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Nr. 20, 8. Oktober
1999
Schattierungen
zwischen Freund und Feind
«Friendly Tribes»
Von Richard Anderegg, Washington
Gleichsam als Metapher
zur Darstellung der Mühe, welche die Vereinigten Staaten
bei der politischen Beurteilung anderer Staaten ständig bekunden,
mag eine Ge-
schichte aus dem Kongo dienen. Die Anekdote stammt aus dem Jahre 1960.
Damals
hatte die Uno beschlossen, die belgischen Truppen durch Uno-Kontingente
zu erset-
zen. In diesem Zusammenhang fragte ein Kongolese im Landesinneren einen
Jour-
nalisten besorgt: «Sind die Neuen, die da kommen, "friendly
tribes"?» Auf deutsch:
«Sind es freundliche, friedfertige Stämme?»
Die Frage, ob es sich
um Freund oder Feind handelt, wird nicht nur von den «Boys»
im Felde,
sondern auch von den Politikern zu Hause gestellt, wenn wieder einmal
GIs irgendwo in der
Welt eingesetzt werden. Bei einem Einsatz von Bodentruppen im Kosovo-Krieg
würde es sich
bei Albanern wohl um «friendly tribes», bei Serben um «unfriendly
tribes» gehandelt haben. Da-
zwischen gibt es für die Amerikaner nichts, alles Neutrale ist verhasst,
«unfriendly» demnach.
USA verlangen Anpassung
Die Amerikaner kennen
nur schwarz oder weiss. Entweder gelingt es, die massgebenden
Staaten der Welt an seiner Seite zu haben, Staaten, von denen selbstverständlich
erwartet
wird, dass sie Sitten und Gebräuche Amerikas (oder auch einfach nur
«die beste Demokratie
der Welt») übernehmen, oder aber es bestehen schwerwiegende
Differenzen, bei denen mit
Bedauern festgestellt wird, dass man diesen Staaten mit Misstrauen, also
unfreundlich entge-
gentreten muss. Eine Anpassung Amerikas kommt nicht in Frage: Bekanntlich
vertreten die
USA ja den besten Zustand einer Gesellschaft, die weltweit ein Ideal darstellen
soll. Entwick-
lung soll stattfinden, aber selbstverständlich nur bei den andern
im Sinne einer Angleichung
an das amerikanische Ideal.
Diese missionarische
Einstellung wird in der jetzigen Regierung sowohl von Aussenministerin
Albright, Sicherheitsberater Berger, Verteidigungsminister Cohen wie auch
von den meisten
massgebenden Senatoren und Abgeordneten der Legislative vertreten.
Gegen diese Haltung
wird insbesondere aus den Reihen von Historikern und Politologen zuneh-
mend Kritik laut. Die öffentliche Debatte um Staatskunst, internationale
Probleme und Gesell-
schaft ist in den Vereinigten Staaten von einer publizistischen Vielfalt
und Lebhaftigkeit, um
die man die Amerikaner nur beneiden kann. Von der gouvermentalen Haltung
abweichende po-
litische Literatur hat in Amerika eine alte und bewunderungswürdige
Tradition. Viele gescheite
Gedanken wurden mit ihr in den letzten beiden Jahrhunderten verbreitet.
Allerdings vermag die
politische Literatur nur selten die politischen Entscheide der Gewählten
zu beeinflussen. Zwar
werden im Kongress wie auch in der Regierung solche politischen Texte
zwecks Beweises der
eigenen Belesenheit der Redner gerne zitiert - die Entscheide sodann aber
werden nach hand-
festen Tagesbedürfnissen gefällt.
Einwände gegen
USA-Aussenpolitik
Immerhin befasst sich
eine steigende Zahl von Autoren und Publikationen mit den Gefahren
eines imperialen und verständnislosen Amerika für die Welt und
für Amerika selbst. Dabei ge-
langt der Gedanke zum Ausdruck, dass Amerika nicht nur zunehmend und auf
gefährliche
Weise anmassend werde, sondern dass es seinen Bürgern und denjenigen
anderer Nationen
auch unerträgliche Kosten aufbürde. Einer dieser kritischen
Autoren, C. W. Maynes, Vorsit-
zender des «Denktanks» Eurasia Foundation, richtete letztes
Jahr in einer angesehenen Pu-
blikation harte Worte an die Adresse von Regierungsoffiziellen wie Frau
Albright, welche die
Haltung eines Amerika als «the indispensable nation» vertreten
1). Ein anderer Autor, der be-
kannte Politologe P. Huntington, äusserte kürzlich die Befürchtung,
dass Amerikas Hegemo-
nie nicht funktioniere und dass Washington nicht fähig sei zu erkennen,
dass es nicht mehr
die unbestrittene dominante Rolle spielen könne, wie dies Ende des
Kalten Krieges der Fall
war 2). Der genannte Autor hatte schon
in einer früheren Publikation die Notwendigkeit der
Toleranz der Völker untereinander hervorgehoben 3).
Ein weiterer politischer
Autor schliesslich, Garry Wills, geht mit der amerikanischen Aussen-
politik hart ins Gericht. Amerika bezeichne sich als «Führer
der freien Welt», übe aber diese
Führung nicht im Einverständnis mit dem amerikanischen Volk
aus. Im 21. Jahrhundert werde
Amerika anerkennen müssen, dass es auch noch eine Welt ausserhalb
seiner Grenzen gebe,
deren Meinungen zur Kenntnis genommen werden müssen 4).
Die genannten Literaturstellen
aus den Werken von kritischen Politologen bilden bloss eine
Spitze des Eisbergs. Die amerikanische Muskelpolitik wird in Amerika selber
immer vehemen-
ter verurteilt. Mögen diese Kreise im Moment auch noch zahlenmässig
gering sein, so stellt
sich doch die Frage, wie lange es noch dauert, bis diese intellektuellen
Stimmen auf die Poli-
tik durchschlagen.
Für das bevorstehende
Wahljahr 2000 darf man in solche Kritik-Stimmen nicht allzu viel Hoff-
nung setzen. Aussenpolitische Fragen interessieren bei Wahlen nur wenig.
Im Vordergrund
stehen vielmehr die Themen Steuern, Schule, Kriminalität, die Abtreibungsfrage
sowie sozial-
und krankenversicherungspolitische Anliegen - Amerika ist eine Insel,
die sich mit sich selbst
beschäftigt.
Es ist schwierig vorauszusagen,
was für eine Aussenpolitik ein zukünftiger Präsident Gore
füh-
ren würde. Grosse Veränderungen wären in einem solchen
Fall nicht zu erwarten. Was Gores
Rivale Bradley betrifft, hat dieser aussenpolitisch noch keinerlei Profil.
Aussenpolitische
Ignoranten
Vom «Gelben
Trikot» der bisherigen Wahletappen bei den Republikanern, von George
Bush
junior, kann eine auf Verständnis beruhende Aussenpolitik nicht erwartet
werden. Bush ist,
was den Rest der Welt betrifft, ein völliger Ignorant. Über
diese Tatsache werden in Amerika
sogar Witze gemacht. Dies wiederum beweist, welche unbedeutende Rolle
die Aussenpolitik
bei Wahlen spielt. Die einzige Figur in der politischen Wahllandschaft,
die ein vertieftes Ver-
ständnis für aussenpolitische Fragen zu haben scheint, ist der
Senator von Arizona, John Mc
Cain, der als einziger parteiinterner Konkurrent von Bush bei Umfragen
die Schwelle von zehn
Prozent überschreiten konnte. Dieser relative Erfolg hat allerdings
nicht mit seinen vernünftigen
aussenpolitischen Ansichten zu tun, sondern mit seiner patriotischen Haltung
und seiner Ver-
gangenheit als Kriegsgefangener in Nordvietnam.
Die bedenkliche, geradezu
imperialistische Art, mit der Washington seine Aussenpolitik plant
und durchführt, gerät somit vermehrt in die Kritik des akademisch-politischen
Establishments
der USA. Die «New York Times» des vergangenen Sonntags gab
Äusserungen eines Ex-CIA-
Chinaspezialisten wieder, die auf ein differenzierteres, vom bisherigen
blossen Freund-Feind-
Schema abweichendes Denken schliessen lassen: «Aus lauter Fehlern,
gewissermassen rück-
wärts stolpernd, kommen wir zu einer realistischeren Ansicht: Wir
müssen mit anderen gros-
sen Ländern zusammenleben, die zwar nicht unsere Freunde sind, aber
auch nicht unsere
Feinde.» Bis sich dieses Denken allerdings auf breiter Linie durchsetzt,
wird es wohl noch
seine Zeit dauern.
Richard Anderegg
1)
Foreign Policy, Sommer 1998, Charles William Maynes, The Perils of (and
for) an Imperial
America.
2) Foreign Affairs (ehemals For. Aff.
Quarterly, erscheint jetzt sechsmal jährlich), März/April
1999, Samuel P. Huntington, The Lonely Superpower.
3) P. Huntington, The Clash of Civilizations
and the Remaking of World Order, Simon & Schu-
ster, 1996.
4) Foreign Affairs (vergleiche Fussnote
2 hiervor), Garry Wills, Bully of the Free World.
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