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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer
am 29. Oktober 1999 zur Reaktion des Tages-Anzeigers nach den Wahlen

Die wahren Verlierer

Sie - die Redaktion des Zürcher Tages-Anzeigers nämlich - entblödete sich nicht, sich
kurz vor den Wahlen noch des zweckdienlich manipulierten Spruchs zu bedienen,
dass «der Heimat schadet, wer SVP wählt». Und als es dann anders herauskam, als
dieses Möchtegern-Weltblatt angestrebt hatte, kam dessen (sich allerdings bereits im
Zustand der Entlassung befindender) Chefredaktorin nichts anderes mehr in den Sinn
als «Blocher in den Bundesrat!»

Nicht aus Respekt vor dem Wählerwillen, sondern in der Hoffnung, den Wahlsieger, der zuvor
unbeschadet alle Attacken überstanden hat, wenigstens als Mitglied der Landesregierung so
richtig «fertigmachen» zu können. Soweit reicht der Respekt vor dem höchsten in unserem
Land zu vergebenden Regierungsamt in der Redaktion dieser - nach eigener Beteuerung - an
Grundsätzen objektiv-ethischer Berichterstattung orientierten Tageszeitung.

Was sich das Haus Ringier im letztmöglichen Moment vor der Wahl noch an Schlammschlacht
gegen Blocher glaubte leisten zu können, braucht hier nicht mehr ausführlicher kommentiert zu
werden. Höchstens noch bezüglich des dabei erklommenen Gipfels an Lächerlichkeit: Als - am
Wahlsonntag - der Verlagsinhaber, nachdem sein frankes Meyerlein im Schlamm der selbst in-
szenierten Schlacht zu ertrinken drohte, höchstpersönlich zur Feder greifen zu müssen glaubte:
Ihm, dem Besitzer jenes Blattes, das sonst regelmässig selbst noch gar nicht Geschehenes
bereits zu wissen vorgibt, würde die Öffentlichkeit die Story am ehesten abkaufen, wonach sei-
nem sonntäglichen «Blick» ein ganz bestimmter, ihm «in letzter Minute» zugespielter und so-
fort als Schlammschlacht-tauglich erachteter Brief als brandneu erschienen sei, obwohl dersel-
be Brief andernorts bereits mehr als zwei Jahre früher schon kampagnenträchtig ausgeschlach-
tet worden ist.

Sie, jene Medien, die im Vorfeld der Wahlen den Feldzug gegen Blocher inszeniert haben, weil
sie den Parteien einen solchen nicht mehr zutrauten, die sich dabei alles, selbst Hüftschüsse
mit unfairster Munition glaubten erlauben zu können und die trotzdem erfolglos blieben - diese
Medien und ihre Macher sind die wahren Verlierer des 24. Oktober 1999. Tröstlich, dass es
noch ein Land auf dieser Welt gibt, dessen Wählerinnen und Wähler jene Möglichkeiten und
Freiheiten zu nutzen wissen, die ihnen mit der Schaffung der direkten Demokratie in die Hände
gelegt worden sind.

Allerdings: Die Wahlen, das Ereignis also, wo der Souverän seine Meinung frei, unmittelbar und
unverfälscht selber an der Urne zum Ausdruck bringen kann, sind wieder vorbei. Neue Schlamm-
schlachten, inszeniert von Medien, die ihre schwere Niederlage vor dem Souverän nicht werden
verkraften können, werden also nicht auf sich warten lassen.

Ulrich Schlüer

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