Nr. 22, 29. Oktober 1999

Die geistige Zensur der Heuchler
Political Correctness
Von Christa Meves

Nach einer Phase, die geprägt war von antiautoritärer Erziehung und von der Devise
«Erlaubt ist, was gefällt», entwickelt sich in unserer Gesellschaft seit einigen Jahren
im Sinne einer entgegengesetzten Pendelbewegung ein neuer Rigorismus, eine anti-
liberale Moral, die weite Bereiche mit Denkverboten belegt und insbesondere im Be-
reich der Sprache zu absurden Auswüchsen führt. Im nachstehenden Beitrag, der vor
einiger Zeit erstmals im «Rheinischen Merkur» veröffentlicht worden ist, setzt sich die
Pädagogin Christa Meves näher mit der neuen Geisteshaltung auseinander.

Die geistigen Strömungen der abendländischen Geschichte haben sich in Pendelausschlägen
vollzogen. Auf die Romantik zum Beispiel - um 1800 herum - folgte im 19. Jahrhundert der Rea-
lismus mit seiner betonten Abwendung von mystischer Innerlichkeit. Auf den monarchischen
Nationalismus des preussischen Kaisertums folgte die Weimarer Republik. Auf die Phase ei-
ner auf die Naturwissenschaft und Technik setzenden Intellektualität, auf die Zeit der entmytho-
logisierenden Theologie und der Verwissenschaftlichung selbst der Schule liess sich durch das
Übermass an «Verkopfung» der Pendelschlag zum Boomen von Mystik und Esoterik geradezu
voraussagen.

Alles ist erlaubt

Gleichsinnig liess der Extremismus im Bereich moralischer Permissivität ein Umschlagen ins
Gegenteil erwarten. Die Devise «Erlaubt ist, was gefällt», die Aufforderung an die Jugend: Wir
bieten euch alles an, und ihr bedient euch nach eigener Wahl, das Modell der antiautoritären
Erziehung, die alles zulässt, nur nicht das Eingreifen der Erziehenden, beherrschte in den ver-
gangenen 25 Jahren machtvoll das Klima hierzulande. In den USA schon ein Jahrzehnt früher
anberaumt, sind die «non-frustrated children» mittlerweile erwachsen, mit dem beschämenden
Ergebnis, dass sich das vermutete angeborene Gutsein des Menschen dabei nicht etwa poten-
ziert hat, sondern verwilderte Auswüchse gang und gäbe geworden sind.

Geistige Zensur als Gegenbewegung

Aber wie würde sich angesichts dieser Situation der Umschlag manifestieren? Würden sich
daraus neue autoritative und moralistische Elemente entwickeln? Das war die spannende Fra-
ge, die sich dem wachen Beobachter des Zeitgeschehens stellte. Und dann setzte die Pendel-
bewegung tatsächlich ein, und zwar in Form einer geistigen Zensur. Sie tritt unter der absur-
den Bezeichnung «political correctness» besonders in den liberalen Demokratien weltweit in
Erscheinung. Absurd ist diese Namensgebung, weil hier unter dem Anschein von Korrektheit
ein mehr oder weniger willkürliches System von moralischen Verboten errichtet worden ist, das
von einer «heuchlerischen Intoleranz» (Peter Scholl-Latour) gekennzeichnet ist.

Zwar bildet die Ideologie des angeborenen Gutseins weiterhin die Basis der neuen Stossrich-
tung, aber jetzt wird gegensätzlicherweise nicht mehr mit Rousseau auf die alleinige Entfal-
tungsmöglichkeit des Menschen gesetzt, sondern der Idealzustand soll durch Eingreifen der
öffentlichen Meinung zum Zwecke einer neu als notwendig erachteten Ausrichtung und Verein-
heitlichung erreicht werden. Neue Tabus werden deshalb errichtet und Übertretungen streng-
stens durch öffentliche Diffamierung geahndet. Der «big brother» Orwells wird Realität!

«Korrekte» Sprache

Political correctness masst sich an zu wissen, was recht ist, und setzt das unter hoher Bug-
welle mit der Fahne der Gerechtigkeit als Galionsfigur durch. In den USA konstituierte sich
dieser antiliberale neue Rigorismus zuerst im Bereich der Sprache. Es wurde strafwürdig, be-
stimmte Ausdrücke zu gebrauchen. Der moralische Zeigefinger tauchte besonders immer dann
auf, wenn Minderheiten oder sonstige «Benachteiligte», zum Beispiel Frauen, Behinderte oder
Sträflinge, harmlos üblich benannt wurden. Sogar die Bibel wurde auf frauenfeindliche oder an-
derweitig diskriminierende Vokabeln untersucht und einzelne Worte im Sinne der PC ausge-
merzt, so zum Beispiel «Lord» (für den «Herrn» = Gott), «er sitzet zur Rechten des Vaters»
(das könnte Linkshänder beleidigen), «die dunklen Mächte der Finsternis» (das könnte Farbige
kränken), «Our father» und «Jesus Christus» (wird zu «Our father-mother» und «Jesa Christa»;
denn sonst setzt es die Frauen zurück).

Denkverbote

Auch bei uns sind bereits weite Bereiche mit Denkverboten belegt und werden - weil mit Diffa-
mierung geahndet - meist eingehalten. Besonders im feministischen Sektor sind neue Tabu-
zonen errichtet worden: Die berufslose Familienmutter zum Beispiel öffentlich als positiv zu
bewerten hat ebenso Ausgrenzung zur Folge, wie Abtreibung für unzulässig zu halten. Eine
angepasste Rechtsprechung macht sich zum Büttel, und der traurige Hilfs-Sheriff der Diktatu-
ren, die Denunziation, feiert Urständ.

Einzelne Auswüchse sind zwar so absurd, dass sie dem im allgemeinen brav der PC unterwor-
fenen Bürger als lächerlich erscheinen. Die Fragwürdigkeit dieser auf dem Boden der linken He-
gemonie erwachsenen dogmatischen Anmassung einer unzulässigen Zensur wird aber nicht
durchschaut. Das Bedürfnis, up to date zu sein und sich anerkannten Meinungen und Verboten
zu unterwerfen, wie die Medien sie «politisch korrekt» einhellig verbreiten, und die Angst vor Iso-
lation sind viel zu gross. Ja, diese Nachlaufmentalität der Deutschen zeigt sich der amerikani-
schen gegenüber wieder einmal überlegen. Die Suggestibilität der Deutschen feiert einen neuen
extremistischen Triumph.

Intoleranz

Zu begrüssen ist der wildausgreifende Pendelschlag also nicht; denn es bildet sich eine Do-
minanz manchmal sogar vereinigter links- und rechtsextremer Einstellungen heraus. So ist
auf echten Fortschritt nicht zu hoffen. Dazu bleibt unter dem neuen Rigorismus viel zu oft die
Wahrheit auf der Strecke. Aus dem Schoss der Solidarität mit den Benachteiligten kriecht die
Schlange einer angemassten Intoleranz. Psychologisch freilich ist das neue absurde Theater
ein Beweis mehr dafür, dass selbst die Verbotstafeln der Moral nicht willkürlich als Reaktion
auf eine masslose Enttabuierung aller Lebensbereiche errichtet werden können, wenn sie taug-
lich und förderlich sein sollen. Es wäre besser, wir hielten uns statt dessen mehr an eine mass-
volle Mitte und an die Gebote, die uns Gott einst auf seine Tafeln schrieb.

Christa Meves

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