Nr. 22, 7. Oktober 2005

Medienwaffen: Kinder, Frauen und Soldaten
Propagandaführung im Krieg

Von Dr. Peter Forster, Salenstein TG

Als häufigster Inhalt der Propagandaführung "bewähren" sich die Anschuldigungen, der Gegner begehe Verbrechen gegen Soldaten und Unbeteiligte. Eine Untersuchung bedeutender kriegerischer Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts ergibt, dass diese zentrale "Waffe" durchgehend eingesetzt wurde: im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, in den Indochina-Kriegen, in allen Nahost-Kriegen, in den neueren Balkan-Kriegen und in den Kriegen am Persischen Golf.

Seit Alexander der Grosse seine Schreiber anwies, die Erfolge des makedonischen Heeres gebührend zu verbreiten, suchen Feldherren und Politiker das eigene Volk "unter der Fahne zu halten", die eigene Truppe zu beflügeln, den Gegner in die Irre zu führen und sich selber ruhmreich in den Annalen zu verewigen. Dem Eroberer Alexander eilte der Schlachtenruhm voraus - die Soldaten liefen ihm wie von selbst zu. Im Gallischen Krieg schrieb Gaius Julius Caesar den Rapport über seine Siege gleich selbst. Er und der Grossneffe Octavian, der spätere Kaiser Augustus, setzten Biographien, Porträts, Statuen und Münzen zum Selbstruhm ein. Ein Grossmeister der Propaganda war Napoleon Bonaparte, der als erster Feldherr Armeezeitungen drucken liess: "Im Krieg gibt die Moral zu drei Vierteln den Ausschlag, das Material zählt nur zu einem Viertel." Auf dem Höhepunkt seiner Macht befahl er den Redaktoren bis zum letzten Buchstaben, worüber, in welchem Ton, Umfang und Inhalt sie zu berichten hatten.

Kampf um Herzen und Köpfe

Vielfältig sind in der Kunst der Propagandaführung die Sujets. Die Geschichte der psychologischen Operationen (PSYOPS) ist reich an Beispielen, in denen der Gegner angeschwärzt, die eigene Leistung überhöht und die Wahrheit strapaziert wird. Zwölf Grundmuster dienen den Kriegsparteien in ihrem "Kampf um die Herzen und Köpfe".
1. Verstösse gegen das Kriegsvölkerrecht: Im Libanon-Krieg von 1982 verteilten israelische Offiziere Bilder, die weisse Kisten mit aufgemaltem roten Halbmond zeigten, daneben aber auch offene Kisten mit Artillerie-Granaten. Die Anschuldigung lautete: "Araber missbrauchen Schutzzeichen für Munitionstransport".
2. Botschaften an Truppen: In den Irak-Kriegen von 1991 und 2003 warfen amerikanische Flugzeuge Handzettel ab, welche die irakischen Soldaten zum Überlaufen aufforderten: "Wenn du dein Leben retten willst, verlass deine Stellung und schliess dich den siegreichen Alliierten an."
3. Botschaften an Bevölkerung: Im Luftkrieg gegen Rest-Jugoslawien überzog die NATO das serbische Volk mit dem Aufruf: "Wir führen Krieg nicht gegen euch, sondern gegen euren Diktator Slobodan Milosevic." Identisch lauteten die amerikanischen Botschaften 1991 gegen Saddam Hussein, 2001 gegen Osama Bin Laden und 2003 erneut gegen Saddam.
4. Anschwärzung politischer Führer: In beiden Irak-Kriegen verbreiteten die amerikanischen PSYOPS-Truppen die Botschaft, Saddam Hussein trinke Alkohol, er esse Schweinefleisch und treibe sich mit fremden Frauen herum. 2001 porträtierte ein Flugblatt einen angeblichen Bin Laden ohne Bart in westlichem Anzug, verbunden mit der Behauptung: "Osama hat sich als britischer Geschäftsmann verkleidet und ist geflohen." Im Zweiten Weltkrieg schwärzte die deutsche Propaganda Winston Churchill stereotyp als Trunkenbold an.
5. Darstellung der eigenen Überlegenheit: 1991 führten die Amerikaner den Irakern auf Handzetteln drastisch vor Augen, wie ein F-117-Tarnkappen-Bomber, ein Abrams-Panzer und ein Apache-Helikopter einen alten T-55 zertrümmern. 2003 zeigten die Sujets zerstörte irakische Flab-Geschütze, Panzer, Kanonen und Schiffe.
6. Darstellung der eigenen Präzision: 1982 verbreitete die israelische Luftwaffe Bilder aus Beirut, die beweisen sollten, wie präzis sie das Hauptquartier Jassir Arafats in einem Stadion bombardiert hatte - ohne Schäden im anliegenden Quartier. Seither brachten die Amerikaner und die NATO Hunderte von Luftbildern und Filmsequenzen in Umlauf, die alle eines belegen sollen: Volltreffer ohne collateral damage (Kollateralschaden).

Anweisungen und Inszenierungen
Zu den neueren Mustern zählen eigentliche Anweisungen und raffinierte Inszenierungen, welche die Medien gezielt einsetzen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.
7. Verhaltensanweisungen an militärische Führer: Im Irak-Krieg von 2003 gaben die amerikanische und die britische Führung den irakischen Kommandanten über Radio, Flugblätter und Lautsprecher bekannt, wie sie sich zu ergeben hätten. Direkte Anweisungen erfolgten auch über Mobiltelefon, SMS, Fax und E-Mail.
8. Gezielte Inszenierungen: Am 27. Mai 1992 töteten Artillerie-Granaten in der belagerten Stadt Sarajevo 20 Menschen, die vor einer Bäckerei für Brot anstanden. Das bosnische Fernsehen filmte die fürchterliche Szene live und beschuldigte die serbischen Belagerer, die Granaten abgefeuert zu haben. Lewis MacKenzie, der kanadische Kommandant der UNO-Truppen, äusserte sofort Zweifel an dieser Darstellung: Das TV-Team habe schon vorher in einer Seitengasse auf den Angriff gewartet. Die ballistische Untersuchung ergab, dass die serbische Artillerie von ihren Stellungen auf dem Trebevic die enge Strasse vor der Bäckerei gar nicht treffen konnte. Nur von den bosnischen Geschützen aus führten Flugbahnen ins Ziel.

Gegen Soldaten und Unbeteiligte
9. Verbrechen gegen Unbeteiligte: Am 5. Februar 1994 tötete auf dem offenen Markt von Sarajevo ein 120-Millimeter-Geschoss 68 Menschen. Wieder berichtete das bosnische Fernsehen live vom Einschlag, und wieder stellte es die serbische Artillerie an den Pranger. Wie eine kanadisch-französische Untersuchung ergab, handelte es sich aber mit aller Wahrscheinlichkeit um eine bosnische Granate.
10. Verbrechen gegen Kampftruppen: In den Kriegen von 1967 und 1973 warfen sich Israel und Syrien gegenseitig vor, es würden an der Golan-Front keine Gefangenen gemacht: Soldaten, die sich ergeben wollten, würden massakriert. Die Vorwürfe konnten nie gültig belegt werden, erzielten aber Wirkung. Das Verhältnis zwischen Israel und Syrien blieb jahrzehntelang belastet. Demgegenüber ergab sich an der Sinai-Front zwischen Israel und Ägypten keine derartige Vergiftung. Das mag dazu beigetragen haben, dass die beiden Staaten nach dem Jom-Kippur-Krieg den Weg zum kalten Frieden von Camp David fanden.
11. Verbrechen gegen Gefangene: Am 12. Oktober 2000 lynchten aufgebrachte Palästinenser im ersten Stock des Polizeigebäudes von Ramallah zwei gefangene Israeli. Die Toten wurden vor der Kamera einer italienischen Fernsehstation in den Hof geworfen.
12. Verbrechen gegen Frauen und Kinder: Die schärfste Waffe bildet der Vorwurf, der Gegner begehe Verbrechen an Schwachen. Im Ersten Weltkrieg verbreiteten die französische und die britische Propaganda die Mär, deutsche Soldaten ässen belgische Frauen und Kinder. Obwohl frei erfunden, verfehlte die verzerrte Darstellung des hässlichen, barbarischen, bösen Deutschen die Wirkung nicht. In Paris war der Deutsche der Boche, in London der Hunne.

Die Babys von Kuwait
Es ist kein Zufall, dass von den Jahrhundertbildern gleich mehrere Fotos leidende Kinder zeigen. Der Todeskampf des palästinensischen Jugendlichen Muhamed al-Dura erschütterte die Welt wie die Szene, die der vietnamesische Fotograf Huynh Cong Nick Ut am 8. Juni 1972 am Rande des Dorfes Trang Bang aufnahm: Sein unsterbliches Foto zeigt die neunjährige Kim Phuc, die vor einem Napalm-Angriff der südvietnamesischen Luftwaffe flieht. "Zu heiss, zu heiss", schreit das Kind mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Körper ist verbrannt, die Arme stehen in hilfloser Verzweiflung ab.
Nick Ut erfasste intuitiv, dass er ein einmaliges Bild eingefangen hatte. Kim Phucs Körper wies zur Hälfte schwere Verbrennungen auf. Nick Ut brachte das Mädchen im Wagen seiner Agentur, der Associated Press, ins 40 Kilometer entfernte Saigon, wo es die Ärzte retteten. Kim Phuc wurde zur Metapher des Krieges. 1972 lag das amerikanische Expeditionskorps schon im Hintertreffen. Kims Bild beschleunigte den Rückzug. Monatelang schwebte das Mädchen zwischen Leben und Tod. Es überstand 17 Operationen und kehrte zu seiner Familie zurück. Heute lebt Kim Phuc in Kanada. Sie ist überzeugt davon, dass ihr Bild die Vorstellung vom Krieg veränderte wie kein zweites. Vielleicht rüttelte die Szene von Trang Bang die Menschen so innig auf, weil Nick Ut die Aufnahme nicht stellte. Kim Phucs Leiden war echt. Das Foto zeigt die grässliche Fratze des Krieges ungeschützt. Unecht war die Inszenierung, welche die kuwaitische Diplomatentochter Nayirah al-Sabah am 10. Oktober 1990 vor dem amerikanischen Kongress aufführte, als sie die irakische Armee beschuldigte, in Kuwait Brutkästen geraubt und Babys getötet zu haben. Der Schwindel flog später auf; aber im Senat hatte die Lüge entscheidend dazu beigetragen, dass der Präsident George Bush freie Hand für den ersten Irak-Feldzug erhielt.

Das Schicksal eines Kindes
Echt dürfte das Bild sein, das während der Kampagne von 2003 die Vorstellung vieler Menschen vom zweiten Irak-Krieg prägte. Wieder peinigt das Schicksal eines Kindes den Betrachter. Im al-Kindi-Spital von Bagdad liegt der 12-jährige Ali Ismail Abbas, den Bauch voller Verbrennungen, die Stümpfe seiner Oberarme einbandagiert. Alis Eltern und sein Bruder seien beim amerikanischen Luftangriff umgekommen, teilte das Krankenhaus mit; aber der verstümmelte Knabe werde überleben.

Peter Forster