Nr. 22, 29. September 2000

Die Arbeitsgruppe wird's schon richten...

Die Politiker und Regierungsvertreter aller Stufen leeren ganze Kübel voll Probleme über uns aus. Trotzdem müssen wir keineswegs verzagen. Irgendein schlauer Mensch - er verdient ein grosses Denkmal - hat nämlich die Einrichtung sogenannter «Arbeitsgruppen» erfunden. Man nennt sie zum Teil auch «Kommissionen», aber das ist Hans was Heiri.

Es gibt nur selten einen auf hohem Posten sitzenden Verantwortlichen, der wichtige Entscheidungen treffen würde, ohne sich auf eine Arbeitsgruppe oder auf eine Kommission abzustützen. Es wäre einer ja blöd, den eigenen Grind herzuhalten, denn Arbeitsgruppen und Kommissionen sind ausgezeichnete Sündenböcke und Blitzableiter. Sie sind Hintertüren, durch welche sich gut besoldete und wichtig betitelte Leute diskret wegschleichen können, und sie sind Wände, hinter denen die für die Lösung von Problemen zuständigen Politiker und Manager hervorgüxeln, wenn zuletzt alles schiefläuft. Man hat sich schliesslich an die Vorschläge der Arbeitsgruppe gehalten, und diese hatte doch «vorgängig das Problem vertieft studiert»...

Arbeitsgruppen erstellen «Papiere» und «Berichte», denn ohne solche lässt sich rein gar nichts machen. Würde man alle diese Papiere zusammenkleben, dann könnten damit sämtliche Ratshäuser und das ganze Bundeshaus tapeziert werden. Zwar ist der Inhalt dieser Papiere oft nur schriftlich fixiertes Palaver, wenn nicht überhaupt kompletter Chabis, aber das tut niemandem weh, denn es ist ja keine Einzelperson dafür verantwortlich.

Für die personelle Zusammensetzung von Arbeitsgruppen und Kommissionen existiert ein ungeschrie- benes Gesetz. Auf höchster Ebene, das heisst beim Bund, wird als Vorsitzender in der Regel ein Professor eingespannt. Es tut nichts zur Sache, ob er noch aktiv oder bereits ausrangiert ist - nur stur wie ein Bock sollte er sein. Auch wenn er in der zu behandelnden Materie nicht mehr unbedingt «à jour» ist, ein paar hunderttausend Fränkli darf er alleweil kosten. Auf Kantons- und Gemeindeebene kann man sich das finanziell weniger leisten. Hier tut es auch ein zackiger Beamter oder ein nicht mehr ganz taufrischer Ehrenbürger.

Wichtigste Person einer Arbeitsgruppe ist mit Abstand der Sekretär. Dieser führt nämlich die Präsenz- liste und ist somit zuständig für die Berechnung der Sitzungsgelder. Als Angehöriger einer Arbeits- gruppe und einer Kommission kann man sich mächtig in Szene setzen. Dafür sorgt ein ganzes Heer von Tolpatschen aus der Zeitungs-, Radio- und Fernsehbranche. Sie verpassen keine der Medien- konferenzen, in denen über die Einberufung, dann über die erste Sitzung, anschliessend über den Zwischenbericht, etwas später über den ersten Entwurf des Schlussberichtes und überhaupt über jeden Guguus der Arbeitsgruppe hochtrabende Erklärungen abgegeben werden.

Ich komme zum Schluss und mache ein Geständnis: Als Mitglied des schweizerischen Souveräns habe auch ich geholfen, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, denn ich kann ja nicht überall selber zum Rechten schauen. Meine «Arbeitsgruppe» tagt jeweils in Bern im Bundeshaus. Aber sie ist mit 246 Mitgliedern etwas gross geraten. Leider muss ich feststellen, dass ich nur mit einem knappen Drittel der Mitglieder zufrieden bin und die andern zwei Drittel gerne jetzt schon entlassen würde. Doch das geht leider erst in etwa drei Jahren...

Ernst Tschanz