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Nr.
22, 29. Oktober 1999
Rote Karte
Vor dem Ende des Kampagnenjournalismus?
Zu Beginn der Wahlsendung
von SF 1 am 24. Oktober sprach Reporterin Vonarburg
von einem «bösen Omen», als sie das Scheitern der SP-Ständeratskandidatin
und
Fraktionschefin Ursula Hafner bekanntgab. Und ganz am Schluss unterstellte
Chef-
redaktor Peter Studer der erfolgreichen SVP, sie habe mit der Parole «Raus
mit den
Asylanten!» gearbeitet.
Das war aber so ziemlich
das einzige an Tendenziosität von TV-Leuten; längst entschwunden
schien die Zeit, als - bei den letzten Zürcher Kommunalwahlen - auf
dem Beschwerdeweg das
Eingeständnis willkürlich fehlerhafter Berichterstattung eingefordert
werden musste. Das Fern-
sehen, ist festzuhalten, liess sich auch nicht wie bei frühern Gelegenheiten
voll in die Kampag-
ne um Blochers Brief zu einem dummen antisemitischen Elaborat einspannen.
Zwar schwamm
das nicht ernstzunehmende «10 vor 10» weitgehend im Kielwasser
von Ringiers «Sonntags-
Blick», und die «Rundschau» leitete ein Gespräch
mit Blocher mit einem unsäglichen filmjour-
nalistischen Machwerk ein, aber die Tagesschau hatte immerhin von Anfang
an auf den seltsa-
men Umstand hingewiesen, dass man den einsamen Fossilienfund aus den Recherchen
gegen
SVP und Blocher gerade eine Woche vor der Wahl unter das Kiosk-Publikum
brachte. Damit
war die Sensation vom Boulevard vor dem ganzen politisch interessierten
Publikum als Wahl-
manöver entlarvt.
Der Kampagnenjournalismus
hat es nach dem Fall des TV-Monopols schwerer, und der SVP-
Wahlsieg bedeutet vollends die rote Karte. Es ist, wie figura zeigt, riskant
geworden, Massen-
psychosen provozieren zu wollen wie etwa nach dem «Fall Kopp»,
als der PUK-Präsident und
heutige Bundesrat Moritz Leuenberger am 19. Februar 1990 in Ringiers «Schweizer
Illustrierten»
erklärte: «Die wahren Staatsfeinde sitzen in der Bundesanwaltschaft.»
Und Frank A. Meyer,
spiritus rector des Wirbels um den Blocherbrief, hatte zu jener Zeit auch
eine übermächtig
scheinende Kampagne für die Wahl einer Bundesrätin Liliane Uchtenhagen
entfesselt, womit
er allerdings dann scheiterte, aber noch ohne Folgen für seine Reputation.
Solche Unterneh-
mungen scheinen heute schwerlich denkbar.
Wobei allerdings zu
bedenken ist, dass das Ziel der orchestrierten Brief-Kampagne nur vorder-
gründig darin bestanden haben dürfte, den abzusehenden Wahlsieg
der SVP zu verhindern;
darüber hinaus ging es wohl darum, eine ganze Partei in den Verdacht
politmoralischer Anrü-
chigkeit zu rücken, um sie später aus dem Spiel um die Macht
verdrängen zu können: Die SVP
sollte als für Rechtsextremismus anfällig hingestellt werden,
damit als eine für untadelige De-
mokraten unmögliche Partnerin. Womit die faktische Allianz der Freisinnigen
und der Christ-
lichdemokraten mit den Sozialdemokraten - von SP-Präsidentin Ursula
Koch in einem Wahl-
kommentar als «in vier Jahren erfolgreich» bezeichnet - als
auch zukünftig einzig denkbare Per-
spektive übrig geblieben wäre. Nur erfüllten auch hier
die Medien die ihnen zugedachte Rolle
nicht. Sie verweigerten sich weitgehend der Zumutung, undifferenzierte
Verdächtigungen völlig
unbesehen zu verbreiten; Nationalrat Blocher konnte noch am Mittwoch vor
der Wahl bei SF 1
und Tele 24 zum Gegenschlag ausholen, und die Expansion der SVP über
ihre bisherigen Gren-
zen hinaus durchkreuzte vollends die kurz gedachte Absicht, sie mit unlautern
Vorwänden un-
ter Quarantäne zu stellen. Der Wahltag des 24. Oktober hat also nicht
allein das erstaunliche
Ereignis des Durchbruchs einer politischen Kraft aus einer Belagerung
heraus gebracht, son-
dern er hat auch den Medien die Grenzen ihrer Macht gezeigt.
Die im Ringier-Journalisten
Frank A. Meyer verkörperte Anmassung, Politik abgehoben von den
dazu legitimierten Mechanismen zu gestalten, ist vom Souverän vor
aller Augen desavouiert
worden. Verstiegenes Selbstverständnis von Journalisten kann nicht
mehr wuchern wie bisher.
Patrouilleur suisse
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