Nr. 21, 22. Oktober 1999

Über den Umgang mit dem eigenen Land
Öffnung der Schweiz - ein Fetisch
Von Luc de Meuron, Neuchâtel

In der jüngsten Ausgabe seiner «Lettre politique» geht der bekannte Publizist Luc de
Meuron mit den Politikern ins Gericht, die ständig das Schlagwort von der politischen
Öffnung der Schweiz im Munde führen, ohne es zu akzentuieren oder gar ausführen
zu wollen. Wer es hinterfrage, komme zu aufsehenerregenden Schlüssen. Luc de Meu-
ron schreibt:

Es war zu erwarten: auch am diesjährigen 1. August haben sich unzählige Politiker und Jour-
nalisten darin gefallen, die Phrase von der politischen Öffnung unseres Landes bis zum Miss-
brauch breitzuschlagen. Unserem armen Volk wird vorgeworfen, es sei seit gut 50 Jahren Opfer
einer kleinlichen, egoistischen und einengenden Politik geworden. Es habe sich in dieser Welt
von allem, was da grosszügig, edel und erhaben sei, abgesondert. Mehr noch, die Schweizer
begnügten sich mit einer negativ zu wertenden Nostalgie an althergebrachte, aber längst über-
holte Werte, an denen sich verharzte oder auch nur naive Traditionalisten jeweils an unserer
Nationalfeier auch noch zu berauschen pflegten.

Zum Glück, so urteilen unsere futuristischen Intellektuellen, verliere sich diese obsolete und
lächerliche Grundhaltung vor allem in der städtischen Bevölkerung mehr und mehr. Da sie aber
zugleich auch niemanden unnötig beleidigen wollen, weder Junge noch Alte, und schon gar
nicht die Generation, die noch die Grenzbesetzung erlebt hat, wird etwas banal und vernebelnd
lediglich von einer notwendigen «Öffnung» der Schweiz gesprochen. Wobei der unausgespro-
chene Vorwurf mitschwingt, gegen eine Öffnung könne man doch ehrlich nicht sein - ausser
man wäre ein kleiner und natürlich verdammenswürdiger Reaktionär. So soll Lesern und Zuhö-
rern im ganzen Land das schlechte Gewissen eingeimpft werden, wonach sich unser Land ab-
schotte und in mediokrer Passivität erstarre.

Ein Volk von «Schisshasen»

Der eine oder andere unserer Leser mag jetzt denken, ich übertreibe. Dann lesen Sie den Arti-
kel des liberalen Waadtländer Regierungsrates Claude Ruey, den er in «24 Heures» vom 9.
August unter dem Titel «Die Schweiz muss die Öffnung wagen» geschrieben hat. Er stellt ein-
gangs die Frage, ob die Schweizer intolerant und ängstlich geworden seien, weil es ihnen an
der Fähigkeit mangle, einige tausend Ausländer, die in unserem Land zeitweise Schutz such-
ten, zu ertragen. Als konkreten Beweis für diese Behauptung führt Claude Ruey die angeblich
ausländerfeindliche Initiative der Zürcher SVP an, mit der «die Schiss hierzulande noch geför-
dert werde» - es falle ihm kein anderes Wort im Hinblick auf das betroffene Ausland ein.

Claude Ruey schliesst seinen Artikel mit einer sechszeiligen Konklusion, in der das Wort
«Öffnung» gleich sechsmal vorkommt. Implizit kann sein Aufruf eigentlich nur so verstanden
werden: Geben wir die Neutralität auf, öffnen wir weit unsere Grenzen, heben wir Pässe und
Zölle auf, schaffen wir Tausende neuer Arbeitsplätze für alle Arbeitslosen dieser Welt, beher-
bergen wir alle Kriegs-, Erdbeben- und Katastrophenopfer, wo immer sie sich befinden!...

Mut zur eigenen Identität

Einer längeren Reihe von Politikeraussprüchen und Zeitungskommentaren, die alle die fabulö-
se Öffnung der Schweiz beschwören, stellt Luc de Meuron dann ein Zitat des ehemaligen Mi-
nisters Walter Stucki gegenüber: «Die Schweiz muss Selbstvertrauen haben, flexibel, zuvor-
kommend und bereit zum Handeln sein. Da wo es hingegen um die Grundwerte unserer Politik
geht, müssen unsere Behörden den Mut aufbringen, den Gegner auf Granit beissen zu lassen.»

Dieser Devise fügt Luc de Meuron einen Auszug aus einem ebenso tröstlichen Aufsatz von
Francis Thévoz, Stadtrat von Lausanne, aus «24 Heures» vom 25. 8. 99 an: «Wir scheitern
auf Landesebene, weil wir unser Land nicht mehr (oder zu wenig) lieben. Wer liebt, gibt ohne
zu nehmen. Wenn es an der Weltausstellung in Sevilla, anlässlich der 700-Jahrfeier und bei
den Vorbereitungen für die Expo 01 zu Dissonanzen und Sündenfällen kam, dann fehlte es -
meiner Meinung nach - vor allem an der Leidenschaft, Liebe und Verehrung zum Objekt der
ganzen Sache: zu unserem Land. Zu seiner wahren Entfaltung braucht ein Land dies genau
wie ein menschliches Wesen auch. Wer dagegen für dieses Land arbeiten will, ohne es zu lie-
ben, der tut es aus blossem Eigeninteresse (oder im Interesse seiner Partei, seiner Kumpane
oder seiner Ideologie). Das riecht man, weckt Ironie, Distanz, Rückzug, Fahnenflucht und führt
schliesslich zum Fiasko.

Man kann ein Land lieb haben und gleichzeitig auch herbe Kritik an ihm üben, sei dies von ei-
nem künstlerischen, sozialen, philosophischen Standpunkt aus. Man kann über die Politiker,
Obersten, Bankiers und Bürgerlichen spotten. Das alles verträgt sich, solange man das Ob-
jekt seiner Kritik, Land und Leute, lieb hat. Man darf und soll sogar von einer besseren Zukunft
träumen, Utopien nachhängen, sich für Ideen zusammenraufen, für oder gegen einen EU-Bei-
tritt sein, vorausgesetzt man verbindet den Zukunftsglauben mit dem Respekt für das Beste-
hende! Der Röschtigraben, dieser sagenhafte Einschnitt, er hätte natürlich das zentrale Thema
der Expo 01 abgeben müssen. Drei Seen, fünf Kantone, das germano-francophone Herz des
Landes, für das es schlägt Brändütsch, Sensedialekt und Akzent des Vully ... Doch das Herz
bleibt kalt beim Anblick der Seeüberdachungen und der nackten Haut, die man für etwas mehr
Aufmerksamkeit entblösst hat: Was für ein pitoyabler Einblick und programmierter Misserfolg!»

Öffnung - wozu und weshalb?

All den grossen (und kleinen) Geistern, die nach Öffnung schreien, den Verächtlichmachern
unserer Vergangenheit als unabhängige Eidgenossenschaft, den Erfindern einer sogenannten
«neuen» Schweiz und den Machern neuartiger Selbstdarstellungen unseres Landes möchte
man zurufen, sie sollten sich auf unsere Väter besinnen, die es verstanden, Solides und Inno-
vatives zu schaffen und gleichzeitig intelligente Staatsbürger und gute Patrioten zu sein.

Es ist höchste Zeit, dass jene eingebildeten und schwatzhaften Mitbürger, die unserem Volk
ständig Lektionen erteilen wollen, wie es Europa und der Welt gefällig zu sein habe, Platz ma-
chen. Es ist ebenfalls an der Zeit, dass sich unser Land von der Schimäre der vielbeschwore-
nen «Öffnung» lossagt; denn es besteht kein Zweifel, dass eine konsequente Öffnung zu einer
abenteuerlichen Aussenpolitik führen, unnütze und kostspielige finanzielle Opfer verursachen
und schliesslich in einem Debakel enden würde.

Luc de Meuron
(Übersetzung und Zusammenfassung: Hans Scharpf, Zürich)

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