Nr. 22, 29. September 2000
Der deutschen Einheit
wird in Vielfalt gedacht
Nationalfeiertag mit Moll-Tönen
Von Fritz Schenk, Frankfurt am Main
Der zehnte Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober wird kein Jubeltag, welcher Europa womöglich vor dem Erwachen eines neuen deutschen Nationalismus in Angst und Schrecken versetzen könnte. Wenn Kopfschütteln angebracht ist, dann eher darüber, wie Deutschland das glücklichste Datum seiner jüngsten Geschichte zu einer Pflichtübung seines politischen Establishments herunterstuft.
Mehrere Umstände führten dazu, dass schon die Vorbereitungen am Anfang dieses Jahres zu Miss- tönen Anlass gaben. Fielen sie doch in eine Zeit, in der die CDU, und darin wiederum insbesondere ihr langjähriger Vorsitzender Helmut Kohl und sein unmittelbarer Nachfolger Wolfgang Schäuble, wegen der Parteispendenaffäre in grösste Bedrängnis geraten waren. So war es eigentlich nicht anders zu erwarten, dass die Organisatoren ein Programm vorlegten, das Kohl nicht als einen der Festredner vorsah.
Die Presse hatte nicht geschwiegen. Selbstverständlich griff sie auf, dass es doch wohl nicht wahr sein könne, den zehnten Jahrestag der deutschen Einheit unter Ausklammerung ihres wesentlichsten Architekten zu feiern. Und was ebenfalls nicht ausbleiben konnte, waren Spekulationen, dass sowohl der SPD-Mann Thierse, wie der ehemalige CDU-Generalsekretär Biedenkopf, die Spendenaffäre zum willkommenen Vorwand nahmen, den Altkanzler, zu dem sie «in einem gewissen Spannungsverhältnis stehen» (wie Abneigungen in gehobenen gesellschaftlichen Rängen diplomatisch ausgedrückt zu werden pflegt), auszubooten. Darauf konterte Kohl mit der umgehenden Verlautbarung, dass er an dem Festakt überhaupt nicht teilnehmen werde. Freudenfeier - ausgerechnet zum zehnten Jahrestag der Einheit - also ohne seine deutsche Hauptperson!
Abgeflautes
Interesse
Inzwischen zieht
sich die Spendenaffäre wie zäher Kleister durch Untersuchungsausschüsse und
die Presse, ohne auch nur noch nennenswerten Widerhall in der Bevölkerung,
ja nicht einmal mehr bei den gewöhnlichen Mitgliedern aller Parteien hervorzurufen.
Wissen doch alle Bürger zu gut, dass hinsichtlich der Parteifinanzen überall
gemauschelt wird. Das Thema hängt allen zum Halse heraus und wird nur noch
aus wahltaktischen Gründen von den oberen Parteistrategen der Regierungskoalition
am Köcheln gehalten. Nachdem sich die CDU durch Neuordnung ihrer Spitze (Angela
Merkel als neue Vorsitzende und Friedrich Merz als Fraktionsvorsitzender im
Deutschen Bundestag) ein wenig aus ihrem Tief befreit hatte, lebte die Debatte
um Helmut Kohl wieder auf. So mir nichts, dir nichts wollte sich das Parteivolk
seinen langjährigen Vorreiter nun doch nicht nehmen lassen. Also kamen Vorbereitungen
für Neben- veranstaltungen in Gang. Dabei haben alle ihre eigenen Süppchen
gekocht und die Geschichte wie ihre Gestalter in jenes Licht gerückt, wie
das auf der zentralen Hauptveranstaltung in Dresden am 9. Oktober nach ihren
Meinungen wohl nicht der Fall sein wird.
Linke
Fehleinschätzungen
Vor allem die
SPD verspürte da besonderen «Handlungsbedarf». Immerhin sind zehn Jahre zu
kurz, um zu vergessen, dass keiner ihrer führenden Genossen die deutsche Einheit
wirklich gewollt hatte. So reitet sie denn jetzt auf den Willy-Brandt-Ausspruch
vom November 1989 (dem Tag nach dem Mauerfall) herum, dass «nun zusammenwächst,
was zusammengehört». Dabei war Brandt es gewesen, der im Zusammenhang mit
der Begründung seiner «neuen» Ost- und Deutschlandpolitik 1969/70 das Wieder-
vereinigungsgebot des Grundgesetzes «die Lebenslüge dieser zweiten deutschen
Republik» genannt hatte. Noch peinlicher sind viele Zitate aus der Vor-Wendezeit
von Gerhard Schröder, denn gerade er hatte sich den Oberen der SED mit der
Unterstützung von deren «Zwei-Staaten-Theorie» penetrant angebiedert. Nun
wollen sie also ihre eklatanten Fehleinschätzungen der kommunistischen Despotien
und ihrer vermeintlichen Friedenspolitik umdeuten in die Richtung, dass eben
gerade diese SPD-Politik Wende und Einheit herbeigeführt hätten.
Die
wirklichen Probleme
So steht denn
dieser zehnte Jahrestag vor allem im Zeichen typisch deutscher (parteipolitischer)
Rechthaberei und nachtragender Besserwisserei. Damit wird er weitestgehend
an der Bevölkerung vorbeilaufen. Sie wird halt den Feiertag auf ihre Weise
nutzen und eher über das nachdenken, was sie gegenwärtig drückt, als über
die Vergangenheit. Das sind die Ölpreise und wie diese wohl auf die kommende
Heizkostenrechnung schlagen werden, was mit den Renten und Kosten des Gesundheits-
wesen wird, was sich der Staat nach dem Feiertag womöglich wieder einfallen
lässt, die Bürger direkt wie indirekt noch höher mit Steuern und Zwangsabgaben
abzuzocken, wann und wie wohl der Sturz des Euro beendet werden könnte oder
ob vielleicht doch die Geldwertstabilität ihr Ende nimmt - und nicht zuletzt,
was ab wann und wieviel die Osterweiterung der EU den Deutschen abverlangen
wird - kurzum sehr gegenwartsbezogene Probleme. Das sind nun inzwischen gesamtdeutsche
Sorgen und Befind- lichkeiten. Und insofern begeht Deutschland am 3. Oktober
2000 gemeinsam den Feiertag zur zehnten Wiederkehr seines vereinten Staates.
Fritz Schenk