Nr. 22, 11. September 2009
Glossen von Arthur Häny
Die Befreiung
An schönen Sommerabenden sitzen meine Frau und ich gerne auf unserem gedeckten Balkon. Mit einem Tisch und hübschen Gartenstühlen machen wir so etwas wie ein zusätzliches Zimmer daraus: ein Gartenzimmer, von Sträuchern und Blumen umgeben. Als ich letzthin eben daran war, das Geschirr abzuräumen – denn wir hatten auch auf dem Balkon gegessen – blickte ich schräg hinüber zum Abendhimmel und sah etwas, was mich betrübte. Ein schöner weisser Schmetterling hatte sich in einem Spinnennetz verfangen und hing darin, regungslos.
Ob er vielleicht schon tot war?
Nun sind wir zwar gewissermassen auch Freunde der Spinnen, denn sie verrichten viel Nützliches im Kampf gegen die lästigen Fliegen und Mücken, und ihre schwebenden Netze sind wirklich bewundernswerte Konstruktionen. Aber wir sind auch entschiedene Liebhaber der Schmetterlinge, dieser oft so farbenfrohen, fröhlichen Gaukler, die jetzt leider, infolge der Übernutzung der Wiesen und Felder, viel seltener geworden sind. Und wenn man sich zwischen Befreundeten und Geliebten zu entscheiden hat, so geschieht es natürlich für die letzteren!
Also meldete ich Marieluise das Missgeschick des Kohlweisslings, denn es schien mir, sie hätte für einen «Befreiungsschlag» die geschicktere Hand als ich. Sie kam aus der Küche herbei und sah sich die Sache an. Der Schmetterling hing still an einem einzigen Faden; vielleicht hatte er sich, eine Zeitlang flatternd, schon aus anderen Fäden befreit. Er schien nicht mehr zu leiden – wenn er nicht gar schon ausgelitten hatte! Marieluise fand es in jedem Fall der Mühe wert, ihn aus seiner unwürdigen Lage zu befreien. Sie brach mit dem Finger sorgfältig den Faden und – o Wunder – der Schmetterling, auf einmal lebendig, flatterte auf, als ob nichts geschehen wäre! Aber nur einen Augenblick. Denn nach einem kurzen, torkelnden Flug setzte er sich auf das Geländer des Balkons und hielt sich dort eine Zeitlang still. Er musste sich von dem Schrecken erholen.
Ich hatte schon Angst, es gehe nun doch zu Ende mit ihm – als er plötzlich ganz munter davonflog, niedrig genug, um sich nicht aufs neue in einem Netz zu verstricken. Er flatterte dem Geländer entlang gegen den Abendhimmel, der sich weithin mit roten Schäfchenwolken überzog. Wir wünschten ihm Glück auf seine luftige Reise – und dass er seine restlichen Tage noch ungefährdet geniessen möge.
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Die gelungene Befreiung freute uns. Freilich, es hatte auch etwas Glück gebraucht. Wir hatten schon andere «Sommervögel» aus der Gefangenschaft bei den Spinnen erlösen wollen, aber sie waren bereits zu sehr in die klebrigen Fäden verwickelt und überlebten ihr Unglück nicht. Und dennoch musste man es aufs neue versuchen! Man durfte nie gleichgültig werden und sich beruhigen bei dem Gedanken: «Es war ihm halt so bestimmt, dem leichtsinnigen Gaukler!» Hinter solcher Resignation verbirgt sich meistens reine Bequemlichkeit.
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Ich frage mich, warum mich diese unscheinbare Begebenheit so lebhaft beschäftigt hat. Manchmal drängt sich uns ein alltägliches Bild auch als Sinnbild auf: es erscheint uns dann als Gleichnis eines bedeutenderen Geschehens.
Der gefangene Schmetterling hatte mein Mitleid erregt, weil er eben – ein Schmetterling war: Ein Wesen, das uns spielerisch-fröhlich erscheint, für Licht und Luft und Freiheit geschaffen. (Obwohl ein Schmetterling, biologisch gesehen, gewiss recht engen Gesetzen gehorcht). Aber auch darum empfand ich Mitleid mit ihm, weil Fesselung und Gefangenschaft – und ganz besonders eine «Gefangenschaft zum Tode» – auch ein Alptraum der Menschen ist. Ich denke dabei nicht einmal in erster Linie an diejenigen, die todgeweiht in einem Gefängnis schmachten. Ich denke an uns Andere, an uns vermeintlich Ungebundene, Freie, die wir oft gar nicht merken, an was für zähe, klebrige, kaum abzustreifende Bande wir gebunden sind. Der eine klebt an seinem Reichtum, der andere an seinem Ehrgeiz, ein dritter an sinnlichen Begierden. Es fiele schwer, alle Fesseln aufzuzählen, die uns Tag für Tag einengen und bedrängen – und die uns daran hindern, wirklich zu leben, als entkrampfte, freie und fröhliche Menschen.
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Und doch ist es gerade das, was wir alle im Grunde möchten. Aber wie kommen wir dazu? Um diese Fesseln loszuwerden, braucht es einen tiefen, unbändigen Willen zur Freiheit. Ohne diesen Willen wird uns der Zustand der Gebundenheit, in dem wir uns befinden, gar nicht bewusst. Es fällt ja nicht schwer, es ist sogar recht bequem, das Leben in einem gemütlich hindösenden Halbschlaf zuzubringen. Wenn uns nicht eine tiefe Ahnung der Freiheit beseelt, zu der wir berufen sind, werden wir unsere Fesseln niemals sprengen.
Was aber ist Freiheit? Sie besteht ja nicht darin, dies oder jenes Abenteuerliche oder Verbotene tun zu dürfen, ohne dafür bestraft zu werden. Das ist ein kindischer Begriff von Freiheit. Sondern sie besteht darin, alle Abhängigkeiten zu überwinden, in die wir uns allzu oft selber hineinmanövriert haben. Nur der Wille zur Freiheit kann uns den Weg in die Freiheit bahnen – oder wenigstens anbahnen. Denn es braucht nicht nur den menschlichen Willen, es braucht auch die göttliche Gnade, die uns auf halbem Weg entgegenkommt. «Wer immer strebend sich bemüht, / Den können wir erlösen!» singen die himmlischen Heerscharen in Goethes «Faust». Die Gnade ist jener göttliche Finger, der die Fessel endgültig zerreisst. Erst dann werden wir uns so des Lebens freuen, wie sich der befreite Schmetterling wieder an Licht und Luft und Sonne gefreut hat.
Arthur Häny