Nr. 21, 15. September 2000

Kosovo: Wiederaufbau unter fremder Schutzherrschaft
Multi-ethnische Gesellschaft bleibt Trugbild
Von Heinrich L. Wirz, Bremgarten BE

Ein Besuch im Kosovo zeigt das durch die Kosovo Force (KFOR) besetzte Gebiet im Wieder- aufbau. Dennoch sind die Zerstörungen unübersehbar. Der andauernde Hass zwischen den Volksgruppen verhindert ein friedliches Zusammenleben. Bestenfalls scheint ein militärisch überwachtes Nebeneinander möglich zu sein. Die militärische Zukunft auf dem Balkan ist ungewiss. Schon ist vom nächsten Krieg die Rede.

Die vielfältigen Eindrücke und Erlebnisse sind gegensätzlich. Sie fangen an beim Transport ab Euro- airport Basel-Mulhouse-Freiburg mit einer Fokker F-27 Hochdecker-Propellermaschine der Farnair Europe. Die meisten Passagiere sind uniformierte Angehörige der Schweizer Armee, die zur «Swiss- coy» in den Kosovo zurückkehren. Die glühende Hitze bei der Ankunft auf dem Flughafen im Kessel von Skopje wird abgelöst vom kühlenden Luftzug durch die offene Türe des grossen Transport-Hubschrau- bers russischer Bauart der ukrainischen Luftwaffe. Auf der Achse von der mazedonischen Hauptstadt (260 Meter über Meer) nach Pristina, Hauptstadt des Kosovo, fliesst dichter Verkehr. Am Grenzüber- gang bei Blace, bekannt von den Fernsehbildern der Flüchtlingslager während des Krieges, stauen sich jetzt lange Kolonnen von Fahrzeugen in beiden Richtungen, vor allem Lastwagen. Viele davon bringen oder holen Versorgungsgüter im Auftrag der zahlreichen Hilfswerke. Die KFOR-Fahrzeuge werden am Grenzübergang vorbei in eine Umfahrungsstrasse eingewiesen. Für ihre Insassen gilt in Mazedonien wegen der Gefahr von Steinwürfen die Vorschrift «Fenster  schliessen!».

Im Tiefflug Richtung Suva Reka ist das gekammerte und militärisch schwierige Gelände noch besser zu erkennen. Es ist vergleichbar mit den schweizerischen Voralpen, ausgenommen die im Kosovo bestehende Bodenbedeckung aus Laubwäldern. Diese sind zum Teil infolge der Beschaffung von Brennholz und durch Brände im Krieg ausgedünnt und bieten dennoch Möglichkeiten für Tarnung und Verstecke. Man erinnert sich an die Flucht der kosovarischen Einwohner vor den Serben in die höher gelegenen Wälder. Aus der Luft sind erstmals die Ausmasse bleibender Zerstörung einerseits und zunehmenden Wiederaufbaus andererseits sichtbar, zu erkennen an den neuen roten Dachziegeln.

Gefährliche Strassen
Seit dem Ende der Bombardierungen, das heisst ab Mitte Juni 1999, wurden innerhalb eines Jahres zirka 300 000 Fahrzeuge jeglicher Art in den Kosovo eingeführt. Neben Fuhrwerken prägen Personen- wagen und leichte Lastwagen in allen möglichen Ausführungen das Bild. Zahlreiche Fahrzeuge tragen noch keine Nummernschilder, die bei der United Nations Interim Administration in Kosovo (UNMIK) für angeblich 300 Deutsche Mark (= Landeswährung) gekauft werden sollten. Verblüffend ist die grosse Zahl schweizerischer Kontrollschilder, die aus allen Kantonen stammen. Die kosovarischen Halter ausländischer Fahrzeuge arbeiten in den Ferien in ihrer Heimat. Entzif- fern lassen sich manche sogenannte Exportschilder mit der roten Marke und dem auf einen Monat befristeten Versicherungs- schutz, der vielfach verfallen ist.

Die während Jahren vernachlässigten Landstrassen werden durch schwere Rad- und Raupenfahrzeuge zusätzlich beschädigt. Sie befinden sich überwiegend in einem sehr schlechten Zustand und harren der Wiederherstellung durch die UNMIK. Geradeausfahren ist kaum möglich, weil dauernd grosse Löcher zu vermeiden sind. Der Strassenverkehr ist ein unberechenbares Wagnis, zieht man die Bevölkerung des Kosovo von ungefähr zwei Millionen, den draufgängerischen Fahrstil, das dünne Strassennetz und seine Unterhaltsmängel, die ausreichende Treibstoffversorgung und die steigende Anzahl Fahrzeuge sowie deren technischen Zustand und möglicherweise fehlenden Versicherungsschutz in Betracht.

Der tödliche Hass zwischen den Volksgruppen kommt im Süden der Provinz im Gegensatz zu dem an Serbien grenzenden Nord- und Ostteil weniger zum Ausbruch. Die Serben leben in ihren Dörfern und Einzelgehöften getrennt von der übrigen Bevölkerung und werden durch die KFOR beschützt. Prizren ist, als ehemaliger Hauptort des Kosovo, baulich eine eher orientalische Stadt geblieben, heute mit zirka 100'000 Einwohnern und westeuropäischem Anstrich für Augen und Ohren. Vordergründig besteht beinahe Normalzustand, sieht man von den gepanzerten Fahrzeugen der Deutschen Bundeswehr an den möglichen Brennpunkten ab. Das Angebot an Waren in den Läden und auf dem Markt ist reich- haltig.

Beinahe jeder hat innerhalb seines ausgedehnten Familienclans - meistens mehrere Dutzend Personen - irgendeine persönliche Beziehung zu unserem Lande, aus dem viel Geld und damit Kaufkraft in den Kosovo fliesst. Bei der hohen Arbeitslosigkeit (die Prozentzahlen sind widersprüchlich) tragen die Zuschüsse aus dem Ausland schon lange zum Überleben bei. Ohne Befehl oder Bezahlung scheint jedoch niemand zupacken zu wollen, zum Beispiel den fast überall herumliegenden Abfall zu sammeln. Die UNMIK hat begonnen, die Kehrichtbeseitigung einzurichten. Die im Ausland arbeitenden Kosovaren tadeln ihre eigenen Landsleute wegen deren Nachlässigkeit bei der Entsorgung. Die Soldatenfriedhöfe der Ushtria Clirimtare e Kosoves (UCK) hingegen wirken gepflegt, und vielerorts werden eindrucksvolle Heldendenkmäler errichtet.

Von einem noch immer «kriegsversehrten Lande» zu sprechen, ist zumindest im Süden je länger je weniger mehr angebracht. Zweifellos lauern Gefahren und alltägliche Gewalt. Trotzdem erachten die Kosovo-Albaner die Rückkehr ihrer geflüchteten Landsleute als zumutbar. Eine allfällig notwendige Betreuung wäre an Ort und Stelle wirksamer und wirtschaftlich günstiger als in der Schweiz. Schwer- wiegende Lücken klaffen in der eigenen zivilen Verwaltung. Die UNMIK ist daran, die fehlenden behörd- lichen Einrichtungen aufzubauen, angefangen mit der lokalen Polizei unter der Aufsicht ausländischer Beamter. Die überwiegende Mehrheit der Kosovaren beurteilt ihre Lage als grundlegend besser als während der Dauer der serbischen Unterdrückung und des Krieges. Befürchtet wird ein Krieg um Montenegro, der auch den Kosovo wieder in Mitleidenschaft ziehen würde. Vorderhand macht sich niemand Gedanken über einen allfälligen Abzug der KFOR. Ein solcher wäre - aus heutiger Sicht - der Beginn eines erneuten grausamen Gemetzels unter den verschiedenen Volksgruppen.

Heinrich L. Wirz