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Selbsternannter Star-Autor von durchschnittlicher Schäbigkeit
Adolf Muschgs Polemik gegen die Schweiz
Von Ernst R. Borer, Zürich
Das grosse deutsche Wochenblatt «Rheinischer Merkur» veröffentlichte am 7. August 1998 ein Interview mit Adolf Muschg über das Ende der schweizerischen Neutralität.
Dabei konnte es Muschg nicht lassen, die Mentalität seiner Landsleute aus der Perspektive des Links-Intellektuellen zu «analysieren». Dass die Schweizer als «die Kriegsgewinnler» aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen, diese Diffamierung wird in gewissen Medien permanent kolportiert, um uns zum Schweigen und zum Zahlen zu bringen. Muschgs Qualifikation seiner Landsleute ist hingegen die einer polemischen Keule: «Wir sind nicht anders als die anderen Europäer. Wir sind ein durchschnittliches und eben auch durchschnittlich schäbiges Volk.»
Eine herablassend beleidigende Äusserung eines führenden Literaten, welche die in Brüssel herrschenden Kommissare genüsslich zur Kenntnis nehmen werden, um ihre schweizerischen Verhandlungspartner entsprechend einzuordnen.
Salär: schäbig?
Wenn sich Adolf Muschg des Begriffes «schäbig» bedient,
dann muss die schweizerische Öffentlichkeit immerhin wissen, dass dieser ETH-Professor
ausgestattet ist mit all jenen staatlichen Privilegien, derer sich Links-Intellektuelle so
gerne erfreuen: Monatlich trägt er etwa 25000 Franken aus der Staatskasse nach Hause.
Alles andere als schäbig ist dabei die Toleranzfähigkeit dieses Volkes bezüglich der
Duldung von Anti-Schweizern. Diese werden nicht nur zur Teilhabe an allen demokratischen
Errungenschaften zugelassen, die diffamierenden Ausfälle gegen die eigenen Landsleute
werden hierzulande sogar noch staatlich honoriert.
EU-Übungen
Angesichts der Faszination, die ein EU-Beitritt auf
Muschg ausübt, muss es ihm geradezu peinlich sein, wenn im gleichen «Rheinischen
Merkur» am 24. Juli 1998 Muschgs deutsches Pendant, der Schriftsteller Günter Grass,
die Haltung der Schweiz der EU gegenüber bemerkenswert respektvoll einschätzt. Grass
hebt das ausgeprägte Demokratieverständnis in unübersehbarer Diskrepanz
zur Bewertung der freiheitlichen Demokratie durch Adolf Muschg gebührend hervor.
Grass, sich der gleichen politischen Richtung zugehörig fühlend wie Muschg, zog folgende
Bilanz zum aktuellen Erscheinungsbild der Europäischen Union:
«Der Zustand, den wir jetzt haben und ich sehe nach wie vor da keinen Veränderungswillen ist wohl der, dass wir in Strassburg ein Spielparlament haben, mit unzureichenden Kompetenzen, wo die Entscheidungen von einer Kommission oder von einem Ministerrat getroffen werden, ohne dass ein Parlament die Möglichkeit hat, dort einzugreifen, nachzufragen und eigenen Willen zu artikulieren. Das kommt nicht zum Tragen. Diese fehlende demokratische Substanz könnte von Übel sein, wenn man da nicht korrigierend eingreift.»
Offensichtlich hat die Erinnerung an die verheerende Hinterlassenschaft des Realsozialismus mit seiner Büro- und Bonzokratie bei Grass tieferen Eindruck hinterlassen als bei Muschg. Im Gegensatz zu Muschg wirbt Grass um Verständnis für die Befürchtungen kleinerer Staaten, weil so Grass «das derzeit sich entwickelnde Europa zu sehr ökonomisch bestimmt ist.»
Man gerät geradezu in Versuchung, dem Leser eine Quizfrage zu stellen: Welcher der beiden Autoren ist als Ideologe, welcher als Realist einzustufen?
Übungen in Psychologie
Muschg doziert dann weiter: «Die grösste Differenz der
Schweiz zu Europa ist psychologischer Art», behauptet er unter völliger
Ausklammerung des ausgeprägt hohen Grades an politischem Wissen und politischer Bildung
der Schweizerinnen und Schweizer, gewachsen aus der Tradition der direkten Demokratie.
Zu ihrer Erfahrung, herangereift im alltäglichen Umgang mit politischen Fragen, gehört
auch ein sensibilisiertes Verhältnis zu den Menschenrechten, zum Selbstbestimmungsrecht
der Völker, woraus die klare Ablehnung jeglicher Fremdbestimmung resultiert. Muschgs
Auslassungen an die Adresse der Schweiz und der Schweizer erinnern an Ausführungen des
Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz in dessen Buch «Verführtes Denken»:
Dieser mahnt (übrigens in bemerkenswerter Übereinstimung mit Lenin), dass den
Gedankengängen von Links-Intellektuellen gegenüber besondere Wachsamkeit und Vorsicht
geboten sei.
Machtpolitik
Niemand dürfte es bestreiten: In der EU geht es auch um
knallharte Macht- und Parteipolitik. Im Juli 1997 tagte in Malmö der dritte
Kongress der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE), an welchem hoch- und
höchstrangige Funktionäre aus fünfzehn sozialdemokratischen Parteien aller EU-Länder
teilnahmen. Als amtierender Chef dieses Zusammenschlusses verkündete der Vorsitzende der
SP-Fraktion im Deutschen Bundestag, Rudolf Scharping, unumwunden: «Wir
Sozialdemokraten haben eine qualifizierte Mehrheit in der EU. Nun können wir uns von
ihrem Kurs nicht mehr distanzieren. Wir werden ihn bestimmen.»
Damit nicht genug. Hinter der SPE steht was kaum wahrgenommen wird der sozialistisch dominierte Europäische Gewerkschaftsbund (EGB), welcher in der EU mit seinen insgesamt vierzig Millionen Mitgliedern (Stand 1990) seinen Einfluss parallel zur SPE zusehends verstärkt. Der Machtkoloss SPE/EGB und in dessen Windschatten die Grünen und Christlichsozialen, diktieren faktisch den EU-Kurs. Die USA haben Brüssel einen Weg aufgezeigt, wie man die Schweiz in die Knie zwingen kann und auf was für Adressen gegebenenfalls in der Schweiz Verlass ist, wenn ähnlich geartete Aktionen geplant werden.
Faszination der Grösse
Angesichts des faktischen Zustands der EU wäre Adolf Muschg
aufzufordern, zunächst einmal seine Faszination für ein sozialistisch-zentralistisches
Europa zu begründen. Ob er auch fähig wäre, dieses zentralistisch-sozialistische Europa
frei von ideologischem Raster einmal kritisch zu hinterfragen, bevor er die Verteidiger
der freien und direkten Demokratie im Ausland abfälliger Kritik unterzieht?
Der allenthalben spür- und sichtbare Vandalismus gegenüber der abendländischen Werte-Ordnung wirkt vor allem auf unsere Jugend. Er schafft die Voraussetzungen für deren Unsicherheit, teilweise deren Zukunftsängste, für einen Zeitgeist, dem Geist völlig abhanden gekommen zu sein scheint. Wie denn sollen jüngere Generationen politische Reife erlangen, wenn Informationen zuvor von einem «Wahrheitsministerium» à la Orwell gefiltert werden, um anschliessend deformiert in die Köpfe gepresst zu werden? Widerstand wäre angesagt gegen eine Entwicklung, wie sie einst von Bert Brecht zwar sarkastisch, aber wirklichkeitsnah charakterisiert worden ist:
«Hinter der Trommel her
trotten die Kälber.
Das Fell für die Trommel
liefern sie selber.»
Eine Präventionsmassnahme scheint angezeigt. Damit das von Muschg als «schäbig» diffamierte Volk den jetzigen Besitzstand an Souveränität wenigstens wahren kann, muss es von seinen mit roter Nelke geschmückten Trommlern glaubwürdiger als bisher auf Distanz gehen.
Ernst R. Borer