Nr. 22, 21. September 2001

Die US-Geheimdienste haben versagt
Unvorbereitet
Von Richard Anderegg, Washington

Die furchtbaren Terror-Anschläge in den USA sind auch das Ergebnis eines Versagens der amerikanischen Geheimdienste. Im Gefolge der Hochtechnisierung der Aufklärung wurde der klassische Ausland-Nachrichtendienst mit Agenten sträflich vernachlässigt.

Im Februar dieses Jahres gab eine Kommission von Sicherheitsfachleuten, Polizei, Wissenschaftlern und Terror-Experten unter dem Vorsitz der beiden ehemaligen Senatoren Gary Hart und Warren Rudman einen im Auftrag des amerikanischen Bundesamts für Luftfahrt und der US-Regierung ausge- arbeiteten Bericht über die Lage der Sicherheit ab. Das Positionspapier wurde in der Öffentlichkeit kaum beachtet. Dies zu Unrecht.

«Ein direkter Angriff auf amerikanische Bürger in den Vereinigten Staaten ist in den nächsten 25 Jahren wahrscheinlich», hält der Bericht fest. Und weiter: «Die Folgen werden nicht nur Tod und Verwüstungen sein, sondern auch Demoralisierung und Untergrabung der amerikanischen Führungsposition.»

Sodann kritisiert der Bericht, dass die amerikanischen Nachrichtendienste ­ es existieren rund ein halbes Dutzend ­ unterschiedliche Aufträge wahrnehmen, die ungenügend koordiniert sind und über welche niemand den Überblick hat. Es fehle an einer «Gesamtstrategie zum Schutz der Heimat».

Der erwähnte Sicherheitsbericht erscheint im Lichte der Ereignisse vom 11. September als geradezu visionär. Erste Erkenntnisse darüber, wie es zu den furchtbaren Anschlägen kommen konnte, sind fast identisch mit Aussagen des im Februar veröffentlichen Berichts. Einige Beispiele:

Unsichere Flughäfen
Aufgrund der Schwierigkeiten, in der Zeit von Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung gutes Personal zu finden, hat die öffentliche Hand in den letzten Jahren auf zahlreichen amerikanischen Flughäfen private Wachgesellschaften mit Sicherheitsaufgaben betraut. Diese Gesellschaften stellten häufig unqualifi- zierte Mitarbeiter, zum Teil sogar Personen ohne legalen Aufenthalt ein. Selbst Vorbestrafte sollen beschäftigt worden sein. Die Behörden drückten beide Augen zu. Ebenso nachlässig waren die Flug- gesellschaften und Flughafenbehörden beim Anstellen von Arbeitern zum Laden und Entladen der Maschinen. Diese Sicherheitslücken waren seit langem bekannt. Auch wurden Stimmen lauter, welche uniformierte Polizei zur Bewachung der Flughäfen forderten, wie dies in Europa der Fall ist. Seit vielen Jahren beklagen sich die Piloten über mangelnde Sicherheit im Cockpit und über die stets schlechteren Manieren der Passagiere.

Sicherheitsdefizite werden auch bei der Luftverkehrs-Kontrolle konstatiert, weil die Fluglotsen chronisch überlastet sind. Die Routen der Maschinen werden nur noch stichprobenweise am Bildschirm verfolgt, was auch der Grund sein dürfte, weshalb niemand rechtzeitig die scharfen Kursänderungen der entführ- ten Maschinen bemerkt hat. So war es nicht möglich, Jagdflugzeuge aufsteigen zu lassen, welche die Passagierflugzeuge zwecks Vermeidung von katastrophalen Schäden am Boden hätten abschiessen können.

Vernachlässigter Nachrichtendienst
Am grössten sind die Sicherheitsdefizite beim Nachrichtendienst. Die klassische Auslandspionage mit Agenten findet kaum mehr statt. Es fehlt an Geheimdienst-Personal, das Fremsprachen perfekt beherrscht und bereit ist, sich in einem fremden Land einzuleben. Die Nachrichtendienste haben in blinder Technik-Gläubigkeit voll an «Elint» (electronic intelligence) geglaubt. Die «National Security Agency» (NSA), welche die ganze Welt abhört und auch das «Echelon»-Netz beaufsichtigt, ist zur wichtigsten Geheimdienst-Einrichtung geworden, und zwar auf Kosten der CIA, ursprünglich für Aus- landspionage zuständig, und des FBI, dem Inlanddienst. Im weiteren ist die Koordination zwischen CIA und FBI ungenügend. Zwischen den verschiedenen Nachrichtendiensten des Aussenministeriums, des Handelsministeriums, des Schatzamts und des Pentagons herrscht hinderliche Konkurrenz. Es fehlt allgemein an Spionen mit Fremdsprachen-Kenntnissen.

Hervorragend dagegen sind die Fähigkeiten der amerikanischen Polizei bei der Verbrechens-Ermittlung. Unter Führung des FBI konnte innert 48 Stunden die Identität der meisten Terroristen des 11. Septem- ber festgestellt werden. Die Mängel bestehen bei der vorbeugenden Bekämpfung des Verbrechens, beim Nachrichtendienst. Dieser Missstand kann nur behoben werden, wenn neue Leute mit einem anderen Blick auf die Welt die Geschicke in die Hand nehmen. Bis heute rekrutieren CIA und FBI ihr Personal unter den besten Hochschulabsolventen, so wie es Wirtschaftsunternehmen tun. Gesucht werden junge Amerikaner «mit offenen Blick und Vaterlandsliebe». Was diese Menschen mit ihrem offenen Blick nicht zu sehen vermögen, hat man am 11. September auf schmerzliche Weise erleben müssen.

Richard Anderegg