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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 7. September 2001
Die
Schwächen des Bergier-Berichts
Die
Moralisten
Als in Zürich im Jahre 1918 der Generalstreik militärisch niedergeschlagen wurde, trug einer der zu diesem Einsatz befohlenen Offiziere den Namen Henri Guisan. Der Auftrag, obwohl erfolgreich bewältigt, soll bei Guisan tiefe Betroffenheit ausgelöst haben.
Nicht zuletzt dieses Zürcher Erlebnis von 1918 habe Guisan, nachdem er ab 1939 den Oberbefehl über die Armee innehatte, wiederholt zu dezidierten Stellungnahmen an die Adresse des Bundesrates bewogen: Die Landesregierung habe alles vorzukehren, dass dem Land während des Krieges jegliche Arbeitslosigkeit erspart bliebe. Den Soldaten an der Grenze oder im Réduit und den Familien zu Hause werde im Widerstand gegen den die Schweiz völlig umzingelnden Nationalsozialismus eine derartige Leistung abverlangt, dass jede Schweizerin und jeder Schweizer zu jeder Stunde die Gewissheit haben müsse, dass die Landesregierung alles, wirklich alles vorkehre, materielle Not von den Familien fern- zuhalten. Auf dass Ereignisse wie 1918 nie mehr die Schweiz erschüttern sollten! Das war Guisans Überzeugung. Jene, die die gefährliche Zeit des Zweiten Weltkriegs miterlebt haben, erinnern sich wohl daran. Wer Guisans Biographie lesen würde, stiesse ebenfalls darauf.
Die Bergier-Kommission scheint von solchem Wissen unbelastet. Zielbewusst ist sie dem Gespräch mit Zeitzeugen von damals ausgewichen. Wahrnehmungen von damals scheinen sie zu stören. Sie setzt statt dessen eigene, von Heutigen erfundene moralische Massstäbe. An diesen Massstäben misst oder verurteilt sie das Handeln der damaligen Verantwortungsträger, auch wenn die Damaligen die heute gesetzten Massstäbe gar nicht kennen konnten. Die Bergier-Kommission präsentiert ihre Zensu- ren zugegebenermassen nicht plakativ. Weil sie sich ihrer Beziehungen zu den Medienleuten sicher ist. Denen überlassen sie es, die ihnen gut scheinenden Interpretationen nachzuliefern. Und die Medien- leute liefern sie unbelastet von genauerem Wissen bereitwillig: Dort, wo es den damaligen Verant- wortungsträgern um die Vermeidung von Arbeitslosigkeit in schwierigster Zeit ging, orten sie eilfertig Anpasserei an die Nazis, Profitgier und Gewinnsucht. Das sei, diffamiert der «Tages-Anzeiger» frisch drauflos, nichts als übliche «Schweizerart». Bücklinge vor den Nazis hätten sie damals gemacht, die Neutralität verletzt und damit Geld verdient.
Was würden die Moralisten von heute wohl den Damaligen vorwerfen, wenn die Gefahr der Arbeitslosig- keit damals auf die leichte Schulter genommen worden wäre, wenn Blindheit für drohendes Elend nach- gewiesen werden könnte? Und noch eine Frage: Wieviel Widerstandskraft haben die Moralisten von heute eigentlich bewiesen, als unser Land in den vergangenen Jahren blanker Erpressung ausgesetzt wurde?
Ulrich Schlüer