung der Schweizer Presse beschrieben hat. Da hat man etwa jüngst noch Hand in Hand mit DRS die Liberalisierungskampagne für Cannabis gestützt, geradezu provokativ angesichts pendenter Gerichtsverfahren, und ohne Zulassung von Gegenwehr demontierte der «Mainstream» den Schweizer Geheimdienst, dessen Apparat in der heutigen Situation wichtig wäre. Und gerade hat der neue Verant- wortliche für die Landesverteidigung öffentlich darauf hinweisen müssen, wie bedenklich sich der unter Einfluss des «Mainstream» herbeigeführte Abbau eigener Rüstungsbetriebe auswirkt: Das Land ist auf im Ausland entwickelte Systeme angewiesen, wo es doch ad hoc gebaute, «helvetisierte» Systeme brauchte.
Nachdem nun mit Tele 24 die einzige wenigstens theoretische Chance dahin ist, den Medienkonformis- mus mit einer gegenläufigen Kraft zu konfrontieren, wird wiederum unisono behauptet, die Schweiz sei zu klein für die Alternative, das Unternehmen könne sich nicht rechnen. Das mag heute so sein, nach- dem die wichtigen Zeitungsverlage alle eigene Wege gegangen sind, zum Teil unter den Fittichen der SRG, und nachdem TV DRS zum eigenen Profit jene kommerzielle Auslastung des Zentrums Leut- schenbach realisiert hat, die einst zum Nutzen eines Konkurrenzfernsehens hätte erfolgen sollen. Damals ruinierten lauter bürgerliche Köche, die gegeneinander im Teig rührten, den privaten TV-Kuchen wohl für immer.
Mit dem Resultat, dass die Schweiz heute, wo ihre Bürger alles an ernsthafter Information, aber sicher keine Mainstream-Kampagnen brauchen, von Meinungskonformismus eingenebelt ist.
Patrouilleur suisse