Nr. 21, 24. August 2007
Glossen
von Arthur Häny
Der Öpfelmarsch
Melodien haben ein langes Leben. Wie käme es sonst, dass mir einige Handorgel-Stücke aus meiner Kindheit fast ebenso treu anhangen wie Beethovens "Freude, schöner Götterfunken", Schuberts "Forelle" oder Ravels "Bolero"? Das "innere Ohr" hat ein gutes Gedächtnis. Je früher man gewisse Lieder oder Schlager kennen gelernt hat, desto anhänglicher begleiten sie einen danach durchs Leben. Die Volksmusik ist ja durchaus keine quantité négligeable; die "klassische" Musik hat im Grunde nur weiterentwickelt und differenziert, was in der Volksmusik im Keim schon angelegt war. Gerade die genialsten Melodiker unter den grossen Komponisten haben sich immer wieder den Ursprüngen der Volksmusik zugewandt, denken wir zum Beispiel an Schuberts Walzer und Ländler oder Chopins Mazurkas.
Mein Vater liebte die Handorgelmusik, und darum schickte er mich - ich war eben gerade Erstklässler geworden - zu einem Handorgel-Lehrer, Herrn Zorn, in die Schule. Das war in Rheinfelden anfangs der Dreissigerjahre. Herr Zorn widerlegte seinen Namen, denn er war durchaus umgänglich, ein eher kleiner und rundlicher Mann, wenn ich mich recht erinnere - es ist schon so lange her! Bei ihm ging es gleich zügig voran mit meinem Handorgeln - während mein erster Anlauf im Klavierspiel damals misslang. Ich machte so gute Fortschritte, dass ich an einem Handorgel-Konzert im "Salmenbräu" als Solist auftreten durfte. Da trug ich den "Öpfelmarsch" und das "Echo vom Bürgenstock" vor, sehr zum Gefallen des Publikums, so dass ich als Honorar für meinen Auftritt einen Blumenstrauss bekam und eine Schokolade, die fast so gross war wie ich selber.
Einige dieser Märsche, Walzer, Ländler und Polkas erklingen auch heute noch von Zeit zu Zeit im Konzertsaal meiner Seele - so wie überhaupt in meinem Innern immer irgendwelche Musik tönt, und wäre es auch nur das leidige Ohrensausen... (Aber das ist eine Musik, die nur erträglich bleibt, wenn man sie überhört).
Die Handorgel nahm ich in der Kindheit dann auf Ausflüge und in die Ferien mit. Zum letzten Mal erscheint sie auf zwei Fotos der "Maturreise" unserer Gymnasialklasse. Es war 1943, in der Kriegszeit; wir reisten, um unseren Abschluss zu feiern, nur gerade von Zürich nach Sihlbrugg! (Heute geht's bis nach Ibiza oder Santorin).
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Damals war die Handorgel bei mir aber schon lange überrundet vom anspruchsvolleren Klavier, das mich nun seinerseits mit einer Überfülle von Melodien beschenkte. Die Erinnerung an den "Öpfelmarsch" ging aber doch nicht ganz verloren. Ich denke überhaupt, dass akustische Erinnerungen recht treu sind. Melodien verändern sich nicht, ich kann sie höchstens selber verändern - wenn ich zum Beispiel am Klavier improvisiere über "Hänschen klein, geht allein " oder "Fuchs, du hast die Gans gestohlen " Die Grundmelodie bleibt immer bestehen.
Vergangene Zeiten entschwinden, und die Erinnerung lässt das meiste in ihrer Tiefe versinken. Wie treu sind übrigens visuelle Erinnerungen? Wie objektiv erinnern wir uns an Begebenheiten aus fernen Jahren, die für uns wichtig waren, an die wir öfters zurückdenken müssen? Es ist möglich, dass ein Ereignis sich unserem Gedächtnis unverändert eingeprägt hat. Viel häufiger aber, denke ich, verdüstern oder vergolden wir dieses Ereignis, ohne uns dessen bewusst zu sein. So vergolden besonders wir älteren Menschen gern die Vergangenheit, wenn wir Mühe haben mit der Gegenwart. Damals war es doch viel schöner als heute, denken wir vielleicht Könnten wir aber unsere Erinnerungen ganz genau vergleichen mit dem, was damals wirklich geschehen ist; könnten wir den Film jenes Geschehens noch einmal vor uns abspielen, so wären wir vielleicht überrascht. Wir bekämen wohl manche abweichenden oder vergessenen Details zu Gesicht.
Die Erinnerung kann trügen, sie kann auch gänzlich vergessen!
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Kürzlich kam meiner Frau und mir auf einem Spaziergang eine hübsche Unbekannte entgegen. Zu meiner Überraschung begrüsste sie uns herzlich wie alte Freunde. Ich will sie hier Mirjam nennen. Mirjam zögerte nicht, uns gleich mit "Marieluise" und "Arthur" anzureden. Ich vermochte meine Verwunderung über die Spontaneität dieser Dame ziemlich gut zu verbergen, weil ich so etwas einfach sympathisch finde. Es ist doch immer eine Freude, wenn jemand in unserer verklemmten Gesellschaft so offen und freundlich auf uns zukommt. Leider erinnerte ich mich aber, im Gegensatz zu Marieluise, überhaupt nicht an die Person. Natürlich waren wir Mirjam früher einmal irgendwo begegnet und hatten uns offenbar sogar geduzt Ich habe sonst ein gutes Gedächtnis für Menschen; aber Mirjam hatte ich wirklich vergessen!
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Auch das Vergessen ist lebenswichtig. Wer leben will, muss vergessen können. Stellen wir uns einmal vor, wir müssten alles und jedes, was uns jemals passiert ist, im Gedächtnis behalten. Das wäre ja fürchterlich! Wir würden von all den Eindrücken überflutet und ertränkt. Wir würden den Verstand verlieren!
Am erstaunlichsten scheint mir aber, dass sogar das Vergessene noch irgendwo aufgehoben ist! Als ich vor langen Jahren einst in Zürich der Asylstrasse entlangging, passierte mir etwas Merkwürdiges. Ich nahm auf einmal einen seltsamen Geruch wahr, der aus einem der Häuser strömte. Ich stand und stutzte. Der Geruch kam mir fernher bekannt vor, es dämmerte in mir eine längst verschollene Erinnerung auf. Ach ja, das war es: So hatte es im Spital gerochen, in früher Kindheit, nach meinem schweren Unfall. Dann nämlich, wenn ich im Operationssaal aus einem siebartigen Gegenstand den Äther einatmen musste, um anästhesiert zu werden. Gerade so hatte das gerochen! Der Geruch, der mich im Spital ins Vergessen versenkt hatte, tauchte nun selber wieder aus dem tiefsten Vergessen herauf. Es war ein ganz eigenartiges, beklemmendes Gefühl.
So ist denn auch das Vergessene noch irgendwo unvergessen. Was ich erlebt habe, das habe ich wirklich er-lebt; ich habe es mir angeeignet, es bleibt mir erhalten. Und es gibt da Kellerräume im Haus meines Lebens, die sich offenbar noch tiefer unten befinden als jener Abstellraum im Souterrain, aus dem zuweilen der "Öpfelmarsch" oder das "Echo vom Bürgenstock" heraustönt.
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