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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer
am 8. Oktober 1999 zur Wahl in Österreich

Hass-Wahl

So um die 1,2 Millionen Österreicherinnen und Österreicher haben sich - so man den
vom Zürcher Tages-Anzeiger in dieser Sache verbreiteten Wortschatz übernimmt - am
vergangenen Wochenende für «den Hass» entschieden. Sie haben die Intoleranz, die
Provinzialität, den Nationalismus und die Ausgrenzung gewählt, und dies alles erst
noch in eine braune Sauce getunkt.

Solche Jauche giesst dieser Tages-Anzeiger über unsere Nachbarn im Osten. Wer den von
diesem nach Weltblatt-Ruhm dürstenden Organ verordneten, als «Öffnung» deklarierten Inter-
nationalismus nicht mitmacht, dem gegenüber fallen offensichtlich alle verbalen Hemmungen,
der wird pauschal und schonungslos verunglimpft, regelrecht in den Boden gestampft - pau-
schal, ohne Ausnahme. Man ist zu sagen versucht: totalitär!

Oder meinen die verbalen Beleidiger aus Zürich am Ende gar nicht Haider, wenn sie derart
hemmungslos vom Leder ziehen? Meinen sie gar eher Blocher, gegen den sie alles, was ih-
nen gerade greifbar ist, zum Feldzug zu mobilisieren versuchen? Obwohl gerade Christoph
Blocher (im Gegensatz zu einigen Schweizer Freisinnigen) Einladungen zu politischen Auftrit-
ten in Österreich, von welchen er mehrere erhalten hat, konsequent abgelehnt hat: Es sei an
den Österreichern allein, über den Beitritt oder Nichtbeitritt ihres Landes zur EU zu entschei-
den; Ratschläge aus Nachbarländern seien dazu so deplaziert, wie österreichische Ratschlä-
ge an die Schweizer - merken Sie sich's, Herr Wolfgang Schüssel! - in gleicher Sache über-
flüssig seien. Und auch die Wahl des Parlaments sei allein Sache der Österreicher, grenz-
überschreitende Belehrung sei auch in dieser Angelegenheit fehl am Platz.

Was also ist es, das nach Haiders Wahlsieg den Hass von Schweizer Medienschaffenden
derart anstachelt, dass Wählerinnen und Wähler in einem Nachbarland mit Absichten in Ver-
bindung gebracht werden, die ihres zutiefst beleidigenden Charakters wegen eigentlich vor den
Richter gehörten? Ist es die Tatsache, dass da mehr als eine Million Österreicher jenes Selbst-
bestimmungsrecht für sich in Anspruch genommen haben, das all jenen am meisten im Wege
steht, denen die Einbindung von allem und jedem ins Brüsseler Einheitssystem Anliegen über
alles ist? Wer geschriebene und gesprochene Worte derart mit Hass tränkt, der muss an sei-
ner heikelsten Stelle getroffen sein - dem geht es um Macht, um nichts anderes als Macht.
Um jene - von Funktionären und Massenblatt-Herrschern gesuchte - Macht, die gleichgeschal-
tete, eingeebnete Bedingungen braucht, damit sie sich durchsetzen kann. Das Feindbild die-
ser Machthungrigen ist der Föderalismus, das demokratische Selbstbestimmungsrecht. Nur
wo der freie Bürger zum als Einzelner nicht mehr erkennbaren Teil einer gesichtslosen Masse
wird, nur dort kann sich der Machthunger der Gleichschalter durchsetzen.

Ulrich Schlüer

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