Nr. 20, 15. August 2003
Ein
Kampf mit ungewissem Ausgang
Dollar gegen Euro
Von Walter Hirt, Birmensdorf ZH
Bei der Einführung
des Euro wurde von Politikern und Ökonomen beschwörend
erklärt, der Euro werde so stark sein wie die Deutsche Mark man
halte sich
schliesslich strikt an den vereinbarten Stabilitätspakt.
Nur wenige namhafte Kritiker
wagten, Zweifel anzumelden. Die Wirklichkeit
entwickelte sich dann allerdings ganz anders, als es die Propaganda für
den
«starken Euro» vorausgesagt hatte. Ab dem 1. Januar 1999 ging
es mit dem
Euro während fast zwei Jahren steil berg-ab, von $ 1.18 auf $ 0.83 im
Oktober 2000. Der ausgeprägte Wertverlust verstimmte die Anleger, doch
die
Exporteure und die Politiker frohlockten über die Vorteile eines sich
abschwächenden Euro.
Es lässt sich endlos darüber streiten, womit die Welt derzeit konfrontiert
ist. Mit einer Dollar-Schwäche, die den Euro in die Höhe treibt,
oder mit
einer Euro-Hausse, die den Dollar absacken lässt. Ist der Euro vielleicht
doch eine starke, gesunde Währung? Wie weit wird der Dollar noch sinken?
Und
wo liegt die Limite für den Schweizer Franken?
In der Sackgasse
Keine Währung dieser Welt ist wirklich gesund, alle kranken an ökonomischen
Altlasten, die zunehmend ausser Kontrolle geraten. Und gleichzeitig belasten
volkswirtschaftliche Strukturprobleme, wie sie nach langen Wirtschaftszyklen
von rund 60 Jahren üblich sind, die Gegenwart. Derzeit erreichen die
Probleme allerdings rekordhafte Ausmasse, weil noch nie in der Geschichte
der Menschheit die Verschuldung auf allen Ebenen so gigantisch gewesen ist
wie heute und weil eine historische Liquiditätswelle schwerwiegend irreale
Wirtschaftsblasen aufgebläht hat, was mit einer immensen Inflationierung
der
Finanzmärkte einherging. Das derzeitige Währungsgeschehen ist ein
Kampf um
Relationen, um Einflussnahme und Entmachtung von Menschen, welche diese
Relationen bestimmen wollen.
Viele politische «Macher», die behaupten, die Werkzeuge zur Abwehr
wirtschaftlicher Katastrophen und die Macht zur Durchsetzung «geeigneter
Massnahmen» zu besitzen, sind längst als Bluffer entlarvt worden.
Wer
vorgibt, negative Einflüsse verhindern zu können, verstrickt sich
meist noch
unentrinnbarer in die Misere weil geschummelt, gekleistert, geschminkt
und
verdrängt wird. Weil harte, ehrliche Arbeit für nachhaltige Lösungen
gescheut wird. Auf beiden Seiten des Atlantiks sind solch negative
Mechanismen mit atemberaubender Ruchlosigkeit perfektioniert worden; die
Amerikaner vertuschen sie hinter arrogantem Machtbewusstsein, die Europäer
im gegenseitigen Hickhack um nationale Vorteile, was nur noch jenen
«Wohlfahrtsstaat» verlängert, der in der heutigen Form ohnehin
nicht
überleben kann. In Wahrheit stecken Amerika und Europa heute gleichermassen
in der Sackgasse.
Der Euro
Der Euro ist von Anfang an als schwerkranke Währung entstanden. Er wird
letztlich wenig Chancen zum Überleben haben. Nach seiner Geburt sind
ihm
unablässig nationale Probleme der Mitgliedsländer aufgeladen worden;
er ist
in immer wieder neue Zwänge eingebettet worden. Der einschneidendste
dieser
Zwänge ist in den letzten Monaten weggeschoben worden: Der seinerzeit
auf
nachdrückliches Begehren der deutschen Regierung durchgeboxte
Stabilitätspakt, der das Vertrauen in den Euro hätte nähren
sollen, ist
zusammen mit Tausenden salbungsvoller Sprüche früherer Jahre
stillschweigend zu Grabe getragen worden.
Trotzdem: Die seit bald zwei Jahren anhaltende Euro-Stärke hat viele
überrascht, weil sich im gleichen Zeitraum die wirtschaftlichen Probleme
in
Deutschland, Frankreich, Italien und Holland deutlich verschärft haben,
weil
die Probleme der Sozialversicherungen gravierend eskalieren, weil die
Politiker ratloser als je zuvor sind. Das deutet darauf hin, dass wir eher
in einer Phase der Dollar-Schwäche als der Euro-Stärke leben. Im
Klartext:
Die Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Währung werden für
die USA von den
Märkten als noch schlechter beurteilt als jene für Europa! Das ist
vielsagend: Die lange verborgenen Altlasten in den USA (exorbitante
Verschuldung von Staat, Wirtschaft und Privathaushalten) werden als
zunehmend gravierend und kaum noch zu verkraften erkannt. Deren
systemimmanentes Weiterwuchern könnte ein Grund sein für die amerikanischen
Machtdemonstrationen an allen Fronten immer mit dem Sendungsbewusstsein
vorgetragen, dass mit Macht, Geld und Power alles machbar sei.
US-Wahlkampf
Zur erfolgreichen Wiederwahl benötigt George W. Bush als Präsident
eine
Wirtschaft, die «Freude verbreitet», zumal die aussenpolitischen
Lorbeeren
noch nicht gesichert sind. Also wird die US-Regierung alles unternehmen, um
die Wirtschaft zur Blüte zu bringen. In den nächsten achtzehn Monaten
dürften etwa 260 Milliarden Dollar in die Taschen der Steuerzahler und
Unternehmer fliessen, was das Bruttoinlandprodukt (BIP) um einen
Prozentpunkt steigen lassen sollte. Gleichzeitige Steuersenkungen werden das
Budget der USA aus allen Fugen brechen lassen was heute kaum jemanden
stört, da es zuallererst gelte, das deflationäre Umfeld zu beseitigen.
Die allermeisten Amerikaner werden die tieferen Zusammenhänge nicht
verstehen und sich ganz einfach über zusätzliches Geld in der Tasche
freuen.
Allerdings ist keineswegs garantiert, dass das «geschenkte Geld»
tatsächlich
in den Konsum fliesst. Es könnte sich auch in die Börsen ergiessen,
zur
Schuldenabtragung genutzt oder in Anbetracht
der Unsicherheiten bei der sozialen Vorsorge auf die hohe Kante gelegt
werden.
Druck aus Washington
Dies veranlasst die US-Regierung derzeit dazu, ihren Druck auf die übrigen
Industrieländer zu verstärken, die nach Meinung Washingtons mehr
für die
Stimulierung der Weltkonjunktur tun sollten. Die USA wollen die Rolle der
«dampfenden Lokomotive für die Weltwirtschaft» nicht länger
allein spielen
müssen. Vielmehr wolle man jetzt die eigene Wirtschaft ankurbeln und
die
Deflation «exportieren». Als Druckmittel eignet sich aus der Sicht
der USA
in erster Linie der Dollar, weil mit dessen Abwertung die Europäer und
Japaner zur «Reflationierung» gezwungen werden könnten. Wenn
Europa und
Japan dem amerikanischen Beispiel folgen würden, dann sei 2004 ein
weltweiter Konjunkturaufschwung zu erwarten. Man müsse jetzt aber
verhindern, dass die Europäer und Japaner ihre Währung verteidigten,
statt
die Binnenwirtschaft zu stimulieren.
Kompetitive Abwertungen
Was «kompetitive Abwertungen» bewirken können, weiss man
aus den dreissiger
Jahren. Aber die USA scheinen diese Gefahren in Kauf zu nehmen. Die
europäischen Staaten haben sich deshalb auf massivsten wirtschaftlichen
Druck gefasst zu machen, dem «Alten Europa» dürfte erneut
massiv eingeheizt
werden. Die Märkte werden mit wechselnden Beurteilungen und Prognosen
reagieren, und die Gewichtung der vielen Einflüsse wird die Währungen
laufend verändern, weshalb Voraussagen schon auf mittlere Sicht unmöglich
sind.
Der erstarkende Euro hat in den zurückliegenden Monaten manchen Skeptiker
der Einheitswährung überrascht, verunsichert, zum Handeln veranlasst.
Das
Wissen um den relativen Charakter von Währungen mag dazu verhelfen, die
Euro-Stärke allmählich «verstehen» zu können: Der
Kampf zwischen Dollar und
Euro ist voll im Gange, der Ausgang ungewiss! Es ist ein Kräftemessen
zwischen Amerika und Europa auf schmalem Grat mit schroffen Klippen. Und es
ist ein Kampf zweier Invalider, die beide den gesunden Weg verpasst haben.
Die Verflechtung des internationalen Handels und der Finanzmärkte erzeugt
ein diffiziles Netz von Abhängigkeiten, ein filigranes Räderwerk,
angetreten
von wirtschaftlichen und markttechnischen Schwungrädern, was eine
Maschinerie ergibt, in der kein Rad ohne das andere dreht. Wenn die
amerikanische Regierung beschliesst, den Dollar «sausen zu lassen»,
erzeugt
das Schwingungen durch alle mit Amerika wirtschaftlich verbundenen Länder
hindurch. Die Politik versucht, die Devisenmärkte «an die Leine
zu nehmen».
Damit werden die Wechselkurse in Richtungen und auf Niveaus getrieben, die
von der Politik als wünschbar taxiert werden. Die Krux aber ist, dass
diese
Märkte, haben sie einmal Fahrt aufgenommen, ein Eigenleben entfalten
können,
das dem politischen Willen entgleitet. Der Wahn von der Machbarkeit
wirtschaftlicher Wunschvorstellungen wird von den Märkten nicht selten
mit
Überraschungen bestraft, die für alle Beteiligten äusserst
kostspielig
werden.
Gold-Dinar
Eine interessante, kontroverse Diskussion zur Bewegung der Währungen
hat der
Irak-Krieg verschärft: Gerüchteweise wird herumgeboten, Saddam Hussein
habe
in der Schlussphase seiner Herrschaftszeit noch versucht, dem «US-Terror
mit
dem Öldollar» (Saddams Sprache) auszuweichen, indem er das irakische
Öl
gegen Euro zu verkaufen sich anerboten habe. Entsprechende Verträge (als
Partner wird Frankreich vermutet) sollen vorbereitet gewesen sein. Und
Saddam solle auch versucht haben, den Iran sowie Saudi-Arabien auf seine
Linie zu locken was die US-Regierung nachhaltig für den Krieg gegen
den
Irak motiviert habe.
Gerüchte zwar aber wohl nicht ohne teilweise reale Grundlage. Zumal
das,
was Saddam Hussein als Versuch im Vorderen Orient nachgesagt wird, auch in
Asien stattfindet. Federführend ist der Präsident Malaysias, Dr.
Mahatir ben
Mohammed. Um der Dollar-Dominanz der Amerikaner zu entgehen, hat er das
Projekt des Gold-Dinar vorangetrieben: einer Währung auf Goldbasis, die
in
allen islamischen Ländern an Stelle des Dollar benutzt werden solle.
Zweifellos eine verwegene Idee, der gewisse Chancen aber nicht von vorn
herein abgesprochen werden können.
Womit die politische Dimension der vordergründig schwer erklärbaren
Währungsschwankungen und -entwicklungen noch ausgeweitet wird.
Walter Hirt (Aus «Wirtschaft
aktuell», Ausgabe vom 12. Juni 2003)