Nr. 20, 17. August 2007
Moralische
Not in unserer Gesellschaft
Die Diktatur des Relativismus
Von
Gabriele Kuby, Soziologin, Rimsting/Deutschland
Der Lehrerberuf ist zu einer Dompteursaufgabe geworden. Gelegentlich explodiert das Pulverfass in Gewaltexzessen. Eltern und Lehrer haben keine Autorität mehr, weil sich Jugendliche spätestens ab der Pubertät an Gleichaltrigen orientieren, die ebenso unreif, verloren und manipulierbar sind wie sie selber.
Vielen der Alleingelassenen stehen die Haare zu Berge, sie stecken sich Stöpsel in die Ohren, um ihren Organismus unter rhythmischen Strom zu setzen, und flüchten sich mit Drogen in eine Scheinwelt, aus der sie nach jedem Exzess nur umso härter in der Realität aufschlagen. Das, was sie Musik nennen, hört sich vielfach an wie Flugzeugcrash, und die Texte sind oft ein unverhüllter "highway to hell".
Kaum geschlechtsreif, stürzen sie sich in sexuelle Beziehungen, auf die sie im Sexualkundeunterricht in der Schule ab neun Jahren detailliert vorbereitet werden. Sie lernen, dass das einzige Problem mit der Homosexualität darin besteht, dass die Gesellschaft sie noch nicht gänzlich akzeptiert. "Du darfst alles" wird als Freiheit verkauft und ist doch der kürzeste Weg, wie Vernunft und Wille zu Gefangenen der Begierde werden.
Die Medien als "Erzieher"
Jede Gesellschaft ist nur so gut wie ihre Mitglieder, welche Verfassung sie auch haben mag. Deswegen spricht Joseph Ratzinger von den "vorpolitischen moralischen Grundlagen eines freiheitlichen Staates". Diese Grundlagen wurden seit Menschengedenken in der Familie vermittelt: Solidarität, Verzicht, Liebe, Treue, Verlässlichkeit, Pflichterfüllung, Glauben, Bräuche, Tradition. Die Kirche erinnerte alle Generationen in steter Belehrung an das Woher und Wohin des Menschen und an die Gebote, die der halten will, der Gott liebt. Auf diesem Boden konnte Demokratie entstehen. Alexis de Tocqueville beschreibt in seinem philosophischen Reisebericht über Amerika um das Jahr 1830 eindrucksvoll, dass der gelebte Glaube und die Vermittlung in der Erziehung die Voraussetzung der freiheitlichen Demokratie in Amerika sind.
Aber von wem werden die jungen Menschen heute erzogen? Wer ist sich noch sicher, wozu sie erzogen werden sollen? Heute wird die Jugend ganz wesentlich durch die Medien geprägt. Alle Instanzen, die Werte vermitteln wollen, Eltern, Pfarrer, Lehrer, müssen einen oft vergeblichen Kampf gegen den Einfluss der Medien führen. Ein Grossteil der Eltern hat diesen Kampf aufgegeben und stellt schon Grundschülern den Fernseher ins Kinderzimmer. Dazu kommen Playstation, Handy, Video und Internet, Kino und Zeitschriften.
Gewalt und Pornographie
Gewalt, Pornographie und Blasphemie in immer krasseren Grenzüberschreitungen sind Teil der Standardprogramme und sind mit wenigen Knopfdrücken jederzeit zugänglich. Wenn wieder ein Jugendlicher Amok gelaufen ist oder die Kriminalstatistik zeigt, dass die Zahl der minderjährigen Sexualstraftäter in den letzten zehn Jahren auf das Doppelte gestiegen ist - also die Zahl der Jugendlichen, die andere Jugendliche vergewaltigen! -, dann legt sich die Stirn von Zeitungskommentatoren vorübergehend in Sorgenfalten. Aber eine Gesellschaft, die es für böse hält, sich über das Gute zu einigen, ist unfähig, Einhalt zu gebieten.
Wenn Jung und Alt täglich mehrere Stunden Filme sehen, in denen alle Arten von Sünde als normales Leben dargestellt werden, dann wird die entscheidende Instanz der "vorpolitischen Grundlage eines freiheitlichen Staates" zerstört: das Gewissen. Das Radarsystem für die Lebensreise wird ausser Funktion gesetzt.
Das sei Schwarzmalerei? Es gibt doch so viel Gutes! Ja, es gibt viel Gutes. Es gibt intakte Familien, es gibt Millionen Menschen, junge und alte, die gut sein wollen und Gutes tun. Es gibt Millionen Jugendliche, die zu Weltjugendtagen reisen oder in christlichen Gruppen engagiert sind. Werden sie den Mainstream in eine andere Richtung leiten können? Wohin geht der Trend?
Politik: Hilflos
Jedes zweite Wort der Politiker ist "Reform". Hat irgendjemand den Eindruck, dass die Reformen, mal links herum und mal rechts herum, die Krise lösen werden? Wir halten uns für eine rationale, aufgeklärte Gesellschaft. Schliesslich hat der wissenschaftliche Zugang zur Welt den höchsten Bonus in unserer Kultur. Und doch gelangen wir mit der Rationalität nicht an die Wurzel der Probleme, so dass eine Kurskorrektur möglich wäre. Es ist, um nur ein Beispiel zu nennen, erklärungsbedürftig, warum eine Gesellschaft, die vom Geburtenschwund bedroht ist, Abtreibung staatlich subventioniert und Homosexualität propagiert.
Bei den Reformen geht es in erster Linie um die Umverteilung von Geld, vom Bürger zum Staat, vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber, so als wäre die Ursache aller Probleme der Mangel an Geld und seine falsche Verteilung. Aber ist dies wirklich die Ursache? Angenommen der Staat würde jedem ein komfortables Einkommen garantieren, wäre dann die Krise behoben? Brauchten wir dann keine Übereinstimmung mehr darüber, was gut ist, und dass das Gute erstrebenswert ist? Wäre es dann überflüssig, Kinder zum Guten zu erziehen?
Dass wir einige Jahrzehnte in unvergleichlichem Wohlstand gelebt haben, in dem die Illusion entstehen konnte, der Staat wäre tatsächlich ein Garant unserer materiellen Existenz, ist mit eine Ursache der Krise. Nur unter dieser materiellen Voraussetzung konnte die Spassgesellschaft entstehen. Und alle spüren es: Die Spassgesellschaft ist zu Ende.
Aufgewachsen in der Spassgesellschaft
Was wird aus unserer demokratischen Gesellschaft, wenn zur moralischen Not die materielle Not kommt? Wie sollte sie nicht kommen angesichts der oben genannten Probleme! Dass die Sozialsysteme nicht halten können, wenn sie von immer mehr Menschen beansprucht und von immer weniger Menschen finanziert werden müssen, ist Allgemeingut der Talkshows. Wie wird die nächste Generation, aufgewachsen in der Spassgesellschaft, Not und Chaos bewältigen?
Die Manipulierbarkeit und Verführbarkeit des Menschen ist umso grösser, je weniger Bindung er hat. Eine Diktatur braucht atomisierte Individuen. Wer keine Bindungen hat, kann leicht gebunden werden. Wir erleben einen Totalangriff auf alles, was dem Menschen Halt gibt auf Heimat, auf Familie, auf verbindliche Werte, auf Kirche, auf Gott. Wie wird die nächste Generation mit dem Mehrheitswahlrecht umgehen, wenn die Pflöcke des Guten vom Relativismus ausgerissen wurden?
Als Hitler in Deutschland
die Macht übernahm, waren die Familien noch stark und die Kirchen noch
voll. In jedem Dorf gab es einen Pfarrer. Die bürgerliche Elite glaubte
an humanistische Werte. Über Gott und die Wahrheit wurde immerhin noch
gestritten. Und doch, und doch wurden die Nazis 1933 von 43,9 Prozent des
Volkes gewählt - umso weniger, je katholischer eine Gegend war. Welches
"Menschenmaterial" findet der nächste Führer vor oder
- was wahrscheinlicher ist - ein anonymer Moloch Staat, der mit den Mitteln
moderner Psychologie und moderner Überwachungstechnik alle und alles
seiner Macht und Kontrolle unterwirft.
Gabriele Kuby