Nr. 22, 22. September 2006

Armeereform in der Beschleunigungsfalle
Am rutschenden Hang
Von Hans Bachofner, Divisionär aD, Winterthur

Dynamik und Beschleunigung sind Wesensmerkmale der Moderne. Die Gegenwart schrumpft, Erfahrungs- und Erwartungshorizonte verkürzen sich, Planungssicherheit fehlt. Ob Technik, Lebenstempo oder sozialer Wandel, ob Alltag in der Familie, ob Beruf oder Politik: in immer kürzeren Zeiteinheiten müssen wir uns umstellen.

Das Militär, während Jahrhunderten Beschleuniger par excellence für technische und politische Entwicklung, sieht sich plötzlich als Bremser.

Die Prozesse der Entschlussfassung sind zu langsam geworden, zivile Technikentwicklung hat die Rüstungstechnik in vielen Bereichen überholt, für Fragen der Führungslehre machen Militärs Anleihen bei der Wirtschaft und nicht mehr umgekehrt. Der Krieg selbst hat sich nach atemberaubender Beschleunigung seiner Abläufe zurückgezogen in endlose, blutige Besatzungseinsätze, vom Panzerrollgelände in die bewegungsfeindlichen Strassengewirre der Städte.

Der Bewegungskrieg ist zum urbanen Massaker verkommen. Was wir unpräzis als Terrorkrieg bezeichnen, ist ein gewalttätiges Ringen um Zeit, um Entschleunigung. Die Ordnungsmächte sind in Zeitnot und brauchen rasche Erfolge. Die Terroristen dehnen den Konflikt aus, sie suchen Zeitgewinn, sie vermeiden die Entscheidung, sie zermürben den Gegner und nützen ihn ab. Blitzkriege finden Unterstützung, oft Jubel, an der Heimatfront. Für Dauer fehlt den modernen westlichen Gesellschaften der lange Atem.

Verlorener Zusammenhalt

Armeereformen jagen sich. In immer kürzeren Abständen wird reorganisiert und transformiert. Die Truppe kann schon lange nicht mehr folgen. Der Zusammenhalt geht verloren, Zukunftserwartungen oder gar Lebensplanungen sind nicht mehr möglich, flüchtig und mit viel halbverdautem Fachjargon hingeworfene Neuerungen bewähren sich nicht und werden korrigiert, unerwünschte Nebenfolgen nehmen überhand. Selbst die Schweizer Armee, die sich einst den Luxus leistete, nicht jeder Modetorheit nachzurennen und lieber mit etwas Verspätung das Richtige zu tun, steckt jetzt in der Beschleunigungsfalle. Eine tiefe Sinnkrise bahnt sich an, heftig bestritten von den Verantwortlichen, angemahnt von aussen oder auch quittiert mit Abwendung und Desinteresse.

Die Armee steht auf einem rutschenden Hang und nimmt es nicht wahr. Soziologen nennen den Fall "Slipping Slope-Syndrom". Die hohe Kunst des Ausbalancierens von Beharrung und Wandel ist auf politischer wie auf militärischer Ebene verloren gegangen. Wo der beschleunigte Wandel abhebt und zum Selbstläufer wird, erodieren Institutionen von innen. Wenn das Ausbalancieren weltweit nicht gelingt, droht weit mehr als militärisches Ungemach. Es drohen in einem Akzelerationszirkel globale Seuchen, nukleare und klimatische Katastrophen und eskalierende Gewalt auf Abruf rund um den Globus.

Zielloser Aktivismus

Die Armee ist nicht allein in ihrer Beschleunigungsfalle, aber das ist kein Trost. Sie kann nicht warten, bis die Welt die Irrungen der Postmoderne überwindet. Sie kann die Augen verschliessen und weiterfahren mit immer schnelleren Reformen und sich selber täuschen mit dem Schlagwort von der "lernenden Organisation". Oder sie kann unten beginnen mit Korrekturen links und rechts: eine luftbewegliche Berufsgrenadierkompanie bilden, Nato-Stabsübungen in der Schweiz durchführen, in Generalstabsschulen englischsprachige Klassen bilden, fremdes Lehrpersonal holen, auf verödeten ausländischen Waffenplätzen das gestrige Gefecht der verbundenen Waffen im scharfen Schuss üben (mit Phantasie-Annahmen über eigene Luftüberlegenheit, unter Ausblendung von Fernwaffen, Aufklärungs- und Kampfdrohnen, elektronischer Kriegführung und special forces).

Sie kann neue Uniformabzeichen einführen und Sanitätsmaterial verschenken, sie kann in mühseligem Pidgin-English militärisches Denken und Reden nach amerikanischen Vorgaben trainieren, den Lohn der fehlenden Instruktoren anheben, sie kann noch einmal fünfzig Jahre lang Offiziere zur Ablösung in die längst obsolete Waffenstillstandskommission in Korea schicken, sie kann weitere Helikopter auf dem Balkan stationieren, um bequeme Offiziere in Taxiflügen zu Rapporten zu fliegen und ihnen so die holprigen Strassenfahrten zu ersparen und noch viel mehr. Aber so wird sie der Beschleunigung nicht Herr. Im Gegenteil: Zielloser Aktivismus fördert das Gefühl, auf rutschendem Hang zu stehen.

Richtige strategische Doktrin

Sie kann oben anfangen beim Dach über dem Gebäude aller Sicherheit vor Gewalt, der richtigen strategischen Doktrin. Wenn sich die Machtordnung der Welt und das Kriegsbild in beschleunigtem Tempo verändern, dann muss eine neue Strategie gefunden werden. Nicht, weil die alte falsch war, sondern weil sich das Umfeld veränderte, weil der Hang ins Rutschen geraten ist.

Erste Aufgabe für politische und militärische Führer, die derzeit für einige Jahre Verantwortung tragen für Land und Armee, ist es, Beharrung und Beschleunigung ins Gleichgewicht zu bringen, die Neuerer wieder zu synchronisieren mit der Realität der Truppe, den inneren Erosionsprozess aufzuhalten. Wir brauchen eine dem Umbruch der geopolitischen Ordnung nach dem misslungenen Irak-Krieg angepasste, realistische strategische Doktrin, aus der sich das Personelle, Organisatorische, Ausbildungstechnische, Materielle, Bauliche, Finanzielle in sauberen Schritten ableiten lässt. Armeen sind keine Computerprogramme, die man mit updates beliebig verändern kann, sondern hochkomplexe, menschliche Systeme mit millionenfachen Verknüpfungen nach innen und aussen, mit Vertrauensverhältnissen, Wissen und Können, Vorstellungen, Erfahrungen, Begriffen und Assoziationen, Traditionen und Kulturen. Wer sich anmasst, in grossem Wurf alles neu schaffen zu können, zerstört solche Systeme, ohne funktionstüchtige neue zu errichten.

Hans Bachofner

Einleitung der Broschüre "Armeereform in der Beschleunigungsfalle". Die von der Vereinigung sifa - Sicherheit für alle herausgegebene Broschüre kann gratis bestellt werden unter www.sifa-schweiz.ch/armeereform.php.