Nr. 20, 11. Juli 2008

622. Sempacher Schlachtjahrzeit am 28. Juni 2008
Unser republikanisches Erbe

Festansprache von Dr. Pirmin Meier, Lehrer und Schriftsteller, Rickenbach LU

Das Schlachtjahrzeit von Sempach ist der älteste historische Gedenktag, den wir in der Schweiz begehen dürfen. Es wurde schon in ältesten Zeiten begangen, bereits in den Jahren der Burgunderkriege und von Bruder Klaus.

Die Redewendung«I chome vo de Schlacht»hiess bei uns nicht, dass einer als Krieger von einer Schlacht heimgekehrt sei. «Schlacht»ist in Hildisrieden ein Flurname, gemeint das Schlachtfeld, die Schlachtkapelle, der Ort, wo das «Schlachtjorzet»abgehalten wird. «Ich chome grad vo de Schlacht»bedeutete auch, dass man eine Wallfahrt ans Schlachtfeld zu Sempach gemacht habe. Dabei war dem «Schlachtbruder», dem Einsiedler, der die Schlachtkapelle als Siegrist betreute, eine milde Gabe zu überreichen.

Zur Schlachtfeier kamen regelmässig Arme, Bettler, sozial Deklassierte, weil eine Armenspende, etwa dem heutigen Fastenopfer entsprechend, mit zum Brauchtum des «Schlachtjorzet» gehörte. Unser Anlass gehört in diesem Sinn zu den ältesten humanitären Traditionen in der Geschichte unseres Landes. Dazu passt das Totengedenken.

In diesem Sinne finde ich die Fragen der Schüler von Schötz zur Schlacht bei Sempach wichtig und bewegend. «Wivil Mönsche hend dänn an dere Schlacht bi Sempach teilgno?» Nach den Chroniken waren es etwas mehr als 1'500 Eidgenossen, nämlich vierhundert Luzerner, neunhundert Urner, Schwyzer, Nidwaldner und Obwaldner, dazu zweihundert Entlebucher und Rothenburger, nicht zu vergessen ein paar Häuflein Glarner und Zuger.

Teure Profis

Da es damals keine Bataillonsreglemente gab, die durchaus motivierte Teilnahme an der Schlacht so freiwillig war wie heute die Teilnahme an der Fasnacht, könnten es am Ende auch gegen zweitausend Mann, auch Jugendliche, sogenannte Kindersoldaten gewesen sein. Bei den sogenannten Österreichern (mit Aargauern und sogar Michelsämtern), meist beritten, waren vier- bis sechstausend Mann mit von der Partie. Das waren zum Teil teure Profis, also Berufsritter. Um sie zu bezahlen, hatte Herzog Leopold zwei italienische Städte veräussern und erst noch Schulden aufnehmen müssen. Auf dem Schlachtfeld verblieben 656 Österreicher, darunter fünf Herren von Rinach, zwei Herren von Hallwil, Niklaus Thut von Zofingen und überhaupt viele Aargauer und Thurgauer. Von der eidgenössischen Seite sind um die zweihundert Mann gefallen. Ein gewaltiges Massaker. Die Zahl aller Toten von Sempach entspricht ungefähr der Gesamtzahl der Verkehrstoten in Österreich und in der Schweiz im Jahre 2007. Papst Johannes Paul II. nannte dies einmal die «Kultur des Todes».

Dichtender Schreiner

Einer der frühesten Teilnehmer an dieser Gedenkfeier hiess Hensli Halbsuter. Gebürtig von Root, war er von Beruf Schreiner, im Nebenberuf Dichter und Sänger. Als junger Mann in Luzern eingebürgert, brachte er es zum Schützenmeister und amtete zeitweilig zum Gerichtsweibel. Bei den Burgunderkriegen, also Generationen nach der Schlacht bei Sempach, wurde der nachmalige Sänger des Sempacher Schlachtliedes verwundet. Ein sogenannter Krüppel. Das bedeutete in der damaligen Zeit Armut. Anstelle von Bänken und Stühlen stellte er nun Texte und Lieder her. Der berühmteste seiner Texte ist das aus 63 Strophen bestehende Sempacherlied. Ein historisches Dokument, hören wir doch darin zum ersten Mal, im Zusammenhang mit «unserer» Schlacht, den Namen Winkelried.

Dazu der frühere Luzerner Staatsarchivar Theodor von Liebenau:

«Halbsuter hat den Opfertod Winkelrieds erst dann besungen, als er von der Schlacht von Grandson und Murten heimkam, aber statt des Lebens die Gesundheit und Arbeitskraft einbüsste.»

Nach einem bekannten Scherzwort war Winkelried mit seinem Spruch «Sorget für mein Weib und meine Kinder!» so etwas wie der Gründer unserer Sozialwerke AHV und IV. Schaut man die Hintergründe des Sempacherliedes genauer an, handelt es sich tatsächlich auch um einen Aufruf zur sozialen Solidarität.

Wenn Halbsuter Winkelried zitierte, ging es ihm um ganz konkrete Solidarität mit den Verwundeten im Kampf gegen Karl den Kühnen. Der Dichter des Sempacherliedes lebte in bitterer Armut. Über seine Ausgaben führte er sorgfältig Buch. «Halbsuter durch Gott geben uss»steht da jeweils, über jeden Schilling, den Halbsuter ausgab, legte er sich vor Gott Rechenschaft ab. Nach dem Sempacherlied hätte der invalide Halbsuter im Auftrag der Stadt Luzern auch noch ein Tellenlied schreiben sollen. Der Tod hat ihm die Feder aus der Hand genommen.

Die 63. Strophe des Sempacherliedes lautet:

«Halbsuter unvergessen
also ist er genannt
zuo Luzern ist er gesessen
er was gar wohl erkannt,
he, er war ein bidermann,
dis Lied hat er gemachet,
als ab der Schlacht er kam.»

«Als ab der Schlacht er kam» – heisst, er sei, etwa neunzig Jahre nach dem Massaker, direkt vom «Schlachtjorzet»gekommen und habe darauf das Lied gedichtet. Tell und Winkelried bleiben unvergessen.

Aber was wären diese Helden ohne diejenigen, welche ihre Geschichte erzählt oder gar in Verse gefasst haben? Beide Geschichten sind ungefähr gleichzeitig aufgeschrieben werden. Hensli Schriber, aus Obwalden, der Schreiber auch von Bruder Klaus, hat um 1470 im Weissen Buch von Sarnen die Geschichte von Wilhelm Tell in der heutigen Form zum ersten Mal in schriftliche Form gebracht.

Am Tag von Sempach wusste keiner der Krieger, ob er heute den Sonnenuntergang noch sehen würde. Darum begann der Schlachttag mit einem Morgengebet. Herzog Leopold, der Führer der Österreicher, hatte von seiner Grosstante, der Königin Agnes von Ungarn, ein wunderbares Gebetbuch geerbt.

Darin steht für ihn, als Morgengebet, geschrieben:

«Herre, so befil ich dir hüt min lip und mine seele, so wie du Daniel beschirmt hast in der Höhle des Löwen. Erlöse mich von der Hölle und bring mich zum letzten Ende in den Himmel.»

Droben beim Morgenbrotstöcklein haben die Eidgenossen nicht nur ein kräftiges Frühstück genommen, mit Brot, Fleisch, Geflügel und Most, sie haben auch das Schlachtgebet verrichtet, mit «zertanen Armen», wie es üblich war. Die Schlacht selber fand, wie es wörtlich in einer Chronik heisst, zur «Imbissziit»statt. Da war es bekanntlich mörderisch heiss.

«Ach, richter Christ vom Himmel,
durch dinen bittern Tod,
hilf uns armen Sündern,
uss dieer Angst und Not,
helf und tu uns bistan
und unser Land und Lüte,
in Schirm und Schützung han.»

Ob die Tat von Winkelried wirklich so wichtig gewesen ist, wie es die Überlieferung wahrhaben will, wissen wir nicht genau. Auch ist es unwahrscheinlich, dass die Eidgenossen vor der Schlacht gejodelt haben. Hingegen ertönte aber das berühmte Luzerner Harsthorn über das Schlachtfeld, in Altdorf Uristier genannt, in Nidwalden die «Nidwaldner Kuh».

«Myner Herren von Luzern grusenlich Harschhörner, auch der Stier von Uri, solicher Mass erschallen, dass die Vient einen grossen Schrecken darob empfiengent.»

So wird dann im Sempacherlied als ein Kampf der Kuh mit dem Löwen geschildert. Ein gewaltiges Getöse.

Politischer Gehalt

Was in der Weltgeschichte wirklich wichtig wird, macht kaum Lärm. Damit komme ich auf den politischen Gehalt der Schlacht bei Sempach zu sprechen. Der grosse Luzerner liberale Politiker Kasimir Pfyffer hat es 1844 bei seiner Sempachansprache aus der Sicht der damals ins Auge gefassten ersten eidgenössischen Bundesverfassung auf den Punkt gebracht. Was hat der grösste Held der Luzerner, Schultheiss Petermann von Gundoldingen, als letztes Wort gesagt? Es war kein sozialpolitisches Vermächtnis wie bei Winkelried.

Dafür ein Wort, so republikanisch wie kein zweites im ganzen vierzehnten Jahrhundert:

«Lieben Fründ, macht dass bei üs nie einer länger als ein Jahr Schultheiss seye.»

Damit kommen wir zur Frage: Was wäre eigentlich geschehen, wenn die andern, die Österreicher unter Führung des durchlauchtigsten Leopold den Sempacherkrieg gewonnen hätten?

Fragen dieser Art wurden vor Monatsfrist beim Habsburgjubiläum in Königsfelden direkt und indirekt angesprochen. Interessant war nur schon die Handhabung des Protokolls. Der anwesende Erzherzog Rudolf von Habsburg wurde vom aargauischen Landammann und einer Bundesrätin der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit «Ihre königliche Hoheit» angesprochen. Auf der anderen Seite beschränkte sich Österreichs Botschafter bei seiner Rede auf die Anrede «Exzellenzen», um klarzustellen, dass Habsburg für Österreich nur noch eine kulturhistorische, nicht mehr eine politische Realität ist. Ein bemerkenswerter Unterschied. Sicher müssen wir Schweizer nicht mehr beweisen, dass wir Republikaner sind. Aber müssen wir es deswegen verleugnen?

Das letzte Wort des Petermann von Gundoldingen ist ein Vermächtnis an uns. Wir verstehen die Schweiz nicht, wenn wir es nicht verstehen und leben. Die Eidgenossen haben bei Sempach gewonnen, auch im Schwabenkrieg, und sie sind aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (1648) ausgetreten, nicht weil sie besser sind, sondern um dessentwillen, dass wir ein anderes Staatsverständnis haben als es in ganz Europa normalerweise üblich war und ist.

Unser System beruhte nicht, wie man es heute in Frankreich immer noch spürt und natürlich auch in Österreich, historisch auf einer ehemaligen Monarchie, und auch nicht auf dem Hochadel. Unser System bleibt durch und durch republikanisch. Dass bei uns der Nationalratspräsident als der höchste Schweizer gilt, bedeutet, im Sinne Petermanns von Gundoldingen, eigentlich nur: Es gibt keinen höchsten Schweizer. Normalerweise, wenn nicht gerade eine Bundesratsabwahl ansteht, kennt hierzulande fast kein Mensch den Namen des Nationalratspräsidenten oder der Nationalratspräsidentin, und das ist gut so. Sobald ein Bundespräsident wie ein Staatsoberhaupt auftritt oder sich gar im Ausland widerspruchslos als ein solches behandeln liesse, müsste der Bürger einem Politiker dieser Art die rote Karte zeigen oder wenigstens ein gewisses Missfallen ausdrücken. Der jeweilige Bundespräsident steht, wenigstens im Prinzip, im Rang eigentlich nicht höher als ein Regierungsrat oder ein Stadt- und Gemeindepräsident. Er hat lediglich eine andere Funktion. Titel wie König, Kaiser, Führer, Staatsoberhaupt haben in unserem System weder Sinn noch Zweck, mögen wir diese Titeleien im Ausland auch aus gebotenem Anstand respektieren.

Der Basler Gelehrte Jacob Burckhardt hat es um 1848, dem Geburtstag unserer Bundesverfassung, wie folgt zu erklären versucht:

«Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt sei, wo die grösstmögliche Quote der Staatsangehörigen Bürger im vollen Sinne sind.»

Mit dieser unserer republikanischen Haltung haben wir in Europa eine eigene Aufgabe.

Einander gehorsam sein

1356 haben die Königin Agnes und der Herzog Albrecht für das ganze habsburgische Gebiet in den Vorlanden einen grossen Privileg für Waldbrüder und Waldschwestern erlassen. Demselben wurde nachgelebt, im Aargau, im Entlebuch, auf der Brüdernalp und in Heiligkreuz, in Obwalden, Nidwalden, Schwyz und Zug. Ohne diesen althabsburgischen Waldbrüderprivileg gäbe es, nach menschlichem Ermessen, keinen Bruder Klaus. Dieser steht für die eidgenössische Tradition des Friedens, auch für die Art, wie man hierzulande den Frieden schliesst und behält. Das ist aber nicht möglich, ohne dass wir aufeinander hören, aufeinander eingehen, einander gehorsam sind, wie es im Aufgebot zur Landsgemeinde beider Unterwalden aus dem Jahre 1432 geschrieben steht. «Darum muget ir schauen, dass ir einander gehorsam seit.»

Dieser Satz von Bruder Klaus an die Berner, aufgeschrieben von seinem treuen Schreiber Hensli Schriber, ist auch noch heute eine Grundlage der republikanischen Eidgenossenschaft.

Pirmin Meier

Die ungekürzte Fassung wird 2009 in der Sempacher Schlachtzeitung erscheinen.