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Nr.
20, 8. Oktober 1999
Gedanken zum fortschreitenden
Abbau der Wochenarbeitszeit
Die 35-Stunden-Illusion
Von Oliver Landmann, Freiburg i. Br.
In den Ländern
der EU ist die Arbeitslosigkeit erneut angestiegen. Die Arbeitslosen-
quote liegt bei 10,3 Prozent und ist damit viermal so hoch wie in der
Schweiz. Die
Arbeitsplatzpolitik der EU ist eine Kette gescheiterter Konzepte. Eines
davon aus jün-
gerer Zeit war die 35-Stunden-Woche. Trotz des offensichtlich fehlenden
positiven
Zusammenhangs zwischen der Länge der Arbeitszeit und der Höhe
der Arbeitslosig-
keit geistert die 35-Stunden-Woche auch in den Köpfen schweizerischer
Gewerkschaf-
ter herum. Schon vor einiger Zeit hat sich Professor Oliver Landmann,
ordentlicher
Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre an der Universität
Freiburg i. Br., in
einem Artikel der «Basler Zeitung» mit dem Thema Arbeitszeit-
reduktion auseinander-
gesetzt. Nachstehend geben wir den Text, der heute nichts an Aktualität
eingebüsst
hat, mit Einverständnis der genannten Zeitung und des Autors ungekürzt
wieder.
Der Druck auf die
Politik, etwas gegen die Arbeitslosigkeit zu unternehmen, wächst.
Dabei ist
das Problem nicht neu. Der trendmässige Anstieg der Arbeitslosenraten
hat in Europa schon
in den 70er Jahren eingesetzt. Regierungen aller Schattierungen haben
diese Entwicklung nicht
zu verhindern vermocht, obwohl sie nicht müde werden, die hohe Priorität
zu betonen, die der
Senkung der Arbeitslosigkeit beizumessen sei. Warum findet die Politik
keine Lösung? Eines
kann man sicher nicht behaupten: Dass es an Hinweisen fehle, wie den Problemen
beizukom-
men wäre.
International renommierte
Forschungsinstitutionen wie das Center for Economic Policy Re-
search in London, aus Wissenschaftlern zusammengesetzte Beratungsgremien
wie der Deut-
sche Sachverständigenrat, internationale Organisationen wie die OECD:
Sie alle haben immer
wieder fundierte Berichte mit Empfehlungen vorgelegt, die sich über
die allgemeine Stossrich-
tung einer erfolgversprechenden Beschäftigungspolitik einig sind.
Arbeit steuerlich
entlasten
Zu den Kernpunkten
dieser Empfehlungen gehören: die fiskalische Entlastung der Arbeit,
vor
allem der niedrig entlohnten; die Lockerung übertriebener Beschäftigungsschutzbestimmun-
gen; der Ausbau von Programmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik zu Lasten
zeitlich unbegrenz-
ter passiver Unterstützungszahlungen für Arbeitslose; der Abbau
von staatlichen Eingriffen in
die Lohnbildung, die eine produktivitätsgerechte Differenzierung
der Löhne verhindern; die Ver-
meidung gesetzlicher Bestimmungen, welche die sozialen Sicherungssysteme
für die sozial
Schwächsten und für Langzeitarbeitslose zu eigentlichen Armuts-
bzw. Arbeitslosigkeits-«Fal-
len» werden lassen.
Ängstliche
Politiker
Diese Massnahmen haben
eines gemeinsam: Sie sind zwar geeignet, Arbeitsplätze zu schaf-
fen und das Volkseinkommen zu vergrössern, aber sie bedeuten auch,
dass sich der Wettbe-
werb um Arbeitsplätze verstärkt und sich damit die Verhandlungsposition
von Beschäftigten
mit bisher gesicherten Arbeitsplätzen und Löhnen verschlechtert.
Doch welcher Politiker wür-
de es riskieren, einen Grossteil der 89 Prozent Arbeitsplatzbesitzer zu
verärgern, um die Be-
schäftigungschancen der elf Prozent Arbeitslosen zu verbessern? Wesentlich
populärer ist es,
etwas zu verordnen, was nach aller Erfahrung beschäftigungspolitisch
zwar nur Illusionen weckt,
wovon dafür aber eine Mehrheit der Bevölkerung hofft zu profitieren:
kürzere Arbeitszeiten. So-
wohl in Frankreich als auch in Italien haben sich die derzeitigen Regierungen
auf die gesetzli-
che Verankerung der 35-Stunden-Woche festgelegt, und in Deutschland visieren
die Gewerk-
schaften bereits die 32-Stunden-Woche an - immer mit dem Argument, dass
hierdurch mehr
Arbeitsplätze entstünden.
Trend ohne positive
Wirkung
Die Verkürzung
der Arbeitszeiten ist ein historischer Trend, der letztlich aus dem Bedürfnis
resultiert, wachsenden Wohlstand nicht nur in Form von immer mehr Konsumgütern,
sondern
auch in Form von mehr Freizeit zu geniessen. Diese Trendentwicklung ist
in verschiedenen
Volkswirtschaften unterschiedlich weit gegangen. Vor allem zeigt sich,
dass im internationa-
len Querschnitt nichts auf einen systematischen positiven Zusammenhang
zwischen der Län-
ge der Arbeitszeit und der Höhe der Arbeitslosigkeit hindeutet. Im
Gegenteil: Die langen Ar-
beitszeiten Japans, der Schweiz und der USA standen bisher einer vergleichsweise
günstigen
Beschäftigungssituation nicht im Wege, während umgekehrt der
Arbeitsstunden- Minusrekord
des «Freizeitparks Deutschland» (Originalton Helmut KohI)
offenbar nicht verhindern konnte,
dass sich die Zahl der Arbeitslosen dort schon bedenklich der Fünf-Millionen-Grenze
nähert.
Gescheiterte Strategien
Die Vorstellung, dass
die Arbeit wie ein Kuchen von vorgegebener Grösse sei, den man nur
gerechter verteilen müsse, ist volkswirtschaftlich falsch. Eine Beschäftigungspolitik,
die den
Kuchen nicht vergrössern kann, verdient ihren Namen nicht. Vieles
spricht sogar dafür, dass
die Umverteilungsstrategien den zu verteilenden Kuchen eher kleiner machen.
Auf jeden Fall
zum Scheitern verurteilt ist der Versuch, den Kuchen in mehr Stücke
zu schneiden und gleich-
zeitig den Nährwert pro Stück, das Einkommen, konstant zu halten.
Die Schweiz steht mit ih-
rer Arbeitslosenquote trotz dem Anstieg der letzten Jahre im internationalen
Vergleich noch
gut da. Dies verdankt sie unter anderem der Tatsache, dass sie die schlimmsten
Auswüchse
der Arbeitsmarktordnungen ihrer grossen europäischen Nachbarn nicht
imitiert hat und sich
dadurch einen in mancher Hinsicht ganz uneuropäisch flexiblen Arbeitsmarkt
bewahren konnte.
Die 35-Stunden- Illusion eignet sich nicht zur Imitation.
Oliver Landmann
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