Nr. 22, 29. September 2000

Die Befürworter von «Friedens-Einsätzen» verschweigen wichtige Tatsachen
Was Nato-Einsätze auch noch bringen
Von Thomas Meier, Zürich

Seit in Bosnien und im Kosovo Nato-Soldaten, Uno-Funktionäre und Hilfsorganisationen eingesetzt sind, haben sich Prostitution und Menschenhandel zu einem blühenden Wirt- schaftszweig entwickelt. Es ist eine bekannte Tatsache und muss schon fast als natürliche Erscheinung bezeichnet werden, dass das konzentrierte Auftauchen einer grossen Zahl von Männern an ein und demselben Ort zum Aufkommen von Prostitution führt.

Diese unvermeidliche Erscheinung konnte im Ersten Weltkrieg an der deutschen Westfront in Loth- ringen und in den sechziger Jahren im Umfeld der Forts der französischen Fremdenlegionäre in Algerien und kann heute genauso an den Einsatzorten von UN-Friedenssoldaten beobachtet werden. Die Ausbreitung von Prostitution im Zusammenhang mit UN-Missionen war schon früher ein Thema: Hilfs- organisationen machten 1991 darauf aufmerksam, dass in Kambodscha mit dem Eintreffen der Uno die Zahl der Prostituierten innert kurzer Zeit von 6'000 auf mehr als 20'000 anstieg. Im Jahre 1994 enthüllte ein UN-Bericht, dass in Mosambique von Blauhelmen Minderjährige als Prostituierte missbraucht worden waren. Neu am heute im Gefolge des UN-Einsatzes in Bosnien und im Kosovo entstandenen Prostitutionsgeschäft ist jedoch dessen Ausmass und die Tatsache, dass das Gewerbe mit Zwangs- prostitution und Frauenhandel verbunden ist.

Menschenhandel
Das Geschäft «Sex für Nato-Soldaten» ist generalstabsmässig durchorganisiert: In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und des ehemaligen Warschau-Paktes werden Zeitungs Annoncen veröffent- licht, mit denen junge Frauen als Kellnerinnen in Italien gesucht werden. Die Mädchen, welche sich auf die attraktiven Inserate melden, werden zu Dutzenden in Zügen oder Bussen Richtung Westen gefahren. Unter irgendwelchen Vorwänden, etwa zufolge angeblicher Probleme mit den Visa, geht dann die Reise nicht nach Italien, sondern nach Belgrad. Dort werden die Frauen, denen zuvor die Pässe abgenommen worden sind, während Tagen eingesperrt und massiv eingeschüchtert. An die jugoslawisch-bosnische Grenze verbracht, werden sie schliesslich gegen Bezahlung von Geldbeträgen von zwischen 1'000 und 3'000 D-Mark (der dort üblichen Schattenwährung) an Bordellbetreiber und Barbesitzer weitergereicht. Faktisch handelt es sich um Menschenhandel, um moderne Sklaverei.

In unmittelbarer Nähe von Sfor-Basen in Bosnien und neuerdings von Kfor-Lagern in Kosovo sind Bordelle wie Pilze aus dem Boden geschossen. Deren Zahl wird heute allein in Bosnien auf über 500 geschätzt. Wie viele der mehreren tausend Prostituierten, die in den Bordellen arbeiten, dies freiwillig tun und wie viele dazu gezwungen werden, kann niemand genau sagen. Immerhin deckt die Polizei jeden Monat mehrere Dutzend Fälle von Frauenhandel auf. Dies dürfte nur ein winziger Teil der tatsäch- lichen Zahl sein; die Polizei kooperiert mit den Bordellbesitzern und lässt sie gewähren, obwohl Prosti- tution in Bosnien gesetzlich verboten ist.

Mitverantwortlich
Die Tatsache, dass Friedenstruppen für Menschenhandel und Zwangsprostitution mitverantwortlich sind, wird von UN-Diplomaten gewissentlich verschwiegen. Nur wenige hochrangige UN-Funktionäre haben es bisher gewagt, das heikle Thema anzusprechen. Zu ihnen gehört Elisabeth Rehn, die damalige Sonder- beauftragte des Generalsekretärs für Bosnien. Sie führte im März 1999 in einer Rede vor dem Europarat aus, dass sie als Leiterin einer Friedensmission, welche zu 97 Prozent aus Männern besteht, ihre Augen nicht vor der Tatsache der Prostitution und des Menschenhandels verschliessen könne. Sie sei nicht so naiv zu glauben, dass ihre Untergebenen nicht in Bordelle gehen, in denen Frauen in Sklaverei gehalten werden.

Aids
Mit dem Thema Prostitution im Gefolge von UN-Missionen setzen sich die Vereinten Nationen erst ernsthaft auseinander, seit sie mit der Tatsache konfrontiert sind, dass Angehörige der Friedenstruppen in den Einsatzgebieten von der Immunschwäche-Krankheit Aids befallen werden. Zwar gibt es keine Statistiken über HIV-Infektionen unter Blauhelmen. Bereits 1998 wurde aber erhoben, dass in einigen Armeen bis zu 40 Prozent der Soldaten mit dem Aids-Erreger infiziert sind. Extrem hoch ist die Durch- seuchungsrate unter den Truppen Afrikas. Aus diesem Grund überlässt man mittlerweile Blauhelm- Einsätze in Afrika vor allem Staaten der Dritten Welt.

* Der vorliegende Artikel beleuchtet ein heikles, in vielerlei Hinsicht unappetitliches Thema. Die «Schweizerzeit» hat die geschilderten Fakten sehr sorgfältig recherchiert. Dabei sind wir auf die erstaunliche Tatsache gestossen, dass man in ausländischen, auch in den renommiertesten auslän- dischen Zeitungen eine relativ ausführliche Berichterstattung findet. Die politisch weitgehend gleich- geschalteten Schweizer Medien dagegen - zweifellos aus Rücksicht auf die Auslandeinsatz-Vorhaben des Bundesrates - verschweigen und unterdrücken das Thema und dessen Brisanz.

Die «Schweizerzeit» betrachtet es als eine mit dem journalistischen Gebot zur vollständigen Bericht- erstattung verbundene Aufgabe, über diese Fakten zu berichten. Für eine offene Auseinandersetzung und eine fundierte und umfassende Meinungsbildung zum Thema Militär-Einsätze von Schweizer Soldaten im Ausland ist es unentbehrlich, dass auch die unerfreulichen Begleiterscheinungen solcher Einsätze auf den Tisch gelegt werden. Jede Mutter, jede Frau und jede Freundin eines zukünftig im Ausland eingesetzten Schweizer Soldaten soll wissen, dass nicht nur die Gefahr besteht, dass ihr Sohn, Ehemann oder Freund im Bleisarg nach Hause kehrt, sondern auch die Möglichkeit, dass er als HIV-Infizierter vom Einsatz zurückkommt.

Thomas Meier