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Nr.
22, 29. Oktober 1999
Schelte für
die «Schweizerzeit»
«Die Neutralität einschlafen
lassen»
Von Heinrich L. Wirz, Bremgarten BE
In der Oktober-Ausgabe
der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift (ASMZ)
schilt Divisionär Gustav Däniker die «Schweizerzeit»
wegen ihrer Kritik am Bericht
des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Sicherheitspolitik
der Schweiz
(SIPOL B 2000) vom 7. Juni 1999.
Vorweg ist festzuhalten,
dass Gustav Däniker im Solde des Verteidigungsdepartementes (VBS)
als sogenannter Coach der Projektleitung «Sicherheitspolitik 2000»
auftritt. Er verkörpert in der
Auseinandersetzung um den «SIPOL B 2000» nur die eine Seite,
womit er bedauerlicherweise
seine publizistische Unabhängigkeit preisgegeben hat. Seine und die
im Bericht enthaltenen
sicherheitspolitischen Anschauungen bedeuten keinesfalls die reine Lehre.
Ein anderer ehe-
maliger Stabschef Operative Schulung und strategischer Vordenker, Divisionär
Hans Bachofner,
vertritt gegenteilige Auffassungen. Diese hat er bereits in zwei eindrücklichen
Vorträgen in Zü-
rich (19. Mai2 und 29. Juni 1999) und in einer Broschüre3 begründet.
Zuständigkeiten
«Sicherheit
durch Kooperation ist kein verbindlicher Leitspruch» ist in der
«Schweizerzeit» Nr.
15 vom 16. Juli 1999 zu lesen. Ihr wirft Gustav Däniker vor zu vergessen,
dass der Bundesrat
für diesen Bereich zuständig sei. Mit Verlaub: Auch die Bundesversammlung
ist für die äusse-
re und innere Sicherheit sowie für die Unabhängigkeit und Neutralität
der Schweiz zuständig
(neue Bundesverfassung, Artikel 173). Letztlich entscheidet das Schweizervolk,
wie seit dem
Sicherheitspolitischen Bericht 1990 mehrmals: für Zivildienst (1992),
für Waffenplätze und neue
Kampfflugzeuge (1993), für kantonale Ausrüstungsbeschaffung
(1996), für Kriegsmaterialaus-
fuhr (1997), aber gegen bewaffnete schweizerische UNO-Blauhelmtruppen
(1994).
Erstmals seit Bestehen
des Bundesstaates gehen die sicherheitspolitischen Absichten der
Landesregierung in eine vollständig andere Richtung. Daher müsste
jeder Stimmbürger und
jede Stimmbürgerin im «SIPOL B 2000» umfassende Antworten
auf die wesentlichsten Fragen
finden, ungeachtet aller begrifflicher Spitzfindigkeiten der Fachleute.
Welches sind die grundle-
genden Entscheidungsmöglichkeiten, um unsere Unabhängigkeit
und Sicherheit aufrechtzuer-
halten? Welche Handlungsfreiheit, Vor- und Nachteile, Risiken und Chancen
lassen sich erken-
nen? Werden unsere Erfolgspositionen - Neutralität, Milizprinzip
und allgemeine Wehrpflicht -
beibehalten? Böte die internationale militärische Zusammenarbeit
wirklich mehr Schutz als die
bisherige, eigenständige Landesverteidigung? Kann die Bedrohung der
inneren Sicherheit tat-
sächlich im Ausland erfolgreich abgewehrt werden?
Die Wegbereiter der
Sicherheitspolitik von Bundesrat und VBS antworten harsch auf den zu-
nehmenden Widerstand gegenüber dem «SIPOL B 2000» und
seinen ungünstigen Auswirkun-
gen. Die Kritik bestehe vorläufig vor allem aus Beschimpfungen und
einseitigen Behauptungen,
schreibt Gustav Däniker in der ASMZ: Er übersieht die sich ausbreitende
Verwirrung und Ver-
unsicherung über die widersprüchlichen Botschaften aus dem Bundeshaus
Ost. In der Über-
sicht zum Bericht ist zu lesen: «So bleiben wir bei unserer traditionellen
Neutralität unter gleich-
zeitiger voller Nutzung des neutralitätsrechtlichen Spielraums.»
Heisst das im Klartext:
Die immerwährende bewaffnete Neutralität bleibt noch ein vordergründi-
ges Lippenbekenntnis, bis man die hohe Zustimmung des Schweizervolkes
beseitigt hat? Zahl-
reiche Äusserungen, zum Beispiel anlässlich eines aussen- und
sicherheitspolitischen Po-
diumsgespräches am 23. Juni 1999 in Bern, scheinen diese Hinterabsicht
zu bestätigen. So
sagte der Projektleiter «SIPOL B 2000», Botschafter Anton
Thalmann: «Man muss die Neutra-
lität, an der kein Bedarf mehr besteht, sanft einschlafen lassen.»
Aufhorchen lassen
auch die «Leitlinien für den neuen Bevölkerungsschutz»
des VBS vom 27.
September 1999. Die Dienstpflicht könne in Zukunft entweder in der
Armee oder im Bevölke-
rungsschutz geleistet werden. Steht nicht im Kapitel «Ressourcen»
des Sicherheitspolitischen
Berichtes vom 7. Juni 1999: «Die Militärdienstpflicht bleibt
bestehen»?
Sackgasse
Das VBS ist schon
mit dem Bericht der Studienkommission für strategische Fragen vom
26.
Februar 1998 («Bericht Brunner») in die Sackgasse eingebogen
und hat an Glaubwürdigkeit
und Zeit verloren. Als Ausgangslage wäre eine richtige und vollständige
Bestandesaufnahme
notwendig gewesen, wie sie zum Beispiel aus Deutschland mustergültig
vorliegt: «Die Bundes-
wehr an der Schwelle zum 21. Jahrhundert.»
Aufgrund dieses Ist-Zustandes
hätten sich die besten und sachkundigsten Kräfte unseres Lan-
des aufmachen können, die verschiedenen sicherheits- und militärpolitischen
Entwicklungen,
Entscheidungsmöglichkeiten und Strategien verständlich darzulegen
und zuhanden der politi-
schen Entscheidungsträger sachlich zu beurteilen. Die Eidgenössischen
Räte müssten den
«SIPOL B 2000» ablehnend zur Kenntnis nehmen und an den Bundesrat
zur Überarbeitung -
ein Stichwort: «Kosovo» - zurückweisen. Wesentliche Mängel:
Der Bericht fällt inhaltlich und
sprachlich gegenüber demjenigen von 1990 beträchtlich ab. Er
gründet auf vorgefassten Mei-
nungen und enthält kaum abweichende und bewertete Entscheidungsmöglichkeiten,
ist einsei-
tig auf die Zusammenarbeit mit dem Ausland ausgerichtet, vernachlässigt
die innere Sicherheit
und ist strategisch lückenhaft bezüglich Ziel, Mittel und Einsatz.
Der «SIPOL B 2000» will die
drei hauptsächlichen militärischen Erfolgspositionen der Schweiz
aus ihrer Verankerung reis-
sen: bewaffnete immerwährende Neutralität, Milizprinzip der
Armee sowie Wehrpflicht und
Wehrgerechtigkeit.
Heinrich L. Wirz
1 ASMZ Nr. 10/1999
(Seite 5-7); «Schweizerzeit» vom 25. September 1998, 13. November
1998 und 30. April, 18. Juni, 16. Juli und 20. August 1999.
2 «Schweizerzeit» vom 4. Juni 1999; ASMZ Nr. 7/8/1999 (Seite
23).
3 Hans Bachofner: «Der Krieg ist wieder da - aber wir haben den
Respekt verloren.» Verlag
«Schweizerzeit», 8416 Flaach.
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