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Der
aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 22.
September 2006
Zwischen eitler Selbstgerechtigkeit
und wissenschaftlichem Anspruch
Durchgefallen
Der Papst
hielt in Regensburg - am Ort seines früheren Wirkens als Dozent - eine
akademische Rede. Anhand sorgfältig kommentierter und historisch eingeordneter,
mit Zitaten untermauerter Beispiele dozierte er wohlüberlegt und mit
aller Sorgfalt über die Beziehungen zwischen Christentum und Islam im
Lauf der vergangenen Jahrhunderte. Er sparte auch jene Epoche nicht aus, als
das geschwächte Byzanz (heute Istanbul), Sitz der christlichen Ostkirche,
in grosser Angst dem sich nähernden Eroberungszug der Türken entgegenzitterte.
Der Papst zitierte dazu einen der letzten byzantinischen Kaiser vor dem Fall
von Byzanz, der schliesslich 1453 Tatsache wurde. In keiner Art und Weise
hat sich der Papst jedoch mit dessen von Panik dominierten Äusserungen
identifiziert, die die Gewalttätigkeit des Islam hervorstrichen.
Trotzdem legte der höchste islamische Geistliche der Türkei dieses Zitat gleichsam als Meinung der katholischen Kirche dem Papst persönlich in den Mund - womit schwerer, langanhaltender Aufruhr programmiert war, wie er aus dem Karikaturen-Streit sattsam bekannt ist. Später musste dieser Geistliche einräumen, er habe, als er seine von Hass dominierte Kampagne heraufbeschwor, die Rede des Papstes und dessen Interpretation des byzantinischen Alarmrufes gar nicht gekannt
Für die Schweiz noch alarmierender ist, dass auch die hiesige SonntagsZeitung eine gleich oberflächliche, um keinerlei Gesamtbild sich bemühende Breitseite zu veröffentlichen sich bemüssigt fühlte. Verfasst vom SonntagsZeitung- "Starkolumnist" Roger de Weck, der sich darin gefällt, allem, was zu seiner Lehre von Liberalismus nicht passt, die Leviten zu lesen. Moral ist dabei sein Geschäft. Genau so - offensichtlich ohne Kenntnis der Rede - fiel er über den Papst her.
Auf Sorgfalt abgestützte Wahrheit bleibt ausgeklammert. Als ewig moralisierender Besserwisser sieht er sich der lästigen Pflicht enthoben, seine ihm selbst überaus imponierenden "Öffnungs-Dogmen" mit der Wirklichkeit in Verbindung zu bringen. Genau so polemisiert er zusammen mit andern "Intellektuellen" gegen das Asylrecht. Wer sich als Gralshüter der Menschenrechte sieht, ist an Wahrheit nicht mehr gebunden. Sein Kollege Markus Rauh trieb das Lügen auf die Spitze: Man lasse, behauptet Rauh, Asylmissbraucher hier verhungern, verdursten, erfrieren.
Roger de Weck, Leiter
eines Genfer Instituts, das vor allem die von der Bundesratsmehrheit diffus
angestrebte "Öffnung" der Schweizer Aussenpolitik bejubelt,
dürstet es im Rahmen dieses Instituts neuerdings nach akademischen Weihen.
Der Bundesrat soll sie ihm, meint er, verleihen. Indem er ausliess, seine
vom türkischen Islamsprecher übernommene Papst-Anklage an dessen
Rede wenigstens zu überprüfen, ist er mit seinem akademischen Anspruch
allerdings durchgefallen.
Ulrich Schlüer