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Verunstaltete Tellspiele 1998
«Bleib weg von Altdorf!»
Ein Kommentar von alt Nationalrat Dr. Hans-Ulrich Graf, Bülach ZH
Die Altdorfer Tellspiele haben mit einer alten Tradition gebrochen. Anstelle von Friedrich Schillers Freiheitsdrama wird «Gasthof Wilhelm Tell» präsentiert eine eigentliche Verhunzung von Schillers Tell. Alt Nationalrat Dr. Hans-Ulrich Graf kommentiert die «Neuerung» wie folgt:
Schillers Freiheitsdrama «Wilhelm Tell» ist durch eine «Regie-Tat» der jungen
Ostschweizerin Barbara Schlumpf offensichtlich zu einem modernen, unserer oberflächlichen
Zeit und Welt entsprechenden Unterhaltungsstück umfunktioniert, zugeschnitten,
insbesondere aber verfälscht worden. Wer Schillers «Wilhelm Tell» kennt und liebt, und
in all seinen einfühlsamen, tiefschürfenden und dem Land und der Heimat verbundenen und
verpflichtenden Szenen und Passagen gepackt, ja aufgewühlt wird, kann über diese frivole
Umgestaltung nur den Kopf schütteln.
Die Verantwortlichen der Altdorfer Tellspiele haben nicht nur mit ihrer 100jährigen Tradition gebrochen, sie haben sich wenig mutig hinter einer jungen Regisseurin versteckt und ihr weitestgehend freie Hand gelassen; letztendlich haben sie Verrat begangen an Friedrich Schiller, indem sie sein Werk dem aggressiven Zeitgeist vorwarfen. «In der Gaststube und nicht in der Hohlen Gasse bringt Tell den Landvogt Gessler um meuchlings und nicht wie ein Held», wird von der Première berichtet. Welch ein Jammer! Gerade die Hohle-Gasse-Szene, die mit dem Tode Gesslers endet, wird doch mit jenem packenden Selbstgespräch Tells eingeleitet, in welchem er mit sich ringt, ob er Gessler töten soll, töten muss und insbesondere töten darf. Und jetzt also, nach neuer Altdorfer Fassung, bringt Tell Gessler nicht wie ein Held, sondern meuchlings und erst noch in einer Gaststube um.
Vor mehr als 60 Jahren legten die Schweizer Kinder ihre Batzen zusammen, um das Gelände der Hohlen Gasse für alle Zeiten zu bewahren und zu erhalten. Für einen Meuchelmörder hätten sie dies ganz einfach schon deshalb nicht tun können, weil einem solchen Friedrich Schiller kein Freiheitsdrama zugeeignet hätte. «Bleib weg von Altdorf!» sagt Hedwig in «Schillers Tell» zu ihrem Mann.
Die «Schweizerzeit»-Leser werden sich diesen Ratschlag zu Herzen nehmen.
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