Nr. 20, 10. September
2004
Ein Diskussionsbeitrag aus französischem
Blickwinkel
Das Ende der Schweiz?
Von Prof. Pierre
Hillard
Die Abschaffung der Landesgrenzen und die Vereinigung
der verschiedenen Völkergruppen in einen einzigen Block würde nicht
nur das politische Gleichgewicht Europas über den Haufen werfen, sondern
die Auflösung der Schweiz herbeiführen.
Auch wenn es zutrifft,
dass die Schweiz der Europäischen Union (EU) nicht angehört, so
ist die EU nichtsdestotrotz der politisch, wirtschaftlich und kulturell unausweichliche
Pol der schweizerischen Eidgenossenschaft.
Beschleunigte Anpassung
Dieser Verankerung kommt um so grössere Bedeutung zu, als die Schweiz
seit 1963 Mitglied des Europarates ist. Sie hat sich demzufolge Massnahmen
zu unterziehen, die sie unweigerlich auf
einen EU-Beitritt vorbereiten. Seit 1999 regeln sieben bilaterale Abkommen,
die am 1. Juni 2002 zwischen der EU und der Schweiz in Kraft getreten sind,
den freien Personenverkehr, den Landverkehr, den Luftverkehr, die Forschung
usw. Diese Elemente beschleunigen die Anpassung der helvetischen Strukturen
an den viel grösseren, im Aufbau begriffenen europäischen Staat.
Auch wenn die Regierungs-Bestrebungen in Richtung Beitritt zur Europäischen
Union am 4. März 2001 mit der Ablehnung der Volksinitiative «Ja
zu Europa» einstweilen gestoppt wurden, lassen sich doch Signale orten,
die den Weg zu einem vollen Beitritt signalisieren.
Ahnungslose Bürger
So haben am 21. Januar 2004 die schweizerischen Behörden die Unterzeichnung
eines Schlüsseldokumentes für den europäischen Aufbau, die
sogenannte «Charta der lokalen Unabhängigkeit», angekündigt.
Doch vor dem Einstieg der Schweiz in das europäische Abenteuer müssen
die Bürger dieses Landes die Hintergründe der Union kennen und die
bestimmende Rolle Deutschlands in dieser Sache begreifen. In Tat und Wahrheit
wird ein Vollbeitritt der Schweiz zur EU politische, geopolitische und soziale
Konsequenzen nach sich ziehen, von denen die Bürger keine Ahnung haben.
Die Schlüsseldokumente, denen sich die Schweiz unterordnen muss, wenn
sie sich von den Brüsseler Behörden zum Ritter schlagen lassen will,
sind die folgenden:
Ethno-linguistische Prinzipien unterstützen die Volksstämme, nicht
die Bürger. Die Charta der regionalen oder minderheitlichen Sprachen
und das Rahmenabkommen für den Schutz der Minderheiten stellen die Ethnisierung
Europas in den Vordergrund. Diese beiden Dokumente entstammen einem
äusserlich europäisch anmutenden, jedoch deutsch organisierten Institut,
der FUEV (Föderalistische Union europäischer Volksgruppen oder UFCE,
Union fédéraliste des communautes ethniqués européennes,
mit Sitz in Flensburg, Norddeutschland). Sein Präsident, der rätoromanische
Schweizer Romedi Arquint, Mitglied des Bündner Kantonsrates, leitet dieses
Institut seit 1996. Die FUEV wird von zahlreichen Instituten unterstützt.
Das solideste Bindeglied zwischen der Regierung in Berlin und den Instanzen
dieser Organisation ist das deutsche Bundesinnenministerium. Gegenwärtig
ist es Detlev Rein, ein hoher Funktionär des Innenministeriums der Bundesrepublik
Deutschland, der diese Verbindungsposition einnimmt. Die Aufgabe der FUEV
ist es (Artikel 3), «einen föderalistischen Aufbau Europas zu begünstigen,
welcher jeder ethnischen Gruppe ihr Überleben und ihre Eigenheit zusichert
und für jede von ihnen die Unabhängigkeit anvisiert».
Deutsch orientierter Sprachzwang
Ganz im Zeichen des Strebens nach diesem Ideal nimmt das Rahmenabkommen für
den Schutz der Minderheiten im Jahre 1994 Gestalt an. Zu verdanken ist dies
der Ausdauer Rolf Gossmanns, des Vorgängers von Detlev Reins. Dank dieser
Persönlichkeit fanden die wichtigsten von der FUEV vertretenen ethnizistischen
Grundsätze, wie die Förderung aller den Minoritäten eigenen
Charakteristiken (Artikel 5), Aufnahme in das Abkommen, das am 1. Februar
1998 in Kraft trat. Dieses wird im übrigen weiter abgestützt durch
die Resolution 192 (1988) des CPLRE (Congrès des Pouvoirs locaux et
régionaux d'Europe, Kongress der lokalen und regionalen Behörden
Europas) des deutschen Berichterstatters Herbert Kohn (Mitglied des juristischen
Komitees der FUEV), die die Charta der regionalen und minderheitlichen Sprachen
änderte. Diese trat am 1. März 1998 in Kraft. Die Charta verpflichtet
zum obligatorischen Gebrauch einer regionalen Sprache in allen Bereichen,
also Justiz, Medien, Verwaltung, Erziehung, usw. Diese ethno-linguistische
Anerkennung ist von um so grösserer Bedeutung, als die FUEV über
den deutschen Innenminister ein gutes Hundert autonomistischer Bewegungen
in Europa unterstützt, zum Beispiel die «Ligue savoisienne»
von Patrice Abeille.
Die Auflösung der nationalen Grenzen
Doch wirklich entfalten kann sich die Identitäts-Förderung nur durch
die Förderung des Regionalismus und durch die Auflösung der nationalen
Grenzen. Die Regionalisierung Europas basiert auf zwei Dokumenten: auf der
Charta der lokalen Autonomie und dem Entwurf einer Charta der regionalen Autonomie.
Die Charta der lokalen Autonomie stützt sich ursprünglich auf ein
Dokument des CPLRE mit dem Titel «Die regionalen Institutionen in Europa»,
erstellt im Jahre 1980 von einem Deutschen mit (französischem) Namen
Galette, dessen Arbeit unter Leitung des belgischen Berichterstatters Lucien
Harmegnies zur Resolution 126 (1981) führte. In der Arbeitsgruppe befand
sich neben M. Galette auch ein Schweizer namens Jean Meylan. Die Charta, die
am 1. September 1988 in Kraft trat, garantiert die
Unabhängigkeit in allen Bereichen: Finanzen, Verwaltung, Justiz usw.
Sie gestattet es einer Volksgruppe, die auf einer geographisch klar abgegrenzten
Fläche lebt, auch die vollständige Autonomie zu erreichen.
Den gleichen Prinzipien folgt der Entwurf der Charta über regionale Autonomie,
die durch die Empfehlung 34 (1997) des CPLRE lanciert und durch deren Wortführer,
den sozialistischen Berichterstatter von Niedersachsen, Peter Rabe, vorgebracht
wurde. Zu Beginn der Lancierung dieses
Regionalisierungsprojektes war der Genfer Claude Haegi Präsident der
Arbeitsgruppe. Nach seiner Ernennung zum Präsidenten der CPLRE überliess
er seinen Sessel dem Katalanen Llibert Cuatrecasas. Offiziell vorgestellt
wurde dieses Dokument am 22. März 1996 durch die Landesregierung von
Niedersachsen. Dessen Ministerpräsident hiess damals Gerhard Schröder.
Kaltgestellter Bundesrat
Auch dieses Projekt übernimmt die Prinzipien, die in der Charta der lokalen
Autonomie niedergelegt sind, jedoch in grösserem Umfang. Das heisst:
Wir wohnen gegenwärtig der Geburt von «Regional-Staaten»
bei, deren politische Behörden immer mehr mit den supranationalen Behörden
in Brüssel verhandeln werden, nicht mehr mit den nationalen Behörden,
die in Tat und Wahrheit kaltgestellt werden. Sollte auch die Schweiz (wie
alle anderen europäischen Länder) dem Entwurf der Charta über
die regionale Autonomie wie auch der Charta über lokale Autonomie zustimmen,
so würde dies bedeuten, dass für die kantonalen Behörden Brüssel
zum effektiven Ansprechpartner würde und immer weniger der Schweizerische
Bundesrat. Das Phänomen wird sich um so eindrücklicher bemerkbar
machen, als die nationalen Grenzen unter dem Einfluss einer Verfügung
namens Interreg und dank der Einwirkung des europäischen (aber in Wirklichkeit
deutschen) Institutes ARFE (Association des régions
frontalières européennes, Vereinigung der europäischen
Grenzregionen, mit Sitz in Gronau, Deutschland) sich immer weitgehender in
administrative Grenzen verwandeln. Basierend auf dem Prinzip der Euroregionen,
d.h. territoriale Gebilde von einigen tausend Quadratkilometern auch beidseits
von Landesgrenzen, verliert die Landesgrenze an Bedeutung und macht den Weg
frei für Änderungen im Grenzverlauf, die wirtschaftlichen und/oder
ethnischen Kriterien Rechnung tragen. In der Tat ermöglicht Artikel 16
des Entwurfs über die Regionalisierung eine Neudefinierung der Grenzen.
Damit ist der Weg offen für Grenzveränderungen jeglicher Art. Ausserdem
zwingt die Präambel des Projektentwurfes über regionale Autonomie
die Regionen, die in ihrem Hoheitsgebiet lebenden Minoritäten zu schützen.
Wir werden also das Entstehen des Ethno-Regionalismus erleben.
Chronische Instabilität in Europa
Seit einigen Jahren sind unter der Bezeichnung «Arbeitsgemeinschaften»
verschiedene Wirtschaftsblöcke entstanden, welche ungeachtet der bestehenden
Grenzen regionale Volksgruppen um sich vereinen. Dies ist der Fall für
die Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer oder für die von der ARFE
abhängige Gruppe Alpen-Adria. Die Schweizer Kantone Graubünden,
Tessin und St. Gallen sind übrigens Mitglieder. Die politische Vorrangstellung,
die den Regionen auf Kosten des Staates eingeräumt und durch wirtschaftliche
Interessen und zur Förderung der Ethnolinguistik mit Verpflichtungen
verstärkt wurde, kündigt eine chronische Instabilität in Europa
im allgemeinen - und den
sicheren Untergang der Schweiz an.
In Anstrebung des ethnischen Ideals werden in den europäischen Instanzen,
insbesondere im Europäischen Parlament, tatsächlich Massnahmen zur
Auflösung der Staaten vorbereitet. Dies trifft auf eine politische Partei
zu, auf die «Parti démocratique des peuples d'Europe - Alliance
Libre européenne (PDPE - ALE, Demokratische Partei der europäischen
Völker - Freie europäische Allianz). Diese Partei arbeitet mit den
europäischen Grünen zusammen, im besonderen mit den deutschen Grünen,
aber auch mit der UFCE, die von den Berliner Behörden unterstützt
werden. Sie vereint zahlreiche Unabhängigkeitsbewegungen, deren Ideal
darin besteht, sich loszusagen von den Staatsbehörden der Länder,
in denen sie leben. Dieser Wille ist um so intensiver, als das ganze politische
Arsenal der EU (Regionalisierung, Abschaffung der Landesgrenzen, Unterstützung
und Sammlung der Volksstämme)
darauf abzielt, diese geopolitische Revolution zu ermöglichen. Eine deutsche
Formel aus dem 19. Jahrhundert fasst perfekt zusammen, was Europa und die
Schweiz erwartet, falls diese Texte zur Anwendung kommen: «Man muss
das ethnische Substrat aus dem Staatswesen herauslösen, bevor man neue
Zusammenstellungen schaffen kann.»
Auflösung der Schweiz
Angesichts dieser Formel ist die zu diesem Artikel abgedruckte Karte (aus
dem Jahr 1997, Europa mit 15 Mitgliedern) von doppeltem Interesse. Einerseits
liefert sie uns die Liste der verschiedenen Unabhängigkeitsbewegungen,
die durch die PDPE-ALE die Unterstützung der deutschen Politbehörden
geniessen. Doch ihr immenses Interesse liegt vor allem in der klaren Darstellung,
dass die Abschaffung der Landesgrenzen und die Vereinigung der verschiedenen
Völkergruppen in einen einzigen Block nicht nur das politische Gleichgewicht
Europas über den Haufen werfen, sondern die Auflösung der Schweiz
herbeiführen würde. Der französischsprachige Teil der Schweiz
würde sich mit dem verstümmelten Körper Frankreichs (dem Norden)
vereinen, die italienisch-sprechende Schweiz würde sich Italien anschliessen.
Der rätoromanische Teil der Schweiz würde eine unabhängige
Einheit bilden. Vor allem aber würde die deutsche Schweiz vom deutschen
Körper vereinnahmt, der unter anderen Deutschland, Österreich, das
Südtirol, das Elsass, das Messinaland, Luxemburg und Eupen/Malmédy
umfasst. Das wäre ein Koloss von ungefähr 90 Millionen deutschsprachigen
Menschen, der im Herzen Europas viel Gewicht hätte. Die zersprengten
westlichen Länder wie Frankreich, Grossbritannien oder Spanien, dessen
katalanische und baskische Regionen unverhohlen die «freie Vereinigung»
mit dem kastilischen Staat fordern, könnten gegenüber dem deutschen
Block wenig Einfluss geltend machen.
Mit dem Beitritt der zehn neuen Länder zur Europäischen Union am
1. Mai 2004 wird die Situation noch schwieriger. Ein dem Irredentismus unterworfenes
Zentraleuropa riskiert, noch mehr zersprengt zu werden. Sollten die deutsch-europäischen
Pläne integral umgesetzt werden, so würde sich die schweizerische
Eidgenossenschaft auf jeden Fall auflösen. Der Friede von Basel (1499),
welcher der Schweiz ihre politische Unabhängigkeit gegenüber dem
«Reich» sicherte, wäre null und nichtig. Die schweizerische
Eigenständigkeit wäre dann endgültig von der Europäischen
Union überrollt.
Ist es wirklich dies,
was die Schweizer anstreben?
Pierre Hillard
Die «Schweizerzeit»
verdankt diesen Leitartikel dem «Journal Franz Weber», in dessen
Ausgabe 67 er abgedruckt war. Sie bedankt sich für das ihr eingeräumte
Copyright.
Pierre Hillard hat Geschichte, Politik und Verteidigungsstrategie studiert.
Er ist Geschichtsprofessor und Verfasser des Werkes «Minorités
et régionalisme, Enquête sur le plan allemand qui va bouleverser
l'Europe» - «Minderheiten und Regionalismus, eine Untersuchung
über den deutschen Plan, der Europa umkrempeln wird», Verlag Francois-Xavier
de Guibert.
Internet: www.diploweb.com
à Pierre Hillard, Rubrik «recherche par auteur».