Nr. 22, 1. Oktober 2004
Gedanken zur aktuellen Familienpolitik der
Schweiz
Respekt für die Erziehungsarbeit
Von Mirjam Sackmann-Sierszyn,
Bubikon ZH
Unterdessen hat man es auch im Bundesrat
gemerkt: Wir Schweizerinnen und Schweizer sind am Aussterben. Bundesrat Couchepin
bastelt an einer «nachhaltigen» Familienpolitik. Darunter versteht
er vor allem die Erhöhung der Frauenerwerbsquote, d. h. die bessere Vereinbarkeit
von Beruf und Kinderwunsch.
Wenn mehr Frauen arbeiten,
gibt es - laut Couchepin - auch mehr Kinder. Mehr Blockzeiten, mehr Teilzeitstellen,
mehr Kinderkrippen! Und natürlich das Ja zur Mutterschaftsversicherung!
Dies seine Lockvögel, welche Schweizerinnen und Schweizer aus ihrer Reproduktions-Unlust
reissen sollen.
Genügen finanzielle Anreize?
Doch genügen finanzielle Anreize, um das Problem der schweizerischen
Kinderlosigkeit zu lösen? Liegen die Ursachen nicht tiefer?
Bereits heute hat die Schweiz von allen europäischen Ländern die
höchste Frauenerwerbsquote und am meisten Teilzeitstellen. Nur seltsam,
dass die Kinderschwemme bisher auf sich hat warten lassen! Auch das vom Bund
versprochene Geld für Kinderkrippen wurde bisher noch nicht vollständig
abgeschöpft. Es wurden manchenorts sogar Krippen und Horte eröffnet
- und wegen mangelnder Nachfrage wieder geschlossen (z. B. in Wettswil a.
A.).
Das Kernproblem liegt nämlich nicht in der Berufswelt. Die Elternschaft
als solche ist das Problem, nicht deren Vereinbarkeit mit dem Beruf. Kinder
haben ist nach wie vor unattraktiv. Die Rolle der Mutter und Hausfrau ist
kein begehrenswertes Los, gilt als öde und langweilig. Kinder bedeuten
jahrelange Verpflichtung. Man ist angebunden, festgenagelt. Kein Wunder, will
da niemand daheim versauern und Windeln wechseln. Vor allem sogenannte «Nurmütter»
haben es schwer. Muttersein allein ist noch kein Leistungsausweis - dies das
Bild, welches die Medien hartnäckig zementieren.
In einer der letzten Ausgaben des «Facts» steht geschrieben: «Frauen,
die nebst der Familie noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen, nützen
der Gesellschaft mehr als Nurmütter.» Wie sich wohl eine Vollzeit-Mutter
fühlen muss, wenn sie in einer Arbeitspause «Facts» aufschlägt
und diesen Satz liest? Solange kein grundlegendes Umdenken über das Mutter-
und Vatersein stattfindet, sind meiner Meinung nach sämtliche Bemühungen
um mehr Kinder umsonst.
Mutter zu sein ...
Umdenken würde bedeuten, dass das Muttersein wieder aufgewertet wird.
Die Mutter ist das wichtigste Element einer Gesellschaft. Mutter zu sein -
dies sollte etwas sein, worauf eine Frau stolz sein kann und wodurch sie ein
neues Selbstbewusstsein erhält. Wer eine Familie gründet und sich
verantwortungsbewusst um die Kindererziehung kümmert, erweist seinem
Land den grössten Dienst überhaupt. Liebe, Geborgenheit, Herzenswärme
und Werte-Erziehung sind unbezahlbare Dinge. Erziehung kann nicht mit Silber
und Gold gekauft werden. Auch das beste Krippenpersonal kann die Mutter nicht
ersetzen. Erziehung, bei der sich das Kind geliebt weiss, gibt Halt und Basis
für das ganze Leben. Dies ist durchaus auch möglich, wenn die Mutter
auch noch Teilzeit arbeitet, solange das Kind merkt, dass es nicht nur ein
Termin in der überfüllten Agenda ist. Aber genauso sollte es möglich
sein,
«nur» Mutter zu sein und dafür gebührend Achtung und
Respekt zu erhalten. Mutter ist genauso ein Beruf, eine Berufung wie das Amt
eines Bankdirektors.
Die renommierte deutsche Kinder- und Jugendpsychologin Christa Meves schlägt
sogar vor, die Mütter, sofern sie sich selbst um ihre Kinder kümmern,
mit einem Lohn zu entschädigen, statt alle staatlichen Gelder in die
Krippen zu investieren. Gerecht wäre dies, denn bis jetzt gehen jene
Frauen und Männer leer aus, die sich selbstverantwortlich um die Kindererziehung
kümmern. Auf den ersten Blick
ist die Idee eines Mütter-Lohns zwar sehr unbürgerlich. Doch Frau
Meves betont, dass die Rechnung aufgehe. Jugenddepressionen, Kriminalität,
Drogenprobleme und andere Leiden desorientierter junger Menschen, die nebst
allem Ungemach auch hohe Kosten verursachen, würden erheblich verringert.
Es gäbe weniger Jugendverwahrlosung, und explodierende Kosten im Schulwesen
könnten reduziert werden.
Diese Idee muss nicht das Ei des Kolumbus sein. Trotzdem wäre es an der
Zeit, sich zu überlegen, wie allenthalben geforderte Eigenverantwortung
in konkrete schweizerische Familienpolitik umgesetzt werden kann. Sonst bleibt
diese wichtige, zukunftsweisende Angelegenheit für alle Zeiten ein Thema
der
Linken - und unsere Kinder werden tatsächlich zu Staatskindern.
Mirjam Sackmann-Sierszyn