Nr. 23, 6. Oktober 2000

Klartext eines Amerikaners über die globale Rolle Amerikas
Die einzige Weltmacht
Von Richard Anderegg, Washington

«Europa ist heute de facto ein militärisches Protektorat der Vereinigten Staaten von Amerika.» Diese Worte stammen nicht aus dem Mund eines linken Amerika-Kritikers oder eines pazifi- stischen Nato-Gegners, sondern sind kürzlich vom renommierten früheren US-Sicherheits- berater Brzezinski zu Papier gebracht worden. Erstaunlich ist, dass die provokative Aussage in den europäischen Medien bisher kaum Niederschlag gefunden hat.

Zbigniew Brzezinski, der Sicherheitsberater des früheren Präsidenten Jimmy Carter, bekannter Autor von zahlreichen Büchern und Aufsätzen über Politik und Macht, hat in der Vierteljahresschrift «The National Interest» seine Gedanken zu der Frage zu Papier gebracht, wie Amerika inskünftig mit der restlichen Welt auskommen solle. Die in den vergangenen drei Ausgaben der Zeitschrift veröffentlichten Artikel erschienen unter den Titeln: «Mit China leben», «Mit einem neuen Europa leben» sowie «Mit Russland leben».Eine umfassende Darstellung der drei Aufsätze würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, aber verschiedene Zitate sind überaus aufschlussreich und bezeichnend für das erstarkte amerikanische Selbstbewusstsein und sollen deshalb nachstehend wiedergegeben werden.

Vergleich mit Schweiz als Beleidigung
Im Artikel zu Europa findet sich ein hochinteressanter Passus über die Schweiz. Zur Frage, wie das zukünftige Europa aussehen wird, schreibt Brzezinski wörtlich: «In der Tat, es ist gegen keinen Staat und niemanden als Ehrverletzung gemeint, wenn ich die Meinung äussere, dass das entstehende Europa auf der globalen Bühne einer grossen Schweiz ähnlicher sein wird als den Vereinigten Staaten.» Diese Worte könnten entlarvender nicht sein: Nach Ansicht des Autors kann es für einen Staat eine Beleidigung bedeuten, mit der Schweiz verglichen zu werden! So weit ist das Ansehen der Eidgenos- senschaft in den USA offensichtlich mittlerweile gesunken. Das sind nun also die Früchte der defäti- stischen Haltung der rückgratlosen Schweizer Regierung in den Jahren 1997 und 1998 gegenüber den Erpressungen und Nötigungen amerikanischer Organisationen und Interessengruppierungen.

Das neue Europa, so die Ansicht des Ex-Sicherheitsberaters, werde nicht zu mit den USA vergleich- baren Vereinigten Staaten von Europa werden, sondern eine «transnationale Mischfirma» sein, zu der zu gehören für die Mitgliedsländer «praktisch und erfreulich» sein werde und die «mit der Zeit sogar die Loyalität ihrer bisher unterschiedlichen Gemeinschaften gewinnen» könnte.

Kein Blatt nimmt Brzezinski vor den Mund, wenn es um die Beurteilung des Verhältnisses des heutigen Europa zu den USA geht. «Im Moment» sei Europa «trotz seiner wirtschaftlichen Stärke und trotz seiner bedeutsamen ökonomischen und finanziellen Integrierung de facto ein militärisches Protektorat der Vereinigten Staaten von Amerika.» Diese Ansicht begründet der Sicherheitsexperte mit der Fest- stellung, dass die transatlantische Allianz «Amerikas wichtigste globale Beziehung» sei. «Sie ist das Sprungbrett für seine globalen Einsätze, sie erlaubt Amerika, in Eurasien, der zentralen Macht-Arena der Welt, der entscheidende Schiedsrichter zu sein.»

Vor einem starken Europa scheint sich Amerika zu fürchten. Jedenfalls hält Brzezinski dazu mit frap- pierender Offenheit fest: «Das Entstehen eines wahrhaft geeinten Europa hätte eine grundsätzliche Verschiebung der globalen Machtverteilung zur Folge, deren Konsequenzen so weitreichend wären wie die des Zusammenbruchs des Sowjetreiches. Die Wirkung eines solchen starken Europa auf Amerikas Stellung wäre enorm. Es würde die USA zum Zwerg machen und schwere transatlantische Störungen verursachen.»

Russland einbinden
Bei dieser Beurteilung erstaunt es nicht, dass nach Ansicht Brzezinskis auch Russland in den ameri- kanischen Machtbereich eingebunden werden soll. «EU und Nato müssen auf das Ziel eines formellen Beitritts Russlands hinarbeiten. Bis es soweit ist, sollte die Ausweitung der EU und der Nato andauern. Damit können geopolitische Unklarheiten in den Gebieten unmittelbar westlich Russlands vermieden werden.»

Deutlicher und drastischer hätte es der frühere US-Sicherheitsberater nicht ausdrücken können: Es gibt zur Zeit nur eine einzige Macht auf der Welt, nur eine einzige, global bedeutende Autorität, nämlich die Vereinigten Staaten von Amerika.

Richard Anderegg