Nr. 20, 17. August 2007
Freiheit,
Unabhängigkeit und Neutralität: Die Schweiz aus USA-Sicht 1942 (22.
Folge)
Nur keinen Angriff provozieren
Von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg, Windisch
AG
Einerseits verbreitete sich der Glaube, das Kriegsende könne nicht mehr allzu fern sein, beharrlich. Nach wie vor aber war die erdrückende Dominanz der Nationalsozialisten auf dem europäischen Festland harte, deutlich spürbare Tatsache.
Aus diesem Gegensatz von Gefühl und tatsächlicher Lage nährte sich das besondere geistige Klima der Schweiz im August 1942: Jetzt, also wohl recht nahe vor dem Ziel, nur ja nicht noch einen Angriff provozieren! Eine These, die als zusammenfassendes Gesamtbild zwar gewagt ist. Dass, wie immer, sehr viele andere, kleinere und nicht in allen Fällen moralisch ganz einwandfreie Tendenzen, Pläne, Absichten sich in das Gewand des momentanen Zeitgeists kleideten, ist darüberhinaus nicht zu verkennen.
Jene katholische Familie will nach wie vor nicht an die Öffentlichkeit treten, aber es hat sie gegeben: Ihr Ernährer kam 1924 als Niederländer in die Schweiz, heiratete eine Schweizerin, lebte in der Schweiz, wurde aber im August 1942 über die Grenze abgeschoben; ein Vater von sechs Kindern. Die Mutter (die ihr Schweizer Bürgerrecht nach damaligem Recht durch ihre Heirat verloren hatte) war schwanger. Niemand im Reich draussen hat sich jemals nach dieser Familie erkundigt. Sie mussten hinaus in einen Kontinent mitten im Krieg, als unerwünschte Ausländer. Unverkennbar hat hier Fremdenfeindlichkeit einiger Dorfpotentaten eine Rolle gespielt, ebenso unverkennbar ist, in anderen Fällen, ein keineswegs besonders ausgeprägter, aber bei einer Minderheit doch eindeutig vorhandener Antisemitismus am Werk gewesen.
Schwere Sorgen
Die Berichterstattung der amerikanischen Stellen in der Schweiz widmete sich am 6. August den existentiellen Sorgen des Landes, zum Beispiel der Lebensmittel-, konkret der Fleischknappheit. Die Reduktion der Ration auf fünfhundert Gramm pro Person und Monat, meldete Vizekonsul Robert T. Cowan aus Zürich, habe bei vielen Leuten den Eindruck besonderer Strenge hinterlassen. Zurzeit könne überdies an Montagen überhaupt kein Fleisch gekauft werden, an Dienstagen Kalb, Schaf und Schwein. Der Mittwoch sei ein fleischloser Tag, am Donnerstag kämen erneut Kalb, Schaf und Schwein zum Verkauf. Am fleischlosen Freitag finde kein Fleischverkauf vor 16.00 Uhr statt, danach und noch am Samstag dürfe jede Sorte Fleisch verkauft werden. Gegessen werden dürfe das gekaufte Fleisch an jedem beliebigen Tag mit Ausnahme der fleischlosen Tage Mittwoch und Freitag.
Leland Harrison beschäftigte sich am gleichen Tag mit dem am 4. August erlassenen, vom 10. August an gültigen Bundesratsbeschluss, welcher alle Spionagefälle der Militärjustiz unterstelle und Propaganda gegen die Neutralität und die Unabhängigkeit der Schweiz zum Straftatbestand mache. Der Erlass richte sich gegen die Schweizer Nazis und gegen die Kommunisten. Jene Schweizer Nazis, welche in Deutschland ihre Zuflucht gefunden hätten, würden durch die Bestimmung über die Auslandschweizer mit erfasst:
"Die Schweizer Behörden sind jetzt, wo die Lage in Europa in Erwartung von Operationen an der zweiten Front und eines strengen Winters besonders angespannt wird, sorgfältig darauf bedacht, die Neutralität in Tat und Gedanken aufrechtzuerhalten."
Achsenvertreter in der Schweiz seien überaus eifrig daran, bei den Schweizer Behörden gegen Kundgebungen anzukämpfen, welche die Sympathie der Mehrheit der Schweizer für die alliierten Ziele zum Ausdruck brächten. Es sei aufgrund des neuen Erlasses nun möglich, Nazis oder Kommunisten zu internieren, die Schweizer würden aber in ihrer konsequenten Art bei einschlägigen Verstössen auch gegen Leute der Vereinten Nationen (unter diesem Begriff verstand Harrison die Vereinigten Staaten mit Grossbritannien, aber ohne Sowjetunion) vorgehen.
Warnung vor der "Endlösung"
Das war die Zeit, in der Gerhart Moritz Riegner, der geschäftsführende Sekretär der Genfer Niederlassung des World Jewish Congress, und Benjamin Sagalowitz, gestützt auf in der Regel zuverlässige Information aus dem Reich - mehr war angesichts der damaligen Verhältnisse unmöglich -, die USA vor dem deutschen Plan warnten, alle erreichbaren Juden nach Polen zu deportieren und dort zu töten. Das Telegramm vom 8. August 1942 konnte dank der Existenz des amerikanischen Konsulats in Genf nach Washington übermittelt werden.
Fast gleichzeitig, am 7. August, fand eine "Konferenz im Armeestab" statt, in welcher Bundesrat Karl Kobelt die hohen Staatsausgaben (bis Beginn August die damals astronomische Summe von fünf Milliarden Franken) und "die unvermeidlichen Widerstände im Parlament" gegen solche Ausgabenpolitik zur Sprache brachte.
"Der General ruft in Erinnerung, dass wir uns in der Lage der Kriegsdrohung befinden; Huber (damals Generalstabschef, Anm. der Red.) verteidigt die Réduit-Lösung und begründet ihre Erfordernisse."
Kriegsdrohung
Diese vom General wahrgenommene Kriegsdrohung war sehr ernst zu nehmen und stützte sich keineswegs auf Spekulationen; um 23.00 Uhr desselben 7. August notierte Bernard Barbey, dessen Tagebuch wir so viele Wahrnehmungen verdanken:
"Telephonabhördienst: Berlin ruft Ilsemann an und verlangt von ihm eine genaue Erhebung über die Motorfahrzeuge in der Schweiz."
Wozu dieser Auftrag an den deutschen Militärattaché dienen sollte, liegt wohl auf der Hand.
Guisan sagte seinen Vertrauten am Morgen des 8. August, er habe geträumt, "dass das nahe Datum des 15. August für Hitler den Höhepunkt der Kurve darstellen und er nachher den Abstieg beginnen und sein Schicksal sich wenden werde". Solche und ähnliche Träume, Hoffnungen und Erwartungen bestärkten die belagerte Schweiz zwischen Juni 1940 und Juni 1944 zweifellos, durchzuhalten. Ob diese Bereitschaft, durchzuhalten, tatsächlich gegeben war, wurde von den Nationalsozialisten und ihrer Presse sehr sorgfältig beobachtet: Bei den amerikanischen Akten liegt ein Artikel aus den (damals selbstverständlich reichsdeutschen) "Strassburger Neuesten Nachrichten" vom 9. August 1942, welcher den beunruhigenden Titel "Schweizer Dienstmüdigkeit" trägt. Darin ist unter anderem zu lesen:
"Nachdem die ersten befestigten Stellungen am Rhein bzw. in der Nordschweiz gegenstandslos geworden waren, baut man nun im Zentralalpenmassiv unter Ausnützung des Geländes eine kostspielige neue Abwehrstellung, die wiederum mit zahlreichen Festungsbauten bespickt wird. Allein im Schweizervolk macht sich eine allgemeine Dienstmüdigkeit bemerkbar. Vor allem sind es bäuerliche Kreise, die angesichts ihrer übergrossen Beanspruchung durch die Anbauschlacht nur mit Widerwillen zu weiteren Dienstleistungen bereit sind."
Dienst-Verdrossenheit?
Bundesrat Kobelt habe gegen diese Verdrossenheit eine Aufmunterungsrede gehalten, die von London "sogar beifällig kommentiert" worden sei.
"Mehr kann London allerdings für die Schweiz nicht tun. Von verbindlichen Worten kann indessen niemand leben, am wenigsten das Schweizer Volk, das seit langem von der Substanz zehrt und seine Kräfte in einer von England gewollten Situation aufbraucht."
Die Nationalsozialisten
waren offensichtlich generell ausserstande, den Geist und den Wert der Freiheit
zu erkennen - und damit die ohne Freiheit nicht vorstellbare Eidgenossenschaft
auch nur ansatzweise zu verstehen.
Jürg Stüssi-Lauterburg