Nr. 21, 17. September 2004

Nein zur Mutterschaftsversicherung
Stopp dem Raubzug auf Lohnprozente
Von Grossrätin Sylvia Flückiger, Schöftland AG


Wir leben über unsere Verhältnisse. Wir leben auf Kosten der kommenden Generationen.
Die Milliardenverschuldung unseres Landes spricht eine deutliche Sprache: Die Sozialwerke sind in einem desolaten Zustand.

Die IV weist ein Rekorddefizit auf. Viele glauben nicht mehr an eine gesicherte AHV-Rente. Selbst die Zweite Säule weist massive Unterdeckungen auf. Die Krankenkassenprämien explodieren; die Prämienvergünstigungen kosten Bund und Kantone enorme Summen. Trotzdem wurde der Sozialstaat in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut. Statt eigenverantwortliches Handeln und damit die Freiheit auszubauen, geschieht das pure Gegenteil: Die Linke will allen eine möglichst bequeme Hängematte zur Verfügung stellen. Dass dabei unserem Staat die Luft ausgeht, dass ihm der Kollaps droht, interessiert die Umverteiler nicht.

Seit Jahren warten wir auf den dringenden wirtschaftlichen Aufschwung, besonders im KMU-Bereich. In der Realität fällt es immer schwerer, sowohl die Arbeitsplätze zu erhalten als auch für alle Steuern und Abgaben aufzukommen. Während zu Tells Zeiten vom Volk nur gerade der «Zehnten» an Abgaben eingefordert wurde, müssen wir heute bereits jeden zweiten verdienten Franken für Steuern und Gebühren aufwenden. In breitem Umfang erfolgen Arbeitsplatzverlagerungen in Billiglohnländer bis nach China. In der Schweiz kann man derweil beinahe täglich von Betriebsschliessungen lesen.

Noch eine staatliche Sozialversicherung?

Dieser Entwicklung zum Trotz soll jetzt eine weitere Sozialversicherung geschaffen werden. Dies, obwohl man genau weiss, dass jeder weitere Ausbau des Sozialstaates arbeitsplatzfeindlich ist. Neuerdings nehmen die Sozialausbauer die Erwerbsersatzordnung (EO) ins Visier: So ziemlich die
einzige Kasse, die noch schwarze Zahlen ausweisen kann. Über diese Kasse wollen die Umverteiler eine neue staatliche Mutterschaftsversicherung finanzieren. Doch bereits heute steht fest, dass die EO-Beiträge spätestens fünf Jahre nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes erhöht werden müssten. Auch
die Mutterschaftsversicherung ist nicht - wie dies von den Befürwortern naiverweise behauptet wird - gratis zu haben. Neue Lohnprozente bedeuten Verteuerungen unserer Arbeit und damit unserer
Produkte. Als Folge davon werden noch mehr Arbeitsplätze verschwinden. Die Konsequenzen werden vor allem wir Frauen tragen müssen.

Belastung für Arbeitgeber
Obwohl das Volk eine Mutterschaftsversicherung bereits dreimal - das letztemal 1999 - an der Urne abgelehnt hat, soll jetzt eine neue Sozialversicherung entstehen. Es ist also nichts anderes als eine Zwängerei, die unter dem Titel «Lohnfortzahlung bei Mutterschaftsurlaub» angepriesen
wird. Diese Mogel-Titelei soll davon ablenken, dass es eben doch um eine neue Sozialversicherung geht. Besonders betrüblich dabei ist die Tatsache, dass der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes den Abstimmungskampf anführt und als «gewerbefreundlich» anpreist. Dabei bräuchte das Gewerbe dringend Entlastung - zu allerletzt zusätzliche Belastungen durch eine neue
Sozialversicherung.

Die Mutterschaftsversicherung wird zu einer zusätzlichen Belastung für die Arbeitgeber. Neue Lohnabzüge für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind angesichts der angespannten wirtschaftlichen Situation nicht mehr tragbar. Die Zeche wird einmal mehr der Mittelstand zu zahlen haben.

Steuern senken - Arbeitsplätze sichern!
Die Arbeitgeber werden zunehmend wenig Interesse zeigen, junge Frauen überhaupt noch einzustellen, weil sie sich deren vierzehnwöchige Abwesenheit in Zusammenhang mit einer Geburt in ihren Betrieben schlicht nicht leisten können. Die derzeit gültige obligationenrechtliche Lösung von acht Wochen
genügt. Sie verschafft jedem Betrieb Spielraum, eine eigene, individuelle Lösung anzubieten.

Von der neuen Mutterschaftsversicherung wird ein Drittel aller Frauen einfach ausgeschlossen. Doppelverdiener-Familien profitieren, während Mütter, die zu Hause für Familie und Kinder sorgen, leer ausgehen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie heute sollten keine neuen Sozialwerke geschaffen werden. Ein marodes Haus (und die Sozialwerke sind insgesamt marode) muss zuerst am Fundament saniert werden, erst dann kann man sich darüber unterhalten, ob der Dachstock noch ausgebaut werden soll. Die Sicherung der Arbeitsplätze muss Vorrang geniessen, denn gerade davon
profitieren wir Frauen. Handeln wir verantwortungsvoll, indem wir nicht auch noch die allerletzten Vorräte, die heute im EO-Topf liegen, aufbrauchen. Denken wir an die Zukunft unserer Söhne und Töchter, die das Recht haben sollen, eine lebenswerte Schweiz vorzufinden.

Das wichtigste Ziel ist heute die Senkung der Fiskal- und Staatsquote. Sich dafür einzusetzen, müsste meines Erachtens Kernaufgabe des Gewerbeverbandes sein, sonst fühle ich mich mit meinem Unternehmen dort nicht vertreten. Sagen wir also aus Überzeugung und aus Verantwortung am 26. September zum viertenmal nein zu dieser Vorlage.

Sylvia Flückiger, Grossrätin