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Nr.
21, 22. Oktober 1999
Von den Zumutungen,
die uns die Sonntagspresse beschert
Unsere
sonntägliche «Information»
Darf ich Sie höflich
bitten, die Anführungszeichen beim Wort «Information»
speziell
zu beachten? Besten Dank! Und damit zur Sache: Sechs Tage sollst Du arbeiten
und
am siebenten Tag ruhen. So steht es, wenn auch etwas ausführlicher,
in der Bibel: 2.
Buch Mose, Kapitel 20, Verse 9 und 10, für jene, die es unbedingt
genau wissen wol-
len. Dieser Text sollte aber wegen unserer sonntäglich erscheinenden
Sensationszei-
tungen dringend angepasst werden. Ungefähr so: «Sechs Tage
sollst Du warten und
Dich am siebenten Tag anflunkern lassen.»
Die Öffentlichkeit
habe ein Anrecht darauf, informiert zu werden. So lautet eine alte Weisheit
der Presseleute. Weil heutzutage in manchen Redaktionen die angebliche
Sensation den grös-
seren Stellenwert hat als die seriöse Information und weil jeder
halbbatzige Journalist am Mon-
tagmorgen auch einmal ein grosser Siech sein möchte, welchem der
Chefredaktor anerken-
nend auf die Achsel klopft, servieren die uns Sonntag für Sonntag
den grössten Bockmist. Je-
de Belanglosigkeit wird zu einer «Story» aufgemotzt.
Ob der Köbeli
dem Lehrer die Zunge herausgestreckt hat, ob sich die Schlagersängerin
X ei-
nen neuen Liebhaber zulegen, oder besser gesagt, beilegen will, ob irgendwo
in der Schweiz
ein Asylant zuwenig Sackgeld erhält, alles wird in den Sonntagszeitungen
beschrieben und
ausgetratscht.
Bloss eine tolle «Story»
wurde bis heute vernachlässigt: Jene vom Glossenschreiber, der am
Sonntagmorgen selber zu den verflixten roten oder blauen Zeitungsautomaten
rennt und eine
Stunde später belemmert feststellt, dass er wieder verseck ..., pardon,
übers Ohr gehauen
worden ist.
Was sagen Sie da?
Es befehle mir schliesslich niemand, all den gedruckten Schnickschnack
zu kaufen und obendrein noch zu lesen? Also bitte sehr, habe ich denn
je behauptet, geschei-
ter und schlauer zu sein als Hunderttausende von anderen Leuten, die sich
Sonntag für Sonn-
tag ins Bockshorn jagen lassen? Überhaupt - man kann sich doch am
Montagmorgen in der
Gesellschaft nicht bewegen wie ein soeben von seiner Insel in die Zivilisation
zurückgekehrter
Robinson, wenn einem von allen Bekannten die Frage gestellt wird: «Hast
Du gelesen, was
gestern über die X, den Y und den Z geschrieben worden ist?»
Und wer «es»
nicht gelesen hat, der ist nicht mehr fähig für zwischenmenschliche
Kontakte,
er kommt sich bildungsmässig geradezu füdliblutt und minderwertig
vor Von Montag bis Sams-
tag sind wir als Zeitungsleser höchst kritisch. Aber am Sonntag,
da sind wir die totalen Löli.
Da kann uns die zweite oder dritte Journalistengarnitur am Narrenseil
herumführen wie der Eu-
lenspiegel die Leute von Magdeburg. Jeden Bären lassen wir uns aufbinden.
Wir würden am
Sonntag den Zeitungen sogar glauben, dass an den Hängen des Vesuvs
Glühwein wächst,
dass es neuerdings eine Fabrik gibt für die Herstellung von Vogelfutter
für Kuckucksuhren oder
dass seit zehn Tagen kein schweizerischer Bundesrat ins Ausland verreist
ist Alles Unmögli-
che kann man uns am Sonntag auftischen, und wir nehmen jede Münchhausiade
dankbar als
bare Münze entgegen. Komische Leute sind wir! Halt,
fast hätte ich es vergessen: Eine Infor-
mation ist trotz allem in jeder am Sonntag erscheinenden Zeitung richtig:
das Datum auf der
ersten Seite...
Ernst Tschanz
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